Aktualisiert 27.10.2009 10:59

Sexualerziehung«Auch Kinder sind sexuelle Wesen»

Heute lanciert die Stiftung Kinderschutz Schweiz den neuen Ratgeber zur Sexualerziehung. Co-Autor Bruno Wermuth, 20-Minuten-Lesern bekannt als «Dr. Sex», sagt im Interview, was Doktorspiele mit Missbrauchprävention zu tun haben, und warum sich Eltern über die Windel-Masturbation ihrer Knirpse freuen sollten.

von
Katharina Bracher

Sie sagen, dass Doktorspiele normal und wichtig sind für die Entwicklung des Kindes. Wie sieht es aus, wenn der siebenjährige Nachbarsjunge mit dem vierjährigen Mädchen Doktor spielt?

Grundsätzlich ist es wichtig, dass in der Beziehung zwischen den spielenden Kindern kein Machtgefälle besteht: Dass beide Kinder freiwillig mitspielen, dass jedes aufhören kann, wenn es nicht mehr will und auch ausdrücken darf und kann, wenn ihm eine Handlung des Anderen zu weit geht.

Man soll also als Eltern nicht eingreifen und solche Spiele verbieten?

Wenn Kinder ihre Neugier für den eigenen und den Körper anderer ausdrücken, dürfen die Eltern sich darüber freuen. Es ist ein Irrtum zu glauben, Kinder seien nicht sexuell. Das Gegenteil ist der Fall: Auch Kinder sind sexuelle Wesen. Fehlt sexuell gefärbte Neugier im Kindesalter, ist das ein schlechtes Zeichen.

Wie kann man als Eltern sicher sein, dass bei solchen Doktorspielen das eigene Kind nicht missbraucht wird?

Ich empfehle den Eltern Gelassenheit. Wenn kein Machtgefälle zwischen den beteiligten Kindern besteht, dürfen Eltern davon ausgehen, dass dabei niemand zu Schaden kommt. Keinesfalls sollen Eltern daneben stehen, denn das würde die Privatsphäre der Kinder verletzen. Gut ist, wenn die Kinder wissen, wo die Eltern sich aufhalten und wo sie, wenn notwendig, Unterstützung kriegen können. So lange ein Kind nach dem gemeinsamen Spiel nicht verstört wirkt, weint oder über Schmerzen klagt, gibt es keinen Grund für die Eltern, etwas zu unternehmen.

Wo sind die Grenzen? Soll man zum Beispiel zulassen, dass sich die Kinder gegenseitig irgendwelche Gegenstände in Körperöffnungen einführen?

Ja, das darf man zulassen, denn Kinder spüren, wenn ihnen etwas Schmerzen bereitet und sie wehren sich dagegen oder entziehen sich solchen Untersuchungen. Wichtig ist bei allen Formen von Doktorspielen aber wie gesagt, dass kein Kind zu etwas gezwungen wird und dass ein Nein von allen beteiligten Kindern akzeptiert wird. Dass alle Kinder diese Regeln vor dem Spiel kennen, dafür sind die Eltern verantwortlich.

Manche Kinder fangen schon im Windelalter an zu onanieren. Viele Eltern wissen nicht recht, wie sie damit umgehen sollen, oder es ist ihnen unangenehm.

Der Lernprozess von Kindern funktioniert hier nach dem Lustprinzip. Entdeckt ein Kind, dass ihm eine Berührung Lust verschafft, wird es sie wiederholen. Wenn Eltern ihr Kind unterbrechen, oder ihm sexuelle Handlungen am eigenen Körper verbieten, sagen sie ihm damit, dass es nicht in Ordnung ist, sich selbst lustvoll zu berühren. Wenn Erwachsene sich an sexuellen Handlungen von Kindern stören, sollten sie sich vielleicht fragen: Wer hat hier das Problem, ich oder das Kind? Und: Wie stehe ich zur eigenen Sexualität?

Soll man ein Kind darauf ansprechen, wenn es offen masturbiert?

Ältere Kinder schon, ja. Man darf ihnen sagen, dass es andere Menschen stört, wenn sie seine Handlungen mit ansehen müssen und dass es dafür bessere Orte gibt als die Öffentlichkeit. Zum Beispiel sein Zimmer. Die Handlungen von kleinen Kindern auf dem Wickeltisch, kann man aber ruhig positiv kommentieren, wenn man das möchte. Zum Beispiel: Gell, das fühlt sich gut an, was du da machst?

Ab welchem Alter sollen Eltern Themen der Sexualität ansprechen?

Sexualerziehung und damit auch das Reden über Sexualität, beginnt schon im Babyalter. Es geht aber in diesem frühen Alter nicht darum, den Kindern biologisches Wissen zu vermitteln, sondern ihnen Angebote zu machen, die ihrem Entwicklungsstand gerecht werden und bei denen sie frei wählen können, ob sie diese annehmen oder ablehnen wollen. Sexualerziehung soll sich an den Bedürfnissen der Kinder orientieren und nicht umgekehrt.

Was heisst das, «Angebote machen»?

Eltern können zum Beispiel darauf hinweisen, wenn jemand im Umfeld schwanger ist. Im Stil von, «hast du gesehen, in dem Bauch ist ein Baby drin». Wenn das Kind sich weiter interessiert, wird es fragen. Wenn nicht, ist es nicht der richtige Zeitpunkt, etwas zu erklären. Das ist der Unterschied zwischen der Aufklärung im Teenageralter und der Sexualerziehung. Letztere setzt früh an und geht kontinuierlich weiter. Und sie erspart den Eltern, die Kinder mit 14 aufklären zu wollen und feststellen zu müssen, dass diese alles schon aus den Medien und von anderen Kindern wissen.

Broschüre soll Eltern bei Sexualerziehung helfen

Das Ziel des Ratgebers: Eltern sollen mit ihren Kindern möglichst früh über Sexualität reden. Die Broschüre wurde von der Stiftung Kinderschutz Schweiz und der Mütter- und Väterberatung Schweiz erarbeitet.

«Eltern stehen bei der Aufklärung ihrer Kinder oft Unsicherheiten, Scham oder Unwissen im Weg», heisst es in der Medienmitteilung vom Dienstag. Wenn Eltern diesbezüglich negative Signale aussenden, würde dies den Kindern verunmöglichen zu lernen, dass der Körper etwas Wertvolles sei, schreiben die Organisationen.

Die Broschüre «Sexualerziehung von Kleinkindern und Prävention sexueller Gewalt» ermögliche einen differenzierteren Umgang mit dem Thema. Würden Eltern ihre Kinder begleiten, helfe dies, sie zu stärken und zu schützen, sagte Jacqueline Fehr, Nationalrätin (SP/ ZH) und Präsidentin der Stiftung Kinderschutz Schweiz an der Medienkonferenz am Dienstag.

Die Publikation zeigt auf, was Kindern zugemutet werden kann und wo die Grenzen liegen. Thematisiert wird beispielsweise der Umgang mit kindlichen Doktorspielen und Selbstbefriedigung im Kleinkindalter. Die auf Deutsch erhältliche Broschüre wird von Mütter- und Väterberatungen kostenlos abgegeben. Ab 2010 ist sie auch in französischer und italienischer Sprache erhältlich. (sda/kbr)

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