Aktualisiert 23.02.2019 09:01

Auto-Salon Genf 2019Audi und die E-Volution – am Steuer des e-tron

Überall Aufregung. Alles im Wandel. Da wird einem schwindelig. Audi bringt mit dem e-tron seinen ersten Voll-Stromer. Die hohe Sitzposition hilft, um den Überblick zu behalten.

von
Matthias Mederer
23.2.2019
E-Volution: Auf den ersten Blick sieht der e-tron wie ein ganz gewöhnlicher SUV von Audi aus.

E-Volution: Auf den ersten Blick sieht der e-tron wie ein ganz gewöhnlicher SUV von Audi aus.

Audi
Die virtuellen Aussenspiegel sind optisch dann aber auch schon der futuristische Hingucker, denn im Ganzen rollt der e-tron ziemlich vertraut vor. Und das ist durchaus positiv zu verstehen.

Die virtuellen Aussenspiegel sind optisch dann aber auch schon der futuristische Hingucker, denn im Ganzen rollt der e-tron ziemlich vertraut vor. Und das ist durchaus positiv zu verstehen.

Audi
Das Design versucht eben nicht schreiend den zukunftsweisenden HighEnd-Science-Fiction-Auftritt hinzulegen, sondern gliedert sich nahtlos ein in die...

Das Design versucht eben nicht schreiend den zukunftsweisenden HighEnd-Science-Fiction-Auftritt hinzulegen, sondern gliedert sich nahtlos ein in die...

Audi

«WAHNSINN!» Das ist der erstedruckreife Gedanke, der mir nach rund zehn Minuten am Steuer des Audi e-tron in den Sinn kommt. Alles was mir zuvor so durch den Kopf schoss, dürfte durchweg eine gefährdende Wirkung auf zartbesaitete Gemüter oder Jugendliche unter 18 Jahren haben. Und noch mal: Tempo 40, einlenken, drauf auf das Pedal und den Audi e-tron samt dreier Kollegen wie am sprichwörtlichen Gummiseil aus der Kurve hinaus den Berg hoch schiessen. Ein zutiefst hedonistischer Exzess, keine Frage. Suchtpotenzial? Absolut!

Zurück zu den ernsten Themen. Aber mit Spass. Denn genau das ist es, was der Audi e-tron hier in und um Abu Dhabi herum darstellt. Dabei passt er als Premium-SUV ab 89'900 Franken hervorragend hierhin, wo auf Werbeplakaten statt des neuen Opel Corsa grossformatig ein McLaren 570S Spider angepriesen wird.

Es hat zudem etwas sehr Reflektiertes – wenn man es denn positiv sehen will –, dass Audi sein erstes vollelektrisches Serienfahrzeug ausgerechnet an dem Ort der Erde vorstellt, der seinen Reichtum vor allem Antriebstechnologien zu verdanken hat, die auf dem Nutzen fossiler Brennstoffe basieren und deren Menschen mittlerweile im weltweiten Vergleich ein Konsumverhalten und einen Wasserverbrauch an den Tag legen, der selbst mit fünf Erden nicht gedeckt werden könnte. Immerhin: Problem erkannt.

Energieaufwand pro Kopf um 75 Prozent reduzieren

In puncto Nachhaltigkeit macht man sich gerade hier nicht nur Gedanken, sondern beginnt auch gleich damit, Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Wie das aussehen könnte, zeigt Masdar City, von wo Audi auch seine Präsentationsfahrten startet. 30 Kilometer östlich von Abu Dhabi wird hier versucht, mit baulichen Massnahmen eine Stadt aufzubauen, die den Energieaufwand pro Kopf um 75 Prozent reduzieren soll. Ziel ist es, nahezu emissionslos und abfallfrei leben zu können. Eine schöne Vorstellung. Keine Ahnung, ob es dann die saubere Wüstenluft ist, das nahezu geräuschlose Anrollen des e-tron, oder eben doch die SUV-typische erhöhte Sitzposition, aber man blickt sogleich doch mit einer gewissen optimistischen Souveränität und überraschenden Klarheit auf die aktuellen Fragen.

Der Audi e-tron ist nicht die eine richtige Antwort nach der alle Welt sich gesehnt hat, er ist nicht der Heilsbringer und Erlöser, der die Umwelt, die Wirtschaft und die gesamte Menschheit retten wird. Aber er ist eine Antwort. Eine konkrete Antwort auf die wahrlich grossen Fragen der Zunft nach ihrer eigenen Zukunft. Ist der Verbrennungsmotor noch zeitgemäss, oder setzen sich elektrisch betriebene PKW durch? Und wer baut die Infrastruktur hierfür? Wie retten wir dabei die Umwelt? Fahren bald alle autonom? Und wenn ja, wo? Wollen die Menschen in Zukunft überhaupt ein Automobil, also einen selbstfahrenden Roboter?

