15.11.2018 17:52

Lobby soll entstehen

«Auch die nervigen Insekten sind wichtig»

Über 40 Prozent der Insekten sind gefährdet. Jetzt will ein Unternehmer eine Lobby für sie schaffen – und fordert mehr Einsatz von Bauern und Grossverteilern.

von
N. Knüsel
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Viele Insekten sind bedroht. Laut dem Bundesamt für Gesundheit sind 40 Prozent aller Arten gefährdet. So auch dieser Kleine Alpenbläuling.

Viele Insekten sind bedroht. Laut dem Bundesamt für Gesundheit sind 40 Prozent aller Arten gefährdet. So auch dieser Kleine Alpenbläuling.

Wikipedia/Philipp Weigell
Deshalb will Hans-Dietrich Reckhaus, der Initiator von Insect Respect, jetzt eine Lobby schaffen, die sich für deren Interessen einsetzt – und zwar mit dem ersten «Tag der Insekten», der am Donnerstag stattfindet.

Deshalb will Hans-Dietrich Reckhaus, der Initiator von Insect Respect, jetzt eine Lobby schaffen, die sich für deren Interessen einsetzt – und zwar mit dem ersten «Tag der Insekten», der am Donnerstag stattfindet.

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«Würden 40 Prozent der Insekten in der Schweiz aussterben, würden wir das sehr schnell merken», sagt Reckhaus. «Drei Viertel aller Pflanzen brauchen Bestäubung, insgesamt ist ein Drittel unserer Lebensmittel davon abhängig.» Auch für Menschen nervige Insektenarten seien wichtig, sagt Reckhaus.

«Würden 40 Prozent der Insekten in der Schweiz aussterben, würden wir das sehr schnell merken», sagt Reckhaus. «Drei Viertel aller Pflanzen brauchen Bestäubung, insgesamt ist ein Drittel unserer Lebensmittel davon abhängig.» Auch für Menschen nervige Insektenarten seien wichtig, sagt Reckhaus.

iStock

«Insekten sind ein Schüsselelement unseres Ökosystems», sagt Hans-Dietrich Reckhaus, der Initiator von Insect Respect. Doch rund 40 Prozent aller Arten sind laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) gefährdet. Deshalb will der Unternehmer jetzt eine Lobby schaffen, die sich für deren Interessen einsetzt – und zwar mit dem ersten «Tag der Insekten», der am Donnerstag stattfindet.

«Würden 40 Prozent der Insekten in der Schweiz aussterben, würden wir das sehr schnell merken», sagt Reckhaus. «Drei Viertel aller Pflanzen brauchen Bestäubung, insgesamt ist ein Drittel unserer Lebensmittel davon abhängig.» Fiele fast die Hälfte der Bestäubung weg, würden Nahrungsmittel zwangsläufig teurer werden.

Keine Süsswasserfische, weniger Vögel

Zudem seien Insekten ein wichtiger Teil der Nahrungskette, so Reckhaus: «Ohne Mücken gäbe es keine Süsswasserfische, ausserdem sind Fliegen eine wichtige Nahrungsquelle für viele Arten von Vögeln.» Der amerikanische Insektenforscher Edward Wilson habe berechnet, dass die Menschheit wohl nur wenige Monate überleben würde, wenn von heute auf morgen alle Insekten verschwinden würden.

Auch für Menschen nervige Insektenarten seien wichtig, sagt Reckhaus.

Wespen: «Es sind räuberische Insekten, die andere Bestände kontrollieren. Hat man ein Wespennest im Garten, gibt es weniger andere Insekten.»

Stechmücken: «Sie sind ein wesentlicher Teil der Nahrungskette. Einerseits für alle Singvögel, andererseits machen sie bei Süsswasserfischen 90 Prozent der Nahrung aus. Zudem ist die Unterart der Bartmücke die einzige, die Kakaopflanzen bestäubt.»

Fliegen: «Was viele nicht wissen: Bienen bestäuben nur rund die Hälfte der Pflanzen. Die anderen 50 Prozent machen vor allem Fliegen. Und das vor allem solche, die Bienen anatomisch nicht bestäuben könnten.»

Monokulturen und Pestizide

Reckhaus will ein Umdenken bewirken: «Insekten werden von Menschen als Schädlinge wahrgenommen.» Es sollen eine Lobby für sie aufgebaut und ein grösseres Bewusstsein für das Insektensterben geschaffen werden. Für dieses sei in erster Linie die Landwirtschaft verantwortlich, so Reckhaus: «Sie muss immer effizienter werden, es gibt immer mehr Monokulturen und Pestizid-Einsatz.» Doch das werde nicht gern angesprochen, weil dort viel Geld verdient werde. Reckhaus fordert eine Rückkehr zu biologischer Landwirtschaft. «Kurzfristig ist sie aber teuer und muss daher gefördert werden.» Die Subventionen sollen anders verteilt werden. «Daher ist die Trinkwasser-Initiative eine gute Sache.» Sie will Subventionen für Bauern streichen, die Pestizide einsetzen.

Laut Reckhaus ist der Schlüssel die Information. Grossverteiler und Bauern seien gefragt: «Wenn den Kunden die Augen geöffnet werden über die Vorteile biologischer und regionaler Landwirtschaft, sind sie auch bereit, für solche Produkte mehr zu bezahlen.»

«Bauern sind auch gegen Insektensterben»

Für Sandra Helfenstein, Mediensprecherin des Bauernverbandes, wird hier versucht, das Pferd von hinten aufzuzäumen. «Das Angebot orientiert sich an der Nachfrage, und derzeit liegt der Anteil von Bio-Lebensmitteln bei 10 Prozent.» Fakt sei: «Wird der Preisunterschied zwischen einheimischen und ausländischen Produkten zu gross, gehen noch mehr Schweizer ins Ausland einkaufen», sagt sie. Viele Konsumenten würden es wohl nicht so toll finden, wenn sie in den Läden keine Wahlfreiheit mehr hätten.

Dem Bauernverband sei das Stoppen des Insektensterbens auch ein Anliegen, so Helfenstein: «Dieses hat aber viele Gründe.» Über die müsse man zuerst genauer Bescheid wissen und dann konkrete Massnahmen ergreifen: «Pauschale, schnell vorgebrachte Lösungsansätze mögen zwar gut gemeint sein, bringen aber schlussendlich nichts.»

Agrarpolitik

Am Mittwoch hat der Bundesrat seine Vorschläge für die Agrarpolitik ab 2022 vorgestellt. Ein Ziel darin ist, dass die Landwirtschaft nachhaltiger wird. So soll etwa die Biodiversitätsförderung vereinfacht werden. Die Vorlage geht jetzt in die Vernehmlassung. Der Bundesrat lehnt die Trinkwasser-Initiative und die Pestizid-Initiative, die Pestizide in der Schweiz verbieten will, ab. Er hatte im September 2017 den «Aktionsplan Pflanzenschutzmittel» verabschiedet, der unter anderem die Benutzung von Pestiziden reduzieren soll. Der sei gut in die Umsetzungsphase gestartet, wie das Bundesamt für Landwirtschaft im Juli schrieb.

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