Datenlage noch zu dünn – Auch doppelt Genesene müssen sich für 12-Monate-Zertifikat impfen lassen
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Datenlage noch zu dünnAuch doppelt Genesene müssen sich für 12-Monate-Zertifikat impfen lassen

Ob sich zweimal Infizierte impfen lassen sollten, müsse im Einzelfall geprüft werden, sagt ein Epidemiologe. Das Zertifikat für ein Jahr gibts indes auch für mehrfach Genesene nur mit Impfung.

von
Simon Ulrich
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Das BAG empfiehlt auch doppelt Genesenen, sich frühestens vier Wochen nach der Genesung einmal impfen zu lassen.

Das BAG empfiehlt auch doppelt Genesenen, sich frühestens vier Wochen nach der Genesung einmal impfen zu lassen.

20min/Michael Scherrer
Um ein Zertifikat für zwölf Monate zu erhalten, müssen sich Genesene einmal impfen lassen – auch mehrfach Genesene.

Um ein Zertifikat für zwölf Monate zu erhalten, müssen sich Genesene einmal impfen lassen – auch mehrfach Genesene.

20min/Vanessa Lam
Um eine Verlängerung des Genesenen-Zertifikats über sechs Monate hinaus zu rechtfertigen, benötige es noch mehr Nachweise, heisst es beim BAG.

Um eine Verlängerung des Genesenen-Zertifikats über sechs Monate hinaus zu rechtfertigen, benötige es noch mehr Nachweise, heisst es beim BAG.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Eine doppelt genesene Bernerin fragt sich, wie sinnvoll in ihrem Fall eine Impfung ist.

  • Epidemiologe Marcel Tanner rät in solchen Spezialfällen dazu, die Immunantwort mittels serologischem Test abzuklären, ehe man sich für oder gegen eine Impfung entscheidet.

  • Das BAG empfiehlt auch mehrfach Genesenen, sich einmal impfen zu lassen.

Die Bernerin V. G.* infizierte sich nachweislich bereits zweimal mit dem Coronavirus: Das erste Mal im November letzten Jahres, sehr wahrscheinlich mit der alten Wildtyp-Variante; das zweite Mal im Juli 2021 mit der Delta-Variante. Im darauffolgenden August entwickelte die 20-Jährige erneut heftige Symptome wie Atemnot, doch ging die Berner Gesundheitsdirektion davon aus, dass es sich dabei lediglich um eine Reaktivierung der zweiten Infektion handelte und nicht um eine erneute Ansteckung.

Etwas zugespitzt gesagt, ist G. also bereits dreimal an Corona erkrankt. «Als ich mich bei der Reaktivierung im August notfallmässig ins Spital begab, hat man ihr gesagt, dass ich nach zwei Infektionen wohl eine so hohe Zahl an Antikörpern aufweise, dass eine dritte Infektion höchst unwahrscheinlich sei», sagt sie. Zudem habe sie in letzter Zeit von mehreren Studien gelesen, die darauf hindeuten würden, dass (einmal) Genesene besser geschützt seien, als bislang angenommen.

Die Bernerin ist sich daher unsicher: Soll sie sich trotzdem einmal impfen lassen, wie dies das Bundesamt für Gesundheit BAG (einmal) Genesenen empfiehlt? Oder wäre die Impfung bloss für die Verlängerung des Covid-Zertifikats von Nutzen, für die Immunabwehr jedoch nicht?

Grosse Heterogenität bei Immunantwort

Epidemiologe Marcel Tanner kann die Frage nicht mit Ja oder Nein beantworten. Um einschätzen zu können, ob eine Impfung in diesem aussergewöhnlichen Fall Sinn macht, reiche das blosse Wissen um die beiden Infektionen nicht aus, sagt das frühere Taskforce-Mitglied. Vielmehr müsse die Immunantwort von G. genau bestimmt und die Zahl der Antikörper bei einem serologischen Test gemessen werden. «Vielleicht stellt sich dann heraus, dass die Frau nur wenige Antikörper aufweist. Dann wäre eine Impfung trotz zweimaliger Infektion sinnvoll.»

Tanner stellt klar: «Eine Infektion bedeutet keinen automatischen Schutz.» Die Heterogenität bei den Immunantworten auf das Coronavirus sei relativ gross. Zu glauben, eine zweite natürliche Infektion habe automatisch denselben Effekt auf die Immunantwort wie eine einmalige Impfung, sei daher ein Trugschluss. Tanner weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Qualität der Immunantwort mitunter von der Schwere des Krankheitsverlaufs abhängig sei: «Viele Genesene haben sich nur leicht infiziert. Sie sind schlechter geschützt als nach einer Impfung.» Andererseits gebe es durchaus Personen, die nach einem schweren Verlauf besser vor dem Virus geschützt seien als durch den Impfstoff.

Zu wenig Nachweise für Verlängerung des Zertifikats

Das Covid-19-Zertifikat der Genesenen ist aktuell 180 Tage gültig. Um eines für zwölf Monate zu erhalten, müssen sie sich einmal impfen lassen. Dies gelte auch für mehrfach Genesene, bestätigt das BAG auf Anfrage: «Unsere Empfehlung bleibt aufgrund der verfügbaren Daten dieselbe wie für einmal Genesene, das heisst sich frühestens vier Wochen nach der Genesung mit einer Impfdosis impfen zu lassen.»

Was die Gültigkeitsdauer der Genesenen-Zertifikate betrifft, stützt sich der Bund auf die Daten des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten. Diese würden zeigen, dass ungefähr 95 Prozent der Menschen das Immungedächtnis für rund sechs Monate nach der Infektion behalten würden. «Das Ausmass der Immunität ist jedoch unterschiedlich und es ist nicht klar, wie sich die Immunität mit dem Schweregrad der Covid-Infektion und dem Alter und schliesslich mit dem effektiven Schutz verhält», so eine BAG-Sprecherin.

Weiter verweist das Bundesamt darauf, dass es keinen standardisierten Ansatz zur Messung der Immunantwort und nur wenige Daten zum Schutz vor neuen Varianten gebe. Kurzum: «Um eine Verlängerung über sechs Monate hinaus zu rechtfertigen, benötigt es daher noch mehr Nachweise.»

Über eine allfällige Verlängerung könnte die Schweiz indes nicht eigenmächtig entscheiden: Die Maximaldauer des Zertifikats für Genesene legt die EU-Kommission fest. Sie hat gemäss Verordnung die Möglichkeit, die Gültigkeitsdauer «im Falle neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse» anzupassen, wie das BAG schreibt. An die europäischen Vorgaben muss sich die Schweiz halten – andernfalls würde man aus dem EU-Zertifikatssystem ausscheiden.

*Name der Redaktion bekannt

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