Rational und wissenschaftlich betrachtet, darf man den Finger durchaus gleich mahnend heben: Muss es denn ein so grosses SUV sein? Müssen es gleich 300 kW Leistung sein, muss der Standardsprint in einem fast zweieinhalb Tonnen schweren Auto tatsächlich in 5,7 Sekunden (dank Boost) absolviert sein? Und tatsächlich, Günther Schuh von der Technischen Hochschule Aachen sagte vor kurzem: «Der Nutzungsraum eines Elektroautos ist die Stadt.» Man muss dazu wissen, der Professor ist zudem Gründer eines Start-ups für einen kleinen elektrisch betriebenen Stadtflitzer namens e-go.

Benziner werden zu Zweitwagen mutieren

Ein gewisses Kalkül ist da sicher nicht von der Hand zu weisen. Nach Schuh würde der Elektroflitzer den Anforderungen von Pizzafahrern, Pflegediensten und vielen Pendlern mit seiner Reichweite durchaus gerecht. Der grosse Verbrenner würde nach Schuh dann nicht abgeschafft, mutiert aber zum Zweitwagen für Langstreckenfahrten, den der Verbraucher gegebenenfalls eben auch nur noch mieten würde, wenn er ihn denn brauche. Damit verkleinere sich auch die Frage nach der infrastrukturellen Anpassung, denn das Langstreckennetz müsste nicht so aufwendig auf E-Mobilität angepasst werden.

So weit, so vernünftig. Allerdings legt Schuh, wie so viele andere auch in der ständigen Debatte um alternative Antriebe, ein idealisiertes Menschenbild zugrunde. Man muss jetzt nicht gleich Thomas Hobbes oder gar Machiavelli zitieren, doch mal vorsichtig zu fragen, ob Menschen, oder eben Kunden und damit der Markt rein rational handeln beim Kauf eines Autos, sei zumindest erlaubt. Die Realität beweist: Menschen kaufen ein SUV. Und wenn sie damit jeden Tag in die Stadt fahren. Man sitzt ja auch so schön hoch.

Die ganze Debatte um Elektromobilität fusst also darauf, dass im Grunde lediglich extreme Standpunkte nach dem Motto «Entweder oder» medienwirksam rausgebrüllt werden, aber meist an der Realität vorbeischiessen. Die Komplexität der Situation wird in kaum einer Diskussion überrissen; was am Ende des Tages dann auch eine rationale Einordnung des Audi e-tron in richtig oder falsch weder nötig noch zwingend macht.

Mehr als 400 Kilometer Reichweite

Und so wartet der rein elektrisch betriebene Audi in fast buddhistischer Ruhe, immer auch im Wissen um seine Qualitäten. Nach WLTP schafft er mehr als 400 Kilometer Reichweite mit seinen voll aufgeladenen 432 Lithium-Ionen-Zellen, die schwerpunktoptimierend in den Unterboden verbaut sind. Die gesamte Speicherapparatur wiegt inklusive Crash-Struktur rund 700 Kilogramm, doch dank dieser sind auch kleinere Trips durch Wüsten möglich. Aufladen soll dann dank High Power Charging mit bis zu 150 kW dazu führen, dass man an der Ladestation nach 30 Minuten wieder 80 Prozent Kapazität zur Verfügung hat.

Fahrwerkstechnisch kommt der e-tron serienmässig mit höhenverstellbarer Luftfederung, dazu gibt es 7 Fahrmodi für jedweden Untergrund und zusätzliche vier Funktionsmodi des ESC (ESC ON, Sport, Offroad und OFF). Der Weite-Land-Abenteuer-Gedanke schwingt hier immer mit, wenngleich er beim Kunden eher selten zum Tragen kommen dürfte. Aber die konsequente Nichtausreizung der Fähigkeiten ist ja ein Wesensmerkmal der SUV-Fahrer. Es reicht zu wissen, man könnte, wenn man denn wollte.

cw-Wert von 0,27 – dank virtuellen Aussenspiegeln

Eines der grossen Themen in der Entwicklung des e-tron war die Aerodynamik. Reichweite und Effizienz korrelieren hier direkt. Im wahrsten Sinne des Wortes ist dies Thema bei einem SUV umso grösser. Mit den virtuellen Aussenspiegeln schafft der e-tron einen cw-Wert von 0,27 (abgerundet), mit den Standardspiegeln ist er wenngleich marginal, dennoch messbar schlechter. Die virtuellen Aussenspiegel sind optisch dann aber auch schon der futuristische Hingucker, denn im Ganzen rollt der e-tron ziemlich vertraut vor. Und das ist durchaus positiv zu verstehen.

Das Design versucht eben nicht schreiend den zukunftsweisenden HighEnd-Science-Fiction-Auftritt hinzulegen, sondern gliedert sich nahtlos ein in die Audi- und Audi-Sport-Designsprache – mit allem, was dazu gehört, wie Single Frame Grill und Lichtsignatur. Und das zieht sich im Innenraum konsequent fort. Der Audi e-tron erhebt – und das werden Marketing und PR gar nicht so gerne lesen – nicht den Anspruch eine Revolution zu sein, sondern vielmehr die konsequente Evolution dessen, was wir gemeinhin unter einem Auto verstehen. Und das ist für den Moment vielleicht schon mehr als genug.

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