Aktualisiert 04.05.2012 12:37

Teenies im Magerwahn«Auch Jungs finden sich häufiger zu dick»

Schweizer Teenager leiden unter dem Schlankheitswahn - obwohl sie im internationalen Vergleich eine gute Figur machen. Ein Grund dafür sind laut Experten Kampagnen gegen das Übergewicht.

von
Jessica Pfister
Die meisten Schweizer Jugendlichen haben ein völlig gesundes Körpergewicht - dennoch fühlen sich viele zu dick, zunehmend auch die Jungs.

Die meisten Schweizer Jugendlichen haben ein völlig gesundes Körpergewicht - dennoch fühlen sich viele zu dick, zunehmend auch die Jungs.

Eigentlich sollten Schweizer Jugendliche mit ihrer Figur zufrieden sein. Wie eine neue Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigt, sind Teenager hierzulande nämlich schlanker als Gleichaltrige im Ausland. So sind nur gerade sechs Prozent der elfjährigen Jugendlichen übergewichtig. Zum Vergleich: In den USA sind es rund 30 Prozent, in Griechenland im Schnitt 22 Prozent. Doch gerade junge Mädchen sehen das anders. Obwohl nur 7 Prozent der 15-Jährigen gemäss Body-Mass-Index zu viel Gewicht auf die Waage bringen, finden sich 41 Prozent zu dick.

Für Dagmar Pauli, Chefärztin des Zentrums für Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Zürich, keine Überraschung. «In meinem Alltag sehe ich, was für ein enormer Schlankheitsdruck bei den Jugendlichen herrscht», sagt Pauli zu 20 Minuten Online. Die wenigsten dieser Jugendlichen seien wirklich übergewichtig. Vielmehr sei das Selbstwertgefühl gestört. Dies stellt auch Brigitte Rychen vom Präventionsverein für Essstörungen (PEP) fest: «Die allgemeine Verunsicherung, was den eigenen Körper angeht, hat in den letzten Jahren zugenommen.» Das Gewicht sei nicht nur bei Mädchen ein Thema, sondern auch immer öfter auch bei Jungen. «Sie wollen keinen Bauch haben und möglichst muskulös sein», sagt Rychen. Im Rahmen des Projektes «Bodytalk» besucht sie regelmässig Schulklassen mit 13 bis 20-jährigen Jugendlichen mit dem Ziel, deren Selbstwertgefühl zu unterstützen.

Landjugend ist zufriedener

Sowohl Pauli als auch Rychen stellen beim Schlankheitsdruck einen Unterschied zwischen Stadt und Land fest. «Auf dem Land sind Jugendliche zufriedener mit ihrer Figur als in den Städten», so Rychen. Laut Pauli würden sich die urbanen Jugendlichen viel stärker an Modeidealen orientieren und auch viel mehr Geld für Mode ausgeben und die entsprechenden Sendungen am TV verfolgen. Doch nicht nur das Diktat der Mode ist laut Expertinnen ein Risikofaktor für ein verzerrtes Körperbild, sondern auch die Übergewichts-Prävention. «Kinder und Jugendliche beschäftigten sich immer früher mit den Themen Ernährung und Gewicht, weil sie auch immer früher darüber informiert werden», sagt Erika Toman, Psychologin und Präsidentin des Experten-Netzwerks Essstörungen Schweiz.

Dabei sei es völlig unsinnig und sogar kontraproduktiv, Kinder beispielsweise schon im Kindergarten mit Ernährungspyramiden zu konfrontieren. Gesundheits- und Ernährungsprävention sollten sich nicht undifferenziert an alle - vor allem nicht an Kinder - richten, sondern differenziert an die Risikogruppen, fordert Toman. «Wenn jemand völlig normal gehen kann, muss man ihn auch nicht darüber aufklären, dass er das rechte Bein vor das linke setzen muss», so die Expertin. Solche Kampagnen würden nur verunsichern.

Eine mögliche Folge der übermässigen Prävention können Essstörungen sein. «Kinder, für die das Essen ein Problem darstellt, werden in der Tendenz immer jünger», sagt Toman. Diese Beobachtung kann Rycher bestätigen und ergänzt: «Heute ist sogar eine Diät bei Jugendlichen zum Lifestyle geworden - das ist gefährlich.» Oftmals würden dies die Eltern gar noch unterstützen. «Dabei vergessen sie, dass dieses Verhalten schnell in eine Essstörung kippen kann», warnt Psychologin Pauli. Gemäss Studien leiden heute schon 10- oder 11-Jährige an Magersucht oder Bulimie.

Gesundheitsförderung plant neues Projekt

Die Gesundheitsförderung Schweiz, die zusammen mit Bund, Kantonen und Versicherern eine Mehrzahl der Projekte gegen Übergewicht entwickelt hat, widerspricht den Expertinnen: «Wir richten keine Kampagnen direkt an Kinder, sondern sprechen vor allem Lehrpersonen, Fachleute und Eltern an», sagt Bettina Schulte-Abel, Vizedirektorin der nationalen Stiftung. Essstörungen hätten viele Ursachen - von den in der Werbung transportierten Bildern über psychische Probleme bis zu Problemen im sozialen Umfeld.

Dass Jugendliche immer öfter ein verzerrtes Körperbild haben, erkennt aber auch die Gesundheitsförderung Schweiz als Problem. «Es ist sehr wichtig, dass wir Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper zu gewinnen», sagt Schulte-Abel. Die Gesundheitsförderung Schweiz plane dazu deshalb ein Projekt mit Jugendlichen und Politikern für 2013, damit das Thema mehr öffentliche Aufmerksamkeit erfahre.

Gewichtszunahme in Pubertät ist normal

Laut Expertinnen sollten Eltern wissen, dass eine gewisse Gewichtszunahme in der Pubertät auch bei jungen Mädchen völlig normal ist. Wenn Eltern fesstellen, dass ihre Kinder häufig an ihrer Figur zweifeln (grundlos), sei es ratsam, das Selbstgefühl mit Komplimenten zum Aussehen aber auch zu anderen Bereichen der Persönlichkeit des Jugendlichen zu unterstützen. Falls die Selbstzweifel besonders gross sind und tatsächlich ein Gewichtsproblem besteht - gehe es darum, das Kind bei einer gesunden Ernährung zu unterstützen - ohne jedoch Kalorien zu zählen oder Mahlzeiten auszulassen.

Ist mein Selbstbild normal oder habe ich eine Essstörung? Zwei Selbsttests, die Aufklärung geben können. Test 1 (Annorexie/Magersucht). Test 2 (Bulimie/Ess-Brech-Sucht).

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