Las Vegas: Atombombentests waren einst Touristen-Highlights
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Las VegasAtombombentests waren einst Touristen-Highlights

Heute lockt Las Vegas mit seinen Casinos und Shows. Früher gab es noch eine strahlendere Attraktion: Atombombentests in nächster Nähe.

von
Fee Riebeling
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Atombombentests und dazu noch in der Nähe einer hoch frequentierten Stadt sind aus heutiger Sicht unvorstellbar. Schliesslich wird bei der Detonation jede Menge Radioaktivität freigesetzt. (Im Bild: die Fremont Street in Las Vegas mit dem Atompilz einer 37-Kilotonnenbombe im Hintergrund, 1957)

Atombombentests und dazu noch in der Nähe einer hoch frequentierten Stadt sind aus heutiger Sicht unvorstellbar. Schliesslich wird bei der Detonation jede Menge Radioaktivität freigesetzt. (Im Bild: die Fremont Street in Las Vegas mit dem Atompilz einer 37-Kilotonnenbombe im Hintergrund, 1957)

Don English/Las Vegas News Bureau
Mitte des letzten Jahrhunderts sah man das deutlich entspannter: Zwischen 1951 und 1962 wurden vor den Toren Las Vegas' insgesamt 119 Atombomben überirdisch gezündet. (Im Bild: die Fremont Street in Las Vegas mit dem Atompilz einer 37-Kilotonnenbombe im Hintergrund, 1957)

Mitte des letzten Jahrhunderts sah man das deutlich entspannter: Zwischen 1951 und 1962 wurden vor den Toren Las Vegas' insgesamt 119 Atombomben überirdisch gezündet. (Im Bild: die Fremont Street in Las Vegas mit dem Atompilz einer 37-Kilotonnenbombe im Hintergrund, 1957)

Don English/Las Vegas News Bureau
Aber das ist noch nicht alles. Weil noch nicht klar war, was Radioaktivität anrichten kann, zogen die Atombombentests jede Menge Schaulustige an. (Im Bild: ein Atomtest in der Wüste Nevadas, 1957)

Aber das ist noch nicht alles. Weil noch nicht klar war, was Radioaktivität anrichten kann, zogen die Atombombentests jede Menge Schaulustige an. (Im Bild: ein Atomtest in der Wüste Nevadas, 1957)

Don English/Las Vegas News Bureau

Las Vegas war einst nicht nur wegen der Mafia ein gefährlicher Ort. Zwischen 1951 und 1962 wurden hier nämlich Besucher wie Einheimische einer unsichtbaren Gefahr ausgesetzt: radioaktiver Strahlung. Sie wurde bei über 100 überirdischen Atombombentests freigesetzt.

Dass das schwerwiegende und in vielen Fällen tödliche Folgen haben würde, ahnte damals niemand. Stattdessen glaubte man, was die Zeichentrick-Schildkröte Bert the Turtle (siehe Video unten) Schulkindern empfahl: «Duck and Cover» – im Fall des Falles sollte man sich einfach unter einen Schreibtisch kauern. Das reiche.

Einst wertlos, jetzt wichtig fürs Vaterland

Die Bomben wurden damals rund 100 Kilometer nördlich von Las Vegas gezündet. Dort war im Auftrag von Präsident Harry S. Truman die Nevada Test Site (seit 2010 Nevada National Security Site) errichtet worden, ein rund 3500 Quadratmeter grosses und hermetisch abgeriegeltes Sperrgebiet.

Nevadas Verantwortliche zeigten sich damals hocherfreut. Wie Spiegel.de schreibt, gab Gouverneur Charles Russell stolz bekannt, «das wertlose Terrain sei nun endlich einem guten Zweck zugeführt – nämlich der Verteidigung des Vaterlands». Schliesslich herrschte damals der Kalte Krieg.

«Duckt euch, wenn die Atombombe kommt»

Im Animationsfilmchen «Duck and Cover» von 1951 zeigt Schildkröte Bert The Turtle Schuldkindern, wie sie sich bei einer Atombombenexplosion verhalten sollten. (Video: Archer Productions, Inc.)

