Arbeiten nach der Pandemie – «Auch Fabrikarbeiter sollen in Zukunft aus dem Homeoffice arbeiten können»

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Arbeiten nach der Pandemie«Auch Fabrikarbeiter sollen in Zukunft aus dem Homeoffice arbeiten können»

Für den Austausch mit Arbeitskollegen ins Büro, für die Arbeit ins Homeoffice: Die Pandemie lehrte uns neue Arbeitsweisen. Nach der Corona-Krise seien erst recht flexible Arbeitsmodelle gefragt, sagen Arbeitspsychologen. 

von
Michelle Muff
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Mit den Trainerhosen ins Meeting, die Kaffeepause auf dem Sofa: Während der Corona-Pandemie arbeiteten viele plötzlich aus dem Homeoffice. 

Mit den Trainerhosen ins Meeting, die Kaffeepause auf dem Sofa: Während der Corona-Pandemie arbeiteten viele plötzlich aus dem Homeoffice. 

20min/Michael Scherrer 
Gemäss einer Umfrage von Deloitte hat sich der Anteil der Schweizer Beschäftigten, die von zuhause arbeiten, während der Corona-Pandemie von 25 Prozent auf 50 Prozent verdoppelt.

Gemäss einer Umfrage von Deloitte hat sich der Anteil der Schweizer Beschäftigten, die von zuhause arbeiten, während der Corona-Pandemie von 25 Prozent auf 50 Prozent verdoppelt.

Unsplash: Christine Donaldson
34 Prozent der Befragten gaben an, auch nach der Pandemie aus dem Homeoffice arbeiten zu wollen. 

34 Prozent der Befragten gaben an, auch nach der Pandemie aus dem Homeoffice arbeiten zu wollen. 

Unsplash: Malte Helmhold

Darum gehts

  • Das Homeoffice wurde während Corona für viele Teil des neuen Arbeitsalltags.

  • Nach der Aufhebung fast aller Massnahmen steht nun zur Diskussion, wie der Arbeitsalltag nach der Pandemie aussehen wird.

  • Arbeitspsychologen und -psychologinnen sagen, dass flexible Arbeitsmodelle auch nach der Pandemie gefragt bleiben. 

Innerhalb kürzester Zeit wurde vor zwei Jahren mit dem Ausbruch des Coronavirus der Arbeitsalltag komplett verändert: In vielen Branchen galt Homeoffice, die Arbeit wurde plötzlich aus den eigenen vier Wänden erledigt. Mit der Aufhebung  fast aller Corona-Massnahmen, einschliesslich der Homeoffice-Pflicht, wird nun diskutiert, wie der Arbeitsalltag nach der Pandemie aussehen wird. Für viele ist eine vollständige Rückkehr ins Büro nicht vorstellbar: In einer Studie von Deloitte gab ein Drittel der Befragten an, dass sie auch nach der Pandemie von zuhause aus arbeiten möchten.

Auch Personen aus der 20-Minuten-Community sagten in einer Umfrage, dass sie weiterhin einen Teil ihres Pensums aus dem Homeoffice erledigen möchten. Laut Toni Wäfler, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW, geht der Trend in der Arbeitsgestaltung wegen der Pandemie und der Digitalisierung immer mehr Richtung Flexibilität: «Viele wünschen sich einen neuen Mix, der die Arbeit im Büro wie auch im Homeoffice ermöglicht.»

«Ich bin heute im Büro und lese daher meine Mails nicht»

Arbeitgebende müssen dieser Entwicklung Rechnung tragen, um attraktiv zu bleiben, so Wäfler: «Viele Firmen werden nach Corona deswegen Hybridlösungen einführen, bei der man einen Teil seines Pensums im Büro, den anderen im Homeoffice verbringt.» Künftig sei es zudem möglich, dass man vor allem für den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen ins Büro gehen wird: «So bleibt die formale und informelle Kommunikation gewährleistet, die im Homeoffice fehlt.»

Die reine Schreibtischarbeit könne man dagegen aus dem Homeoffice erledigen: «Wieso sollte man im Büro allein vor dem Laptop sitzen, wenn man das auch zuhause tun kann? Viele Arbeitnehmende arbeiten zuhause ungestörter und effizienter», so Wäfler. In naher Zukunft werde man etwa automatische E-Mail-Antworten wie «Ich bin heute im Büro und lese daher meine Mails nicht» begegnen, so Wäfler: «Das Büro soll ein Ort des kreativen Austauschs sein.»

Auch für Fabrikarbeiter soll Homeoffice möglich sein

Laut Wäfler ist es wichtig, dass nicht nur bei der klassischen Büroarbeit mehr Flexibilität ermöglicht wird: «Auch Arbeitnehmende aus anderen Branchen brauchen attraktive Arbeitsbedingungen. Ansonsten streben immer mehr junge Arbeitskräfte eine Karriere im Büro an, was den aktuellen Fachkräftemangel noch verstärken würde.»

Um dem entgegenzuwirken, werde bereits an alternativen Arbeitsmodellen, beispielsweise in der Industriebranche, geforscht: «Es gibt Forschungsprojekte, die Möglichkeiten erarbeiten, wie Polymechaniker ihre Maschinen von zuhause aus bedienen können. Das soll durch Zusammenarbeit mit Kollegen vor Ort und durch Fernsteuerung der Maschinen möglich werden. Sogar die Geräusche der Maschine sollen im Homeoffice wahrnehmbar sein.» Auch Fabrikarbeitende sollen in Zukunft einen Teil ihres Pensums aus dem Homeoffice verrichten können, so Wäfler.

«Vorteile weiterhin nutzen und mit neuen Methoden ergänzen»

Laut Gudela Grote, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie von der ETH Zürich, wird Flexibilität zunehmend wichtiger: «Das klassische Arbeitsmodell, bei der man seine Arbeit zu 100 Prozent im Büro verrichtet, war schon vor der Pandemie veraltet – nach Corona ist es das erst recht.» Immer mehr Leute verlangen nach Modellen, in denen Privat- und Berufsleben besser miteinander vereinbar sind: «Arbeitgeber reagieren mit Homeoffice oder sogar mit der Vier-Tage-Woche.» Die Vier-Tage-Woche, bei der man für ein 80-Prozent-Pensum 100 Prozent Lohn erhält, wird auch in der Schweiz bereits angewendet.

Jedoch habe auch das Homeoffice Nachteile, so Grote: «Der Austausch mit den Kollegen und soziale Nähe fehlen. Das kann Kreativität und Innovation behindern. Auch haben nicht alle zuhause die benötigte Infrastruktur und Ruhe, wie zum Beispiel bei Eltern mit kleinen Kindern.» In diesem Fall könne die Arbeits- und Lebensqualität leiden.

«Homeoffice weiterhin nutzen und mit neuen Methoden ergänzen»

Die Pandemie habe gezeigt, dass es verschiedene Arten gebe, wie man Arbeit effizient erledigen könne, so Grote: «Die Aufgabe ist es nun, die Vorteile dieser neu erlernten Arbeitsweisen – wie das Homeoffice – weiterhin zu nutzen und mit neuen technischen und organisatorischen Methoden zu ergänzen.» Auch Grote sagt, dass das Hybrid-Modell eine Möglichkeit sei, wie ein optimaler Mix gelingen könne. «Arbeitgeber und Arbeitnehmende müssen nun gemeinsam im Gespräch sein, um die Arbeitsweise nach der Pandemie zu bestimmen und optimal allen Bedürfnissen anzupassen.»

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