Alkoholkontrolle: Atemgeräte messen falsch
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AlkoholkontrolleAtemgeräte messen falsch

Die Alkohol-Atemmessgeräte, die von den Schweizer Polizei-Korps verwendet werden, ticken falsch. Die Messungen sind im Durschnitt 20 Prozent unter dem tatsächlichen Alkoholwert. Die Polizei ist überrascht, nicht jedoch der Bund.

«Es ist fraglich, ob solche Messungen für gerichtliche Zwecke überhaupt erlaubt sein sollen», sagte der Zürcher Rechtsmediziner Peter Iten am Mittwoch vor den Medien. Für die von ihm geleitete Studie der Universität Zürich schauten 212 Probanden bewusst zu tief ins Glas und gaben mehrere Atemtests und eine Blutprobe ab.

Damit konnte das Institut für Rechtsmedizin 212 Blutproben und 2012 Atem-Messungen miteinander vergleichen. Es kommt zum Schluss, dass getestete Autofahrer in Wirklichkeit mehr Alkohol im Blut haben als die Polizei bei den Atem-Alkoholmessungen feststellt. Untersucht wurden die drei von Schweizer Polizei-Korps am häufigsten benutzten Alkohol-Messgeräte.

Umrechnungsfaktor zu tief angesetzt

Die Resultate zeigen, dass der Alkoholgehalt im Blut durchschnittlich 20 Prozent höher war als der Wert, den das Gerät ausrechnete. Der Grund: Der Umrechnungsfaktor, mit dem aus dem Alkoholgehalt im Atem jener im Blut berechnet wird, sei falsch.

«Um zu richtigen Resultaten zu kommen, müsste dieser Faktor etwa 2400 betragen», sagte Iten. Der im Schweizer Gesetz festgelegte Faktor 2000 sei viel zu tief und entscheide somit zugunsten alkoholisierter Fahrer. Das Bundesamt für Strassen (Astra) hatte diesen Wert 2005 in Anlehnung an andere Länder festgesetzt.

Laut einem Vertreter eines der Geräte-Herstellers könnte der Wert «problemlos» nach oben korrigiert werden. Beim Astra will man davon aber nichts wissen. Der Wert sei bewusst so tief angesetzt, weil man sicher sein wolle, dass man keine Unschuldigen bestrafe, sagte Astra-Sprecher Thomas Rohrbach auf Anfrage.

Beat Hensler, Präsident der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten zeigte sich gegenüber der SDA überrascht: Der Befund sei für ihn völlig neu, sagte der Kommandant der Luzerner Kantonspolizei.

Die Frage gehe in erster Linie an die Gerichte. Wenn diese die Messwerte nicht mehr akzeptierten, gebe es auf jeden Fall Handlungsbedarf. Der Touring Club Schweiz (TCS) fordert den Bund auf, den Vorschlag von Iten für eine Erhöhung des umstrittenen Faktors zu prüfen.

«Via Sicura» will nur noch Atem-Messungen

Mit dem geplanten Verkehrssicherheitsprogramm «Via Sicura» des Bundes könnte die Problematik der ungenauen Messungen ohnehin bald hinfällig werden. Das Programm, das bis 15. März 2009 noch in der Vernehmlassung ist, sieht nämlich vor, Blutproben nur noch in Einzelfällen anzuordnen.

Die Polizei soll alkoholisierte Lenker ausschliesslich mit einem neuartigen Messverfahren per Atem-Tests ertappen. Die Umrechnung in Blut-Alkohol und somit auch der umstrittene Rechnungsfaktor 2000 würden dabei wegfallen.

Geräte seit 2005 zugelassen

Seit 1. Januar 2005 ist die Verwendung der umstrittenen Atem- Alkoholmessgeräte zugelassen - für den Bereich von 0,5 bis 0,79 Promille. Von 0,8 Promille an aufwärts gilt der Atemtest nach wie vor nur als so genannte Vorprobe und Entscheidungshilfe zur Anordnung einer Blutprobe.

Ebenfalls per 1. Januar 2005 wurde in der Schweiz die Strafbarkeitsgrenze von 0,8 auf 0,5 Promille gesenkt. Der Bereich von 0,5 bis 0,79 Promille gilt strafrechtlich nur als Übertretung und wird weniger hart bestraft als Werte über 0,8 Promille. (sda)

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