Aktualisiert 30.06.2016 17:57

Boris Johnson

«Auch Du, Brutus?»

Der ehemalige Bürgermeister Londons bewirbt sich überraschend nicht für den Vorsitz der konservativen Partei. Die britischen Medien spekulieren über die Gründe.

von
rup
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Das Bild ist zwar mehrere Monate alt, aber jetzt wieder stark im Umlauf. Es scheint so manchem Briten aus der Seele zu sprechen: Ein Velofahrer zeigt Brexit-Anführer Boris Johnson, was er von ihm hält.

Das Bild ist zwar mehrere Monate alt, aber jetzt wieder stark im Umlauf. Es scheint so manchem Briten aus der Seele zu sprechen: Ein Velofahrer zeigt Brexit-Anführer Boris Johnson, was er von ihm hält.

DUKAS/PA PHOTOS
Vor wenigen Tagen waren sie noch Alliierte: Justizminister Michael Gove (l.) mit Boris Johnson (r.) an einer Pressekonferenz nach der Brexit-Abstimmung. (24. Juni 2016)

Vor wenigen Tagen waren sie noch Alliierte: Justizminister Michael Gove (l.) mit Boris Johnson (r.) an einer Pressekonferenz nach der Brexit-Abstimmung. (24. Juni 2016)

AFP/Stefan Rousseau
Bei den britischen Wettbüros stand Boris Johnson nach dem Ja zum Brexit hoch im Kurs als Nachfolger von David Cameron.

Bei den britischen Wettbüros stand Boris Johnson nach dem Ja zum Brexit hoch im Kurs als Nachfolger von David Cameron.

Screenshot Paddy Power

Überraschende Wende im Rennen um die Nachfolge des britischen Premiers David Cameron: In letzter Minute gab Favorit und Brexit-Befürworter Boris Johnson am Donnerstag bekannt, sich nicht für das Amt des Vorsitzenden der Konservativen Partei zu bewerben. Zuvor hatte ihm sein bis dato enger Verbündeter, Justizminister Michael Gove, seine Unterstützung entzogen und angekündigt, selbst zu kandidieren.

Kommentatoren sehen darin eine Geschichte wie sie Shakespeare hätte schreiben können – viele sehen Goves Verhalten als Verrat. Noch letzte Woche hatte sich der Justizminister hinter Johnson gestellt und gesagt, er selber wäre ungeeignet für das Amt des Premierministers. Nun griff er Johnson frontal an und sagte, dieser könne nicht die Führung für die kommende Aufgabe bieten oder das Team dafür aufbauen. «Widerwillig» steige er nun in den Ring.

Wie bei Cäsar

In Anspielung auf eines der Dramen des grossen britischen Dichters und auf Mafiafilme schrieb der politische Kommentator der BBC, Ben Wright: «Es ist wie Richard III trifft auf Scarface, mit einem Schuss Der Pate.»

Johnson selber hatte aus Shakespeares Drama «Julius Cäsar» zitiert – und wies Gove die Rolle des Verräters Brutus zu. Johnsons Vater tat es ihm gleich und sagte: «Auch Du, Brutus?» als Zusammenfassung auf die Frage von BBC Radio 4, ob Gove seinem Sohn ein Messer in den Rücken gerammt habe.

«Ich kann nicht diese Person sein»

Laut mehreren britischen Medien waren viele konservative Politiker von Johnsons Absage an eine Kandidatur völlig überrascht worden und seien nun wütend. Bei der Medienkonferenz brachen einige seiner Getreuen in Tränen aus.

Während seines Auftritts begründete Johnson seine Absage mit den Kräfteverhältnissen in der konservativen Parlamentsfraktion. Er sei nicht derjenige, der das Land nach dem EU-Referendum jetzt führen sollte, sagte der 52-Jährige. «Ich bin zu dem Schluss gekommen, diese Person kann nicht ich sein».

Johnsons Achillesferse

Laut der US-Online-Zeitung «The Daily Beast» löste die Kandidatur von Michael Gove innert Minuten eine Absetzbewegung unter konservativen Politikern aus, die sich zuvor noch zu Johnson bekannt hatten. Das hätten Johnsons Mitarbeiter in Telefongesprächen festgestellt.

Schon zuvor galt die fehlende Hausmacht in der konservativen Partei als Achillesferse von Johnsons Kandidatur. In den Tagen nach dem Brexit-Votum hatte der im Volk beliebte ehemalige Bürgermeister Londons ausserdem viele Parteigänger mit seiner zögerlichen Haltung verärgert. Schliesslich schrieb er eine Kolumne im «Telegraph», die hartgesottene Brexit-Befürworter zweifeln liess, ob er das Land tatsächlich aus der EU führen wolle. Michael Gove hingegen liess keine Zweifel daran.

Die Macht von Murdoch und Dacre

Johnson hatte als Favorit für Camerons Nachfolge gegolten. Der Ex-Bürgermeister von London hatte bei dem Referendum zusammen mit Gove die Befürworter eines EU-Austritts angeführt und hätte auf die Unterstützung von mehreren ranghohen Abgeordneten der Konservativen Partei zählen können. Angeblich war ein weiteres Hindernis für Johnsons Kandidatur auch die Ablehnung des jovialen Blondschopfs durch die einflussreichen Medienunternehmer Rupert Murdoch und Paul Dacre. In einer E-Mail von Goves Frau, der «Daily Mail»-Kolumnistin Sarah Vine, an Sky News, hiess es, Murdoch und Dacre lehnten Johnson ab.

Ähnlich analysierte Steven Fielding, Politikprofessor an der Universität von Nottingham, die Lage. Johnson sei nicht genügend Vertrauen von den Leuten entgegengebracht worden, die tatsächlich in der britischen Politik die Macht ausübten: Nämlich Murdoch und Dacre, erklärte er.

Eher mit Ministerposten gerechnet?

Es gibt aber auch Stimmen, die meinen, Johnson habe vor der Abstimmung persönlich nicht wirklich mit dem Brexit gerechnet, nicht geglaubt, dass das Referendum mit einem Sieg der EU-Gegner endet.

Und es gibt Spekulationen, «Mr. Brexit» habe auf ein ganz anderes Szenario gesetzt: Die EU-Befürworter gewinnen knapp, um die Partei zu versöhnen, bildet Cameron sein Kabinett um – und Johnson kriegt einen hohen Posten. Ganz nebenbei würde er damit aussichtsreicher Kandidat für die nächsten Wahlen.

Bemerkenswert: Bereits in der Wahlnacht hatten Johnson und rund 80 Tory-Abgeordnete Cameron in einem Brief aufgerufen, auch bei einem Brexit-Sieg im Amt zu bleiben. Mehr noch, Johnson schlug vor, Cameron solle die unangenehmen Austrittsverhandlungen mit Brüssel führen – als wolle sich Johnson mit einer solchen Kärrnerarbeit nicht die Hände schmutzig machen.

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