Aktualisiert 14.11.2012 13:30

42 Stunden sind outAuch Kinderlose wollen Teilzeit-Jobs

Nur wenige Angestellte hängen an der 5-Tage-Woche, wie unsere Umfrage zeigt. Doch den Teilzeit-Traum zu verwirklichen, ist schwierig. Nicht wegen bockiger Chefs – sondern wegen des Geldes.

von
S. Hehli

An der Zürcher Goldküste sei er als Teilzeit-Papi schräg angeschaut worden, berichtet Jürg Wiler. Doch Leute, die sich über Männer wie Wiler lustig machen, sind nur eine kleine Minderheit. Das zeigt die nicht-repräsentative Umfrage von 20 Minuten Online: Nur 14 Prozent finden, Teilzeitmänner seien halbe Männer. Unter den Frauen sind sogar nur 9 Prozent dieser Meinung.

Das Wohlwollen dürfte auch damit zu tun haben, dass 62 Prozent der Vollzeit-Männer selber gerne mehr Freizeit hätten als heute. Sie würden zu einer bereits grossen Gruppe stossen. Fast ein Drittel der Umfrage-Teilnehmer hat einen Teilzeit-Job. Anders formuliert: Nur ein gutes Viertel der Männer arbeitet Vollzeit und ist damit rundum zufrieden.

Das Ergebnis ist Wasser auf die Mühlen der Kampagne Teilzeitmann.ch. Projektleiter Andy Keel sieht die Erkenntnis einer Studie aus dem Kanton St. Gallen bestätigt, nach der gar 90 Prozent der Männer Teilzeitpensen anstreben. «Das unterstreicht, dass unser Projekt Teilzeitmann goldrichtig und notwendig ist.»

Traum Viertage-Woche

Die Kampagne richtet sich explizit nicht nur an Väter – und scheint, damit richtig zu liegen: Auch unter den Männern, die keine Familie haben, will eine Mehrheit von 52 Prozent weniger arbeiten. Ein Viertel der Kinderlosen hat sich den Wunsch nach einem Teilzeitjob bereits erfüllt, bei den Vätern sind es vier von zehn.

Und was würden die Männer mit der zusätzlichen Freizeit anfangen? Logisch ist, dass 87 Prozent der Väter sich mehr um Kinder und Haushalt kümmern möchten. Unter den kinderlosen Männern hätten 80 Prozent einfach gerne mehr Zeit für sich selber. Doch auch fast die Hälfte der Väter hegt diesen Wunsch.

Der Ruf nach mehr Freizeit kommt für Sybille Sachs alles andere als überraschend. Die Professorin für strategisches Management an der Zürcher Hochschule für Wirtschaft hat sich intensiv mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie befasst – und dabei festgestellt, dass viele Arbeitnehmer am Rand der Belastung sind und nach mehr Erholung lechzen.

Neue Arbeitswelt ist zu stressig

Die Anforderungen im Job seien in den letzten 15 Jahren stark gestiegen. «Wegen der zunehmenden Ausrichtung der Firmen auf den Shareholder Value rapportieren die Angestellten quartalweise. Sie werden dauernd an irgendwelchen Kennzahlen gemessen und müssen ihre Leistung beweisen.» Das sei Stress pur, betont Sachs.

Für die Männer komme noch hinzu, dass durch die Emanzipation die Ansprüche an sie gestiegen seien – bei der Kindererziehung und im Haushalt, wie die Professorin erklärt. Viele Männer sähen diese Entwicklung aber auch als Chance: «Sie haben Lust auf eine neue, vielfältigere Lebensplanung, bei der nicht alles auf Leistung im Beruf ausgerichtet ist. Was wiederum den Frauen neue Karrierechancen eröffnet.»

Noch scheiterts am Geld

Allzu grosse Abstriche im Job wollen die Männer, die eine Reduktion anstreben, aber nicht machen: Für 53 Prozent ist die Viertage-Woche Favorit. Weitere 29 Prozent hätten gerne einen 60- oder 70-Prozent-Job (siehe Grafik unten).

So oder so bleiben aber flexiblere Arbeitsmodelle für die meisten ein Traum. 40 Prozent der Möchtegern-Teilzeitmänner scheiterten laut Umfrage-Ergebnis beim Bemühen um eine Pensumsreduktion. 60 Prozent haben es gar nicht erst versucht. Der am häufigsten genannte Grund für diese Zurückhaltung ist nicht die Angst um die Karriere oder die generelle Unmöglichkeit in der jeweiligen Branche (je 26 Prozent) – sondern das Geld: Zwei Drittel sagen, sie könnten sich das kleinere Gehalt nicht leisten.

Aus diesem Grund fordert Lucrezia Meier-Schatz, CVP-Nationalrätin und Geschäftsführerin von Pro Familia, dass endlich die Gleichstellung bei den Löhnen hergestellt werde. Denn solange die Männer mehr verdienen, lohnt sich eine neue Aufgabenteilung für viele Paare nicht: Reduziert der Mann um 20 Prozent und stockt die Frau um 20 Prozent auf, bleibt wegen der Lohndifferenz am Schluss weniger in der Haushaltskasse.

«Keine Angst vor dem Karriereknick!

Meier-Schatz und Professorin Sachs betonen, dass die Zeit für die Teilzeit-Männer arbeite. «Es zeichnet sich ein Arbeitskräftemangel ab, und die junge Generation ist sehr mobil», sagt die St. Galler CVP-Frau. «Die Unternehmen können es sich im Kampf um die besten Köpfe nicht leisten, den Wunsch nach flexiblen Arbeitsmodellen einfach zu ignorieren.»

Sachs ergänzt, dass es dafür ein Umdenken in den Chefetagen brauche: «Es sollte auch Vorgesetzte geben, die Teilzeit arbeiten – und damit den Mitarbeitern signalisieren: Ihr braucht keine Angst vor einem Karriereknick zu haben!»

Zur Umfrage

In Zusammenhang mit der Kampagne Teilzeitmann.ch führte 20 Minuten Online eine grosse, nicht-repräsentative Umfrage zum Thema Teilzeitarbeit durch. Es nahmen 3230 Leser teil, darunter 2283 Männer und 947 Frauen.

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