«Occupy Paradeplatz»: «Auch ich bin empört!»
Aktualisiert

«Occupy Paradeplatz»«Auch ich bin empört!»

Heute Mittag tritt Hans-Peter Portmann vom Bankenverband mit einigen Aktivisten ins Gespräch. Er versteht deren Unmut teilweise und hofft auf ein «besseres gegenseitiges Verständnis».

von
Joel Bedetti

20 Minuten Online: Herr Portmann, weil sie aus basisdemokratischen Gründen keine Delegation entsenden wollen, haben die Aktivisten vom Lindenhof Ihre Einladung für ein Gespräch mit einer Delegation des Bankenvereins heute Mittag in der St. Peter-Kirche ausgeschlagen. Enttäuscht?

Hans-Peter Portmann: Ich bin enttäuscht, zumal wir schon vor der Demonstration am Samstag einen Dialog angeboten haben. Ich verstehe auch nicht ganz, wieso die ganze Gruppe den zweiminütigen Fussmarsch an einen neutralen Ort wie die St. Peter-Kirche nicht machen kann, wenn sie schon keine Vertreter entsenden wollen. Glücklicherweise kommt das Treffen nun doch zustande, jedoch nicht mit repräsentativen Vertretern der Bewegung.

Wie haben Sie Kontakt mit den Demonstranten aufgenommen?

Ich ging am Montagmorgen beim harten Kern, der gerade am Abziehen war, vorbei. Das waren sehr vernünftige Leute, mit denen man gut reden kann; nur im Hintergrund schimpften zwei oder drei Personen.

Haben Sie die Demonstration am Samstag beobachtet?

Nein, ich bin nur kurz daran vorbeigelaufen. Zudem ist es für mich undenkbar, an einer illegalen Aktion teilzunehmen.

«Occupy» am Paradeplatz

In den Edelbars rund um den Paradeplatz war wenig Verständnis für die Demonstration zu hören; die sollten doch lieber arbeiten gehen, hiess es. Teilen Sie den Unmut?

Es waren ja ganz unterschiedliche Leute dabei. Bei einigen muss man sich wohl schon fragen, welche Vorstellungen sie vom Leben haben. Viele andere gehen sicher einer geregelten Arbeit nach.

Die neuen Siedler vom Lindenhof

Haben Sie Verständnis für die Empörung der Demonstranten?

Teilweise schon. Auch ich selbst bin über gewisse Entwicklungen in der Welt empört, zum Beispiel dass Personen oder Gruppen aus der Wirtschaft sich von der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft abgemeldet haben. Aber das betrifft nicht nur den Finanzsektor; diese Entwicklung hat in allen Branchen und Gesellschaftsklassen stattgefunden.

Was erhoffen Sie sich vom Gespräch heute Mittag?

Ein offener Dialog kann zum besseren gegenseitigen Verständnis führen. Er bedeutet auch die Chance, ungerechtfertigten Vorwürfen entgegenzutreten und aufzuzeigen, wo der Schweizer Finanzplatz schon grosse Schritte zur Verbesserung der Situation unternommen hat.

Werden Sie Ihrerseits die Einladung der Aktivisten zum Besuch der Vollversammlung heute Abend auf dem Lindenhof annehmen?

Nein, denn wir haben immer gesagt, es muss in einem geordneten und legalen Rahmen stattfinden. Es ist für mich undenkbar, an nicht bewilligten Aktionen teilzunehmen oder sogar noch Mitwirkender bei Aktivitäten zu sein, welche in Ausschreitungen übergehen könnten.

Hans-Peter Portmann ist FDP-Kantonsrat und Präsident des Zürcher Bankenverbands. Er arbeitet als Direktor und stellvertretender Regionalleiter Zürich und Ostschweiz für die liechtensteinische Privatbank LGT.

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