In «Duck and Cover» (1951) zeigt Bert the Turtle, wie man sich vor 10-Megatonnen-Bomben schützen kann. (Video: Archer Productions, Inc.)

Atombomben als Verkaufsargument

Auch für die Entwicklung von Las Vegas erwies sich Trumans Entscheidung als gut. Denn nicht nur die Bewohner der Wüstenstadt wollten dem Spektakel – den Atompilz mit eigenen Augen sehen und die Druckwelle spüren – beiwohnen, sondern auch Touristen.

Entsprechend reagierte die Stadt (siehe Bildstrecke): Hotels boten auf die Atomtest-Termine zugeschnittene Pauschalarrangements an, Restaurants servierten Atomic Cocktails und Atom-Burger. In den Läden gab es spezielle Atombomben-Ausverkäufe mit wahlweise «nuked» (plattgemachten), «vaporized» (verdampften) oder «blasted» (gesprengten) Preisen.

Kurz: Die Verantwortlichen fuhren alles auf, was ihnen in den Sinn kam – sogar Misswahlen. Neben der Miss Atomic Blast wurden unter anderem eine Miss A-Bomb, eine Miss Cue und eine Miss Big Bang gekürt. Selbst die Stadt trug den Spitznamen Atomic City.

Atomwaffen als Marketing-Tool

Es gab nichts, was es nichts gab – Hauptsache es hatte mit Atombomben zu tun. (Video: ClarkCountyNV)

Es gab nichts, was es nichts gab – Hauptsache, es hatte mit Atombomben zu tun. (Video: ClarkCountyNV)

Die Party ist zu Ende

Mit alldem war 1963 aber Schluss, nachdem Präsident John F. Kennedy den Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser – kurz: das Moskauer Atomteststoppabkommen – unterzeichnet hatte. Die nächsten 828 Tests fanden zwar am gleich Ort, aber unterirdisch statt. 1992 war dank des Teststopp-Memorandums auch damit Schluss.

Doch die strahlendste Phase von Las Vegas hat deutliche Spuren hinterlassen. So im Wüstensand. Die damals in den Boden gesprengten Krater sind bis heute weithin sichtbar. Der grösste misst 396 mal 97 Meter. Er entstand 1962 durch eine rund 104 Kilotonnen schwere thermonukleare Detonation. Damals wurden auf einen Schlag gut zwölf Millionen Tonnen Erde verdrängt.

Aber auch für die Menschen, die dem Fallout der überirdisch gezündeten Atombomben ausgesetzt waren, hatten die Tests Folgen: Viele Soldaten, Anwohner und Touristen erkrankten an Leukämie. Wie viele Personen genau von den Tests in Mitleidenschaft gezogen wurden, ist unbekannt. Aber es dürften mehrere Tausend gewesen sein.

Atombomben-Bodentest in Nevada, 1958

Operation Hardtack-2 - Rushmore 60528

Einer der Atombomben-Bodentests in Nevada fand 1958 im Rahmen der Operation Hardtack-2 – Rushmore 60528 statt. (Video: Youtube/Lawrence Livermore National Laboratory)

Prominente Opfer

Auch die Crew des John-Wayne-Streifens «The Conqueror» wurde Opfer der Radioaktivität: Ohne zu wissen, welcher Gefahr sie sich aussetzte, drehte sie 1956 einige Zeit auf dem Gelände. 30 Jahre später waren 91 Mitglieder des 220-köpfigen Filmteams an Krebs erkrankt, schon 1981 waren bereits 46 der Beteiligten an Krebs gestorben. Dazu gehörte auch John Wayne.

Die US-Regierung legte später ein Programm zur Unterstützung der Betroffenen auf. Soldaten erhielten 75'000, Zivilisten 50'000 Dollar.

Die Crew von «The Conqueror» (1956) wusste nicht, welcher Gefahr sie sich beim Dreh aussetzte. (Video: Youtube/bswiders)

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