Fall Gammy: Auch Schweizer suchen Leihmütter im Ausland

Aktualisiert

Fall GammyAuch Schweizer suchen Leihmütter im Ausland

In der Schweiz leben Dutzende Kinder, die von einer Leihmutter geboren wurden - obwohl dies eigentlich illegal ist. Fliegen die verantwortlichen Paare auf, werden sie nicht als Eltern anerkannt.

von
J. Büchi

Ein australisches Ehepaar lässt von einer jungen Frau in Thailand Zwillinge austragen. Da eines der Babys mit Down-Syndrom zur Welt kommt, lassen sie es einfach in Asien zurück: Der Fall Gammy hat eine weltweite Debatte über Leihmutterschaft entfacht.

Obwohl die Praxis hierzulande verboten ist, reisen auch Schweizer Paare ins Ausland, um dort die Dienste einer Leihmutter in Anspruch zu nehmen (siehe Infografik). Anwältin Karin Hochl ist auf das Thema spezialisiert. Sie sagt: «Wir erhalten mehrere Anfragen pro Woche von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch, die sich zum Thema Leihmutterschaft rechtlich beraten lassen möchten - Tendenz steigend.» Über ein Dutzend Eltern, die ein Kind von einer Leihmutter austragen liessen, betreut sie derzeit. «Dazu kommen Paare, die ein solches Kind planen und sich im Voraus rechtlich beraten lassen wollen.»

Elternschaft wird nicht anerkannt

Grund für die vielen Anfragen: Stellt sich heraus, dass ein Kind im Ausland von einer Leihmutter geboren wurde, verweigern die Schweizer Behörden den Paaren in der Regel die Einreise in die Schweiz sowie die rechtliche Anerkennung der Elternschaft. Diese haben dann den Status von Pflegeeltern - das Kind bekommt einen Beistand. Karin Hochl unterstützt ihre Klienten in diesen Fällen, damit die Elternschaft dennoch anerkannt wird.

Neben heterosexuellen Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch nehmen auch Homosexuelle die Dienste von Leihmüttern in Anspruch. Sie haben bei der Anerkennung der Kinder besonders häufig mit rechtlichen Problemen zu kämpfen: Im Gegensatz zu heterosexuellen Eltern können sie ihr Baby - naturgemäss - schlecht als ihr leibliches ausgeben, wenn sie mit ihm aus dem Ausland zurückkehren.

«Oft der letzte Ausweg»

Dass immer wieder Schweizer Paare im Ausland Leihmütter suchen, ist auch dem Bundesrat bekannt. In einem Bericht vom letzten November stellt er fest, die Situation sei «unbefriedigend»: Der grösste Teil der Leihmutterschaften werde von den Behörden nicht entdeckt - in der Schweiz seien offiziell nur rund zehn Fälle aktenkundig. «Die Dunkelziffer dürfte allerdings hoch sein.»

Christian De Geyter, Chefarzt der Reproduktionsmedizin am Universitätsspital Basel, schätzt, dass sich in der Schweiz jährlich bis zu 20 Paare ihren Kinderwunsch mithilfe einer Leihmutter erfüllen. Im Vergleich zur Zahl der Paare, die mittels einer Eizellspende Kinder bekommen, seien das wenige. «Denn eine Leihmutterschaft ist oft der allerletzte Ausweg.»

Nur, wenn eine Frau keine Gebärmutter habe, sei eine Leihmutterschaft eine Option: Eine ihrer Eizellen wird dann im Labor mit dem Sperma des Partners befruchtet, die Leihmutter trägt das Kind aus. «Das ist sehr teuer», so De Geyter. Im Schnitt koste eine Leihmutterschaft zwischen 50'000 und 100'000 Franken - allfällige Anwaltskosten für die Anerkennung des Kindes noch nicht eingerechnet.

Haben Sie die Dienste einer Leihmutter in Anspruch genommen und würden uns von Ihren Erfahrungen berichten? Melden Sie sich unter feedback@20minuten.ch.

Diskussion über Liberalisierung

Derzeit gibt es in der Schweiz Bestrebungen, von ausländischen Leihmüttern geborene Kinder in der Schweiz einfacher anzuerkennen. Das Eidgenössische Amt für das Zivilstandwesen schreibt in einem Bericht, die aktuelle Entwicklung sei wohl nicht mehr aufzuhalten. Es müsse deshalb davon ausgegangen werden, dass ein solches Baby «in nicht allzu ferner Zukunft anerkannt werden wird, ohne Umweg über die Vaterschaftsanerkennung oder die Adoption». Auch die nationale Ethikkommission kam kürzlich zum Schluss, Leihmutterschaften seien aus ethischer Sicht nicht grundsätzlich verwerflich.

Anwältin Karin Hochl begrüsst die Diskussion: «Fakt ist: Diese Kinder gibt es Justiz und Politik müssen sich der Situation nun stellen.» Auch für Reproduktionsspezialist De Geyter wäre eine Legalisierung denkbar. Das Gesetz müsste ihm zufolge aber sicherstellen, dass eine Leihmutterschaft nur dann zugelassen wird, wenn eine Frau medizinisch keine andere Möglichkeit hat, eigenen Nachwuchs zu bekommen. «Auf keinen Fall dürfen reiche Frauen Leihmütter beauftragen, weil sie keine Zeit haben, selber schwanger zu werden.» Bei US-Schauspielerinnen gebe es etwa einen entsprechenden Trend: «Das ist ein offenes Geheimnis».(jbu)

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