Religiöse Gewalt in Israel: Auch Christen vermehrt Ziel jüdischer Gewalt

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Religiöse Gewalt in IsraelAuch Christen vermehrt Ziel jüdischer Gewalt

Dass Priester in Israel angespuckt werden, ist nicht ungewöhnlich. In jüngster Zeit häufen sich aber Angriffe jüdischer Extremisten gegen Kirchen und Klöster. Nun wehrt sich der Vatikan.

von
kri

Im jüdisch-arabischen Dauerzwist geht gerne vergessen, dass Israel auch den Christen heilig ist und auch sie religiösem Hass ausgesetzt sind – und zwar von Seiten jüdischer Extremisten. Die Anfeindungen haben jüngst ein solches Ausmass erreicht, dass sich die katholische Kirche in Israel zu öffentlicher und ungewöhnlich scharfer Kritik genötigt sieht.

«Was ist los mit der israelischen Gesellschaft, dass sie zulässt, dass Christen zu Sündenböcken gemacht und Ziel von Gewalttaten werden?», klagt Pierbattista Pizzaballa in einem Interview mit AP. Die Worte des Franziskanermönchs haben Gewicht, denn er ist «Kustos des Heiligen Landes» und somit oberster Vertreter der katholischen Kirche in Israel. In seinen Verantwortungsbereich fallen unter anderem die Grabeskirche in Jerusalem sowie die Geburtskirche in Bethlehem, Sterbe- und Geburtsort von Jesus von Nazaret.

«Jesus ist der Sohn einer Hure»

Die ungewöhnlich scharfen Worte des ansonsten diskreten Kirchenvertreters sind eine Reaktion auf eine Reihe von Angriffen auf christliche Einrichtungen. Anfang September hatten jüdische Extremisten das Trappistenkloster in der Stadt Latrun, 20 Kilometer westlich von Jerusalem, angegriffen. Das Eingangstor wurde in Brand gesteckt und die Wände mit anti-christlichen Parolen («Jesus ist ein Affe») verschmiert.

Anfang Februar war es das Kreuzkloster in Jerusalem («Tod den Christen») und später eine Baptistenkirche («Jesus ist der Sohn einer Hure»). Die Schmierereien enthalten oft auch die Worte «Preisschild», Symbol für die berüchtigten Vergeltungsaktionen jüdischer Siedler gegen Palästinenser im Westjordanland.

Spuckattacken in Jerusalem

Noch schlimmer als diesen Vandalismus bewertet Pizzaballa allerdings einen Vorfall im israelischen Parlament, der Knesset. Im Juli zerriss der nationalistische Abgeordnete Michael Ben-Ari vor laufender Kamera eine Ausgabe des Neuen Testaments, die christliche Missionare zuvor ungefragt allen 120 Parlamentariern per Post zugeschickt hatten. Trotz der offensichtlichen Provokation der Missionare könne «kein Christ so etwas hinnehmen», sagt Pizzaballa - und verweist auf den umstrittenen Schmähfilm «Die Unschuld der Muslime» als Beispiel dafür, was religiöser Hass anrichten könne.

Der katholische Würdenträger äusserte sich bereits Anfang Monat in einem Interview mit der israelischen Tageszeitung «Haaretz» zu den inter-religiösen Spannungen. Darin beschrieb er den Hass, dem Christen in ihrem Alltag ausgesetzt sind und erinnerte sich an die Zeit, als er seine Tätigkeit in Jerusalem aufnahm: «Man warnte mich, dass die Leute mich bespucken werden, sollte ich in der Kutte in der Stadt herumlaufen. Das sei normal und ich sollte nicht beleidigt sein.» Egal wie hoch seine Stellung sei, jeder christliche Geistliche werde früher oder später auf der Strasse angespuckt oder beschimpft, sagte Pizzaballa.

Viele Worte, wenig Taten

Der 47-Jährige, der fliessend hebräisch spricht, macht beide Seiten für das problematische Verhältnis und allgemeine Klima der «Ignoranz» verantwortlich: Die christliche Gemeinde sei «winzig» und werde von der Mehrheit in Israel ignoriert. «Gleichzeitig haben wir als Minderheit nicht genug dafür getan, den israelischen Juden die Hand zu reichen», stellt er selbstkritisch fest.

Auch begrüsst er die Verurteilungen von offizieller Seite, betont aber, dass die Sache damit nicht erledigt sei. Zwei Wochen sind seit dem jüngsten Anschlag vergangen, aber trotz einer Erklärung von Premierminister Benjamin Netanjahu und Versicherungen der Polizei ist bisher niemand verhaftet worden. In einem offiziellen Communiqué verlangt Pizzaballa ausserdem ein Ende «der Lehre der Verachtung», mit der Kinder aus ultra-orthodoxen Familien indoktriniert werden.

Rund 155 000 israelische Staatsbürger bekennen sich zum christlichen Glauben, was zwei Prozent der Bevölkerung entspricht. Drei Viertel von ihnen sind Araber, die anderen sind Teil der russischen Einwanderer der vergangenen 20 Jahre. Die eine Hälfte gehört der katholischen, die andere der orthodoxen Kirche an. Beide Glaubensrichtungen verfügen über ein eigenes Quartier in der Jerusalemer Altstadt.

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