Gegenrezepte gesucht: Auch bei uns überstimmen die Alten die Jungen
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Gegenrezepte gesuchtAuch bei uns überstimmen die Alten die Jungen

Die unter 25-jährigen Briten hätten gegen einen Brexit gestimmt. Auch in der Schweiz dürften junge Stimmbürger zunehmend den Kürzeren ziehen.

von
J. Büchi
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Die junge Generation hat an der Urne weniger Gewicht als die alte. Bis 2035 dürfte laut Berechnungen die Hälfte der Stimmbürger über 60 Jahre alt sein.

Die junge Generation hat an der Urne weniger Gewicht als die alte. Bis 2035 dürfte laut Berechnungen die Hälfte der Stimmbürger über 60 Jahre alt sein.

Keystone/Jean-christophe Bott
Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen, sieht vor allem in der Altersvorsorge einen Generationenkonflikt:«Während wir ein Interesse daran haben, auch in 50 Jahren noch eine Rente zu bekommen, kann es sein, dass für Rentner und Babyboomer kurzfristige Interessen im Vordergrund stehen.»

Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen, sieht vor allem in der Altersvorsorge einen Generationenkonflikt:«Während wir ein Interesse daran haben, auch in 50 Jahren noch eine Rente zu bekommen, kann es sein, dass für Rentner und Babyboomer kurzfristige Interessen im Vordergrund stehen.»

Keystone/Peter Schneider
Wäre es nur nach den 18- bis 24-Jährigen gegangen, hätte England den Brexit wuchtig mit drei Viertel Nein-Stimmen abgelehnt.

Wäre es nur nach den 18- bis 24-Jährigen gegangen, hätte England den Brexit wuchtig mit drei Viertel Nein-Stimmen abgelehnt.

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Sie sind wütend, traurig, konsterniert: Unter dem Hashtag #NotInMyName machen junge Briten auf Twitter ihrem Ärger über das Brexit-Ja Luft. Nachbefragungen zufolge hatten sich die 18- bis 24-Jährigen mit wuchtigen 75 Prozent für einen Verbleib in der EU ausgesprochen.

Auch in der Schweiz wurden die Jungen schon von den älteren Semestern überstimmt. So hätten die 18- bis 29-Jährigen die Masseneinwanderungsinitiative laut der Vox-Analyse mit fast 60 Prozent verworfen. Das Ungleichgewicht dürfte in Zukunft noch zunehmen: Weil die Lebenserwartung steigt und weniger Kinder zur Welt kommen, leben in der Schweiz immer mehr alte Menschen. Wie die Denkfabrik Avenir Suisse berechnet hat, wird im Jahr 2035 die Hälfte der Stimmenden über 60 Jahre alt sein. Rentner können dann die Berufstätigen überstimmen. Die Schweiz sei auf dem Weg in eine «Herrschaft der Alten», warnte der Think Tank.

«Kurzfristige Interessen der Alten im Vordergrund»

Die Entwicklung bereitet Jugendvertretern Bauchschmerzen. Besonders krass sei der Generationenkonflikt bei der Altersvorsorge, sagt Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen. «Während wir ein Interesse daran haben, auch in 50 Jahren noch eine Rente zu bekommen, kann es sein, dass für Rentner und Babyboomer kurzfristige Interessen im Vordergrund stehen.»

Auch Nicola Jorio, Leiter des Projekts Easyvote beim Dachverband Schweizer Jugendparlamente, sagt: «Wenn die älteren Stimmbürger an der Urne übermässig viel Gewicht haben, drohen nicht nur in der Altersvorsorge, sondern auch in der Europa- und Migrationspolitik kurzsichtige Entscheide – die langfristigen Folgen werden ausgeblendet.»

«An der eigenen Nase nehmen»

Um Gegensteuer zu geben, schlägt Avenir Suisse vor, Kindern ab der Geburt ein Stimmrecht zu geben – wobei die Eltern sie bis zum 16. Lebensjahr an der Urne vertreten sollen. Auch Ausländer, die bereits während fünf bis acht Jahren Steuern gezahlt haben, sollen stimmen dürfen. Denn das Durchschnittsalter der ausländischen Bevölkerung liegt fast sieben Jahre unter jenem der Schweizer.

Silberschmidt lehnt die Massnahmen ab. «Die Bürgerrechte und -pflichten müssen miteinander einhergehen», findet er. Juso-Chefin Tamara Funiciello begrüsst zwar das Stimmrecht für Ausländer und über 16-Jährige. «Es wäre aber falsch, die Eltern für ihre Kinder abstimmen zu lassen. In der Demokratie gilt: One man, one vote.» Einig sind sie sich in einem Punkt: «Wir müssen uns auch an der eigenen Nase nehmen, wenn unsere Generation nicht abstimmen geht.»

Tatsächlich sind die älteren Stimmbürger nicht nur in der Überzahl – sie gehen auch viel häufiger an die Urne. Beim Brexit gaben 83 Prozent der Pensionierten ihre Stimme ab, aber nur 36 Prozent der 18- bis 24-Jährigen. Easyvote hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Stimmbeteiligung der Jungen in der Schweiz zu erhöhen. Leiter Nicola Jorio sagt: «Wir müssen Politik mit einfachen Worten erklären und so die Überforderung abbauen – und die Jugendlichen gleichzeitig für die politische Debatte begeistern.» Dafür sollen einerseits neutrale Abstimmungsinformationen sorgen, andererseits aber auch mehr politische Bildung an den Schulen.

«Alte haben mehr Lebenserfahrung»

Benjamin Fischer, Präsident der Jungen SVP hofft ebenfalls, dass künftig noch mehr Junge ihr Stimmcouvert einwerfen. Die Dominanz der Weisshaarigen ist für ihn aber nicht zwingend ein Problem: «Die ältere Generation hat das, was wir heute haben, aufgebaut. Zudem bringt sie mehr Lebenserfahrung mit», argumentiert er. Beim Brexit etwa hätten die Alten «mehr Weitsicht bewiesen», weil sie die EU nicht als alternativlos ansehen würden.

Beispielsweise beim Thema Überwachung sei zwar auch aus seiner Sicht die Gefahr zwar real, dass junge Stimmbürger von «digitalen Analphabeten» überstimmt werden. «Ich bin aber der Meinung, dass wir hier mit Argumenten überzeugen und nicht das System zu unseren Gunsten anpassen müssen.»

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