«Stuttgart 21»: Auch Kinder unter den Opfern

Aktualisiert

«Stuttgart 21»Auch Kinder unter den Opfern

Eskalation in Stuttgart: Mit Pfefferspray und Wasserwerfern ist die Polizei gegen die Gegner des umstrittenen Bahnprojekts vorgegangen. Dabei sind nach Angaben der Demonstranten Hunderte leicht verletzt worden.

Die Proteste gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 sind am Donnerstag gewalttätig eskaliert. Bei Absperrungen für Baumfällarbeiten im Stuttgarter Schlossgarten setzte die Polizei gegen die Demonstranten auch Wasserwerfer und Pfefferspray ein, um deren Blockaden zu lösen.

Dabei erlitten nach Angaben der Demonstranten 300 bis 400 Menschen leichte Augenverletzungen, als sich die Polizei mit Tränengas, Pfefferspray und Wasserwerfer einen Weg durch die Menge bahnte.

Die Polizei sprach am Abend von 90 Menschen, die sich ambulant behandeln liessen, neun seien mit Platzwunden in Krankenhäuser gebracht worden. Viele Leichtverletzte hätten offensichtlich darauf verzichtet, sich behandeln zu lassen.

Tausende protestierten im Stuttgarter Schlosspark gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 und die Abholzung von insgesamt 300 Bäumen. In der Nacht sollten die ersten Bäume gefällt werden. Am Abend holte die Polizei erste Demonstranten aus den Kronen der Bäume.

Proteste gehen weiter

Allgemein wurden weitere Protestaktionen für die Nacht und das bevorstehende Wochenende erwartet. Die Demonstranten kündigten massiven Widerstand an. «Masse zählt, weil die Polizei nicht tausende Leute räumen kann», sagte ein Sprecher der «Parkschützer».

Eine Gewerkschafterin berichtete von massivem Gewalteinsatz bei der Auflösung von Blockaden. Sie habe neben Demonstranten gestanden, die sich an einen Zaun gekettet hatten, und sei ohne Vorankündigung von Polizisten zu Boden geworfen, getreten und mit Tränengas besprüht worden.

Auch Schüler gingen auf die Barrikaden: Am Vormittag hatten laut Polizei mehr als 1000 Jugendliche im Schlossgarten gegen die Räumung des Parks demonstriert. Etwa 30 Schüler hatten einen Lastwagen der Polizei mit Absperrgittern besetzt und wurden später von Spezialkräften der Polizei heruntergeholt.

Hunderte Polizisten im Einsatz

Nach Angaben des Stuttgarter Polizeipräsidenten Siegfried Stumpf waren 600 Polizisten im Einsatz. Die Opposition aus SPD und Grünen sowie die Gewerkschaften zeigten sich entsetzt über das harte Vorgehen der Polizei.

Der Polizeieinsatz wird bereits an diesem Freitag ein Nachspiel im Bundestag haben: Der Innenausschuss will sich am Vormittag auf Antrag der Linken auf einer Sondersitzung mit den Ereignissen beschäftigen. Die Grünen beantragten zudem eine Aktuelle Stunde im Bundestag.

Landesvertretung in Berlin besetzt

Derweil weitete sich der Protest auf Berlin aus: Stuttgart 21- Gegner besetzten am Donnerstagnachmittag für eineinhalb Stunden die baden-württembergische Landesvertretung in der Bundeshauptstadt, wie die Nachrichtenagentur AP meldete.

Die Demonstranten gehörten demnach zur Besuchergruppe einer Linken Bundestagsabgeordneten. Sie setzten sich von der Gruppe ab und entrollten auf einem Balkon des Gebäudes ein Banner. Nach friedlichen Verhandlungen mit der Polizei zogen die Besetzer wieder ab.

Grossbaustelle Stuttgart 21

Das Projekt Stuttgart 21 sieht den Umbau des Kopfbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation vor. Diese soll an die geplante ICE- Neubaustrecke Stuttgart - Ulm angebunden werden. Die Bahn rechnet mit Gesamtkosten von sieben Milliarden Euro. Kritiker rechnen mit einer Kostensteigerung auf bis zu 18,7 Milliarden Euro.

Wie ein Projektsprecher berichtete, müssen zur Einrichtung der Baustelle zunächst 25 Bäume gefällt werden. Auf dem Baugelände werden eine 1000 Quadratmeter grosse Halle aufgebaut und Wasserbehälter aufgestellt.

Insgesamt müssen dem Bahnprojekt dann voraussichtlich 282 Bäume weichen. Dabei sollen auch Bäume versetzt werden. Die Deutsche Bahn ist verpflichtet, nach Abschluss der Bauarbeiten 293 Bäume nachzupflanzen.

(sda/dapd)

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