Radioaktiver Boden: «Auch niedrige Strahlung kann gefährlich sein»

Aktualisiert

Radioaktiver Boden«Auch niedrige Strahlung kann gefährlich sein»

Jahrelang liegt inmitten eines Bieler Wohnquartiers radioaktives Material begraben. Gustav von Schulthess, Spezialist für Nuklearmedizin, erklärt die Gesundheitsgefahren.

von
N. Glaus

Herr Von Schulthess, während den Bauarbeiten für die Autobahnumfahrung Biel haben Experten radioaktives Material gefunden. Der stärkste Strahlenwert lag bei 0,3 Millisievert pro Stunde. Müssen die Quartierbewohner jetzt Angst um ihre Gesundheit haben?

Bei höheren Strahlendosen von über 150-200 Millisievert pro Jahr steigt die Wahrscheinlichkeit von Gesundheitsschäden. Bei sehr hohen Strahlendosen kann es zu Krebs oder Defekten in den Fortpflanzungszellen kommen. Dass auch niedrige Strahlendosen gefährlich sind, ist nicht auszuschliessen. Es gibt allerdings keine Studien, die beweisen, dass sie gesundheitsschädlich sind. Es gibt zum Beispiel Regionen im Iran, in der die natürliche Radioaktivität um ein Vielfaches höher ist als in der Schweiz. Die dortige Bevölkerung weist keine vermehrten Gesundheitsschäden auf.

Die Bewohner des betroffenen Quartiers haben in ihren Schrebergärten jahrelang Gemüse angebaut und gegessen. Ist das nicht gefährlich?

Dies kann man ohne Information, ob die Pflanzen radioaktive Atome aufgenommen haben, nicht sagen. Die Nahrungsmittelbehörden können aber die Radioaktivität in den Pflanzen jederzeit ermitteln.

Kann es sein, dass die radioaktive Strahlung Auswirkungen auf den Körper hat, die man gar nicht merkt?

Grundsätzlich ist es so, dass man oft erst nach langer Zeit feststellen kann, ob die erhaltene Strahlendosis problematisch ist. Innerhalb von zehn Jahren kann Blutkrebs auftreten und andere Tumoren treten noch später auf. Grundsätzlich will ich aber betonen, dass dies erst bei einer sehr hohen Strahlendosis der Fall ist, die man im Alltag eigentlich nicht erreichen kann.

Gibt es Möglichkeiten zu untersuchen, ob der Körper bereits Schäden von radioaktiver Strahlung erlitten hat?

Wenn man einer akuten hohen Strahlung ausgesetzt ist, kann man die Blutzellen anschauen. Dort würde man gegebenenfalls eine Veränderung feststellen. Es gibt zudem die Möglichkeit, das Erbgut, die DNS zu untersuchen. Auf Grund von sogenannten Doppelstrangbrüchen – Brüchen im genetischen Material – kann man auch feststellen, ob die radioaktive Strahlungen Auswirkungen auf den Körper hat. Es gibt aber körpereigene Mechanismen, die diese Defekte wieder von selbst reparieren und es ist nicht einmal sicher, ob eventuell etwas mehr Radioaktivität diese Reparaturmechanismen sogar günstig beeinflusst. Man darf nicht vergessen: das Leben ist bei einer viel höheren radioaktiven Hintergrundstrahlung entstanden, als sie heute existiert.

Gustav von Schulthess ist Direktor der Klinik für Nuklearmedizin am Zürcher Universitätsspital

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