Korruption: Auch die Schweiz hat Dreck am Stecken
Aktualisiert

KorruptionAuch die Schweiz hat Dreck am Stecken

Auch im Musterland Schweiz werden Schmiergelder in Millionenhöhe geschoben. Diverse Skandale machten dieses Jahr Schlagzeilen.

von
Elisabeth Rizzi
Sogar beim Jahrhundert-Bauprojekt Neat besteht der Verdacht von Mauscheleien.

Sogar beim Jahrhundert-Bauprojekt Neat besteht der Verdacht von Mauscheleien.

Die Korruption hat weltweit zugenommen. Das zeigt das heute veröffentlichte Global Corruption Barometer 2010 Global Corruption Barometer 2010 der Antikorruptionsorganisation Transparency International. Die Schweiz ist zwar vorbildlich: Weniger als 6 Prozent der Befragten bestätigten, im letzten Jahr Schmiergelder an Behörden bezahlt zu haben. Nichtsdestotrotz glauben mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer, dass auch hierzulande die Bestechlichkeit zugenommen hat. In der Tat haben letztes Jahr einige grosse Korruptionsskandale in unserem Land für Schlagzeilen gesorgt.

Der Verdacht des «Betrugs» und damit korrupter Vorgänge fiel etwa im Zusammenhang mit dem Jahrhundert-Bauprojekt Neat. Bei 10 von 16 Proben stellte sich heraus, dass die Abwasserrohre des im Herbst durchgeschlagenen Gotthard-Basistunnels aus zweifelhaftem Material bestehen. Der Tages-Anzeiger stellte fest «dass die eingebauten minderwertigen Röhren alle mit Zertifikaten geliefert wurden, als seien sie aus neuen Materialien hergestellt. Es gibt Indizien dafür, dass es sich bei der Zertifizierung um Betrug handeln könnte.»

Schmiergelder empörten dieses Jahr auch im Zusammenhang mit der Zürcher Beamtenversicherungskasse (BVK). Der Anlagechef der BVK gab zu, sechsstellige Schmiergelder von diversen Personen bei grossen Investments der BVK kassiert zu haben. Besonders fatal für die Pensionskasse endete, dass der korrupte Anlagechef der Beteiligungsgesellschaft BT&T ab Mitte der 1990er Jahren hohe Anlagebeträge in Telekom- und Medienfirmen zur Verfügung stellte. Zuletzt resultierte für die BVK ein Verlust von fast 300 Millionen Franken. Bei diesem Investment ist allerdings noch umstritten, ob es

regelkonform war oder ob es sich um Bestechung oder einen Freundschaftsdienst gegenüber dem BT &

T-Chef Walter Meier handelte.

In der Schweiz nicht illegal

Sport ist allerdings das grösste Feld für Korruptionsvorwürfe gegen in der Schweiz tätige Firmen und Organisationen. So wurde Swiss Timing, eine Tochterfirma der Swatch Group, Anfang Dezember von der indischen Polizei beschuldigt, bei der Vergabe der diesjährigen Delhi Commonwealth Games mit Schmiergeldern nachgeholfen zu haben. Das Unternehmen, das auch bei den Olympischen Spielen in Peking die Zeiten nahm, habe ihr Equipment zu exorbitant hohen Preisen zur Verfügung gestellt. Es geht um rund 24 Millionen Schweizer Franken. Das ist laut den indischen Medien rund viermal mehr als vor vier Jahren an den Commenwealth Games in Melbourne. Swiss Timing ist seit Jahrzehnten offizieller Zeitnehmer an Olympischen Spielen und weist die Vorwürfe entschieden zurück.

Mindestens drei Mitglieder des Exekutivkomitees des Weltfussballverbandes Fifa haben laut neusten Recherchen der BBC zudem zwischen 1989 und 2001 Schmiergelder in Millionenhöhe von der ehemaligen Sportmarketing-Agentur ISL/ISMM erhalten: Brasiliens Verbandschef Ricardo Teixeira, Nicolas Leoz aus Paraguay, Chef der südamerikanischen Fussball-Konföderation Conmebol, und Issa Hayatou aus Kamerun, Präsident der afrikanischen Konföderation Caf. Es geht um Zahlungen in der Höhe von 140 Millionen Franken.

Die in Zug ansässige Firma hatte mit den TV- und Vermarktungsrechten der Fifa für WM-Endrunden gehandelt. Zu den Geschäftsprinzipien der Firmengruppe gehörte es, mit Bestechung an lukrative und teilweise milliardenschwere TV- und Marketingverträge mit Sportorganisationen wie dem internationale olympische Komitee IOK, der Fifa sowie anderen Verbänden (Leichtathletik, Schwimmen, Basketball) zu gelangen.

Die fraglichen Zahlungen waren damals in der Schweiz nicht illegal. Die ISL konnte sie sogar von den Steuern abziehen. Diesen Sommer zahlten die Schmiergelempfänger laut NZZ dennoch 5,5 Millionen Franken Wiedergutmachung. Und das IOK will eine Untersuchung der eigenen Ethikkommission einleiten. Denn Hayatou und zwei weitere Schmiergeldempfänger sind auch Mitglieder dieser ebenfalls in der Schweiz ansässigen Organisation.

Verschiebung der Wahl gefordert

Am meisten Aufruhr verursachte last but not least der (in der Schweiz nicht strafbare) Bestechungsskandal der in Zürich domizilierten Fifa. Die Sunday Times deckte im Oktober auf, dass zwei Fifa-Funktionäre ihre Stimmen verkaufen wollten. Ein Tahitianer und ein Nigerianer, beide Mitglieder des Exekutiv-Komitees der Fifa, hatten einem vorgetäuschten Angebot von Reportern der Zeitung nicht widerstehen können. Transparency International forderte die Fifa sogar im Vorfeld auf, die Vergabe der WM-Endrunden 2018 und 2022 vom 2. Dezember an Russland und Katar zu verschieben.

Deine Meinung