Aktualisiert 27.01.2017 16:05

Doris Leuthard

«Auch intelligente Autos rollen nicht in der Luft»

Der Strassenfonds NAF soll helfen, Staus zu beseitigen. Die Verkehrsministerin sagt, wie selbstfahrende Autos den Verkehr verändern werden.

von
J. Büchi/ P. Michel

Welche Musik Doris Leuthard im Auto hört, erfahren Sie im Video. (Video: Pascal Michel)

Frau Leuthard, wie gut ist das Schweizer Strassennetz auf einer Skala von 1 bis 10?

Was die Qualität betrifft, sind wir wahrscheinlich nahe bei 10. Betrachtet man hingegen die Kapazitäten, sind wir eher zwischen sechs und sieben. Hier stösst das Netz an seine Grenzen.

Wann ärgern Sie sich persönlich als Autofahrerin?

Ich bin viel auf der A1 unterwegs. Mittlerweile gibt es fast keinen Tag mehr, an dem man dort nicht im Stau steht – egal, ob man eine Stunde früher oder später unterwegs ist. Es ist daher Zeit, an den prekärsten Stellen auszubauen.

Der Nationalstrassen- und Agglomerationsfonds (NAF), über den wir im Februar abstimmen, soll den Betrieb und Ausbau der Strassen langfristig sichern. Was passiert bei einem Nein?

Zwar könnten wir mit den jetzigen Einnahmen das Strassennetz weiterhin unterhalten, aber für die Beseitigung der Engpässe reichte das Geld nicht. In den Agglomerationen fehlten dem Bund zudem die Mittel, um neue Velowege oder Tramlinien zu unterstützen. So wäre im Raum Zürich etwa die Limmattalbahn gefährdet. In solchen Boom-Regionen wäre das verheerend. Dank dem NAF können wir das Verkehrsnetz in allen Regionen der Schweiz verbessern.

Die Gegner sagen: Es ist der falsche Weg, immer neue Strassen zu bauen und so das Land in eine Betonwüste zu verwandeln. Besser sei es, auf neue Technologien zu setzen.

Wir wollen keine Betonwüsten. Die bestehenden Autobahnen sollen sehr gezielt ausgebaut werden. Es stimmt, dass die Digitalisierung künftig neue Möglichkeiten eröffnet. Aber auch ein intelligentes Auto rollt nicht in der Luft. Es braucht weiterhin eine Strasse unter den Rädern.

Ein geflügeltes Wort lautet: «Wer Strassen baut, wird Verkehr ernten.»

Die Gegner glauben, man könne die Mobilität eindämmen und den Leuten sagen, dass sie mehr Zug fahren oder häufiger daheim bleiben sollen. Das ist aber nicht realistisch: Die Bevölkerung wächst, die Wirtschaft wächst – und damit auch die Mobilität.

Was halten Sie von doppelstöckigen Autobahnen?

Das mag zu Bangkok passen, in der Schweiz kann ich mir solche Bauten aber nicht vorstellen.

Dann wird zwingend immer mehr Boden verbaut?

Nein. Ich glaube, nach den geplanten Ausbauten bis 2040 haben wir genug Kapazitäten, weil wir mit neuen Mobilitätskonzepten die vorhandene Infrastruktur besser nutzen können.

Kritisiert wird auch, für den Fonds werde zu viel Geld aus der Bundeskasse verwendet – Sparprogramme in anderen Bereichen seien die Folge.

Der Bund steuert künftig 650 Millionen Franken mehr bei. Diese Gelder sind im Budget bereits eingeplant und führen nicht zu Kürzungen in anderen Bereichen. Anders wäre das bei der Milchkuh-Initiative gewesen, die 1,5 Milliarden zusätzlich für die Strassenfinanzierung gefordert hatte. Der Bundesrat hatte diese deshalb auch zur Ablehnung empfohlen.

Teilweise wollen auch bürgerliche Wähler den NAF ablehnen: Sie finden die Erhöhung des Benzinpreises um 4 Rappen pro Liter zu hoch. Droht Ihnen eine Schlappe wie bei der Vignetten-Abstimmung?

Da muss ich die Autofahrer daran erinnern: Der Mineralölsteuerzuschlag wurde seit 1974 nicht erhöht, die Teuerung wurde nicht angepasst. Gleichzeitig werden die Autos immer effizienter und verbrauchen weniger Benzin. Die steuerliche Belastung sank dadurch faktisch stark. Die Erhöhung ist also verkraftbar. Sie erfolgt im Übrigen nicht auf Vorrat, sondern erst, wenn es effektiv nötig ist.

Die ÖV-Nutzer auf der anderen Seite klagen, dass die Zugtickets ständig teurer werden, während die Autofahrer mit dem Fonds nur unwesentlich mehr zahlen müssen.

Es stimmt zwar, dass die Preiserhöhungen im öffentlichen Verkehr in den letzten Jahren stärker ausgefallen sind als beim motorisierten Privatverkehr. Aber der ÖV wird schon heute etwa zur Hälfte subventioniert, also über Staatsgelder finanziert. Unter dem Strich ist Autofahren zudem immer noch teurer, wenn man die Anschaffung des Fahrzeugs, die Versicherungen und so weiter mit einberechnet.

Muss die Verkehrsfinanzierung nicht sowieso bald ganz neu organisiert werden – Stichwort Mobility Pricing und selbstfahrende Autos?

Aufgrund unserer Prognosen wissen wir, dass der Verkehr bis 2040 weiter wachsen wird. Wenn wir berücksichtigen, wie lange die Planungs- und Bauzeiten dauern, können wir nicht einfach zuwarten. Falls wir dann in Zukunft sehen, dass es eine Engpassbeseitigung nicht braucht: Fine by me, niemand will unnötig Geld ausgeben.

Trotzdem: Wie werden computergesteuerte Autos unsere Mobilität konkret verändern?

Professoren der ETH Lausanne gehen davon aus, dass auf den heutigen Autobahnen mehr Fahrzeuge fahren könnten, wenn sie intelligent miteinander vernetzt sind. Kürzere Abstände schaffen beispielsweise mehr Platz. Aber das funktioniert erst, wenn alle Autos auf diesem Stand sind. In der Schweiz sind circa 5,6 Millionen Fahrzeuge immatrikuliert. Bis da nur zehn Prozent mit intelligenten Autos ersetzt sind, dauert es Jahre. Grundsätzlich werden die Grenzen zwischen den Verkehrsmitteln verwischt werden: Niemand wird mehr ein reiner Automobilist oder ÖV-Nutzer sein.

Wie meinen Sie das?

Im Jahr 2040 werden sich die Leute sagen, ich muss um 10 Uhr an einem bestimmten Ort sein. Dann spuckt eine App die beste Verbindung mit den passenden Verkehrsmitteln aus. Beispielsweise holt mich ein selbstfahrender Kleinbus ab. Ich muss nicht mehr laufen, nehme zunächst diesen Bus und danach noch den Zug.

Und wie werden die Fahrzeuge dann aussehen?

Ich hatte die Chance, in Boston am MIT in ein Zukunftslabor reinzuschauen. Die Forscher dort tüfteln an Autos, die sind so gross wie ein halber Smart. Wenn der Nachbar auch mitfährt, kann man sie hinten erweitern. Und wenn man am Wochenende Skifahren geht, kommt noch ein Anhänger dran. Die Mobilität wird dadurch kompakter, vernetzter, günstiger.

NAF

Grad noch ein Video, genauso schön. Und wieder für Dési.

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