Nahrungsmittelintoleranz: «Auf alles zu verzichten, ist keine Lösung»
Aktualisiert

Nahrungsmittelintoleranz«Auf alles zu verzichten, ist keine Lösung»

Keine Pasta, keine Milch: Unverträglichkeiten betreffen immer mehr Menschen. Wie damit umgehen? Antworten von Angela Ruoss.

von
Sulamith Ehrensperger
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Immer mehr Menschen sind von einer Nahrungsmittel-Intoleranz betroffen. Die Plattform Intolerant.me soll ihnen helfen, mit der neuen Situation zurecht zu kommen.

Immer mehr Menschen sind von einer Nahrungsmittel-Intoleranz betroffen. Die Plattform Intolerant.me soll ihnen helfen, mit der neuen Situation zurecht zu kommen.

Baona
Je nach Form der Intoleranz sind in der Schweiz bis zu 20 Prozent der Bevölkerung betroffen. Nahrungsmittelintoleranzen sind mittels Allergietest nicht nachweisbar.

Je nach Form der Intoleranz sind in der Schweiz bis zu 20 Prozent der Bevölkerung betroffen. Nahrungsmittelintoleranzen sind mittels Allergietest nicht nachweisbar.

Siriwat Nakha
Etwa jede fünfte Person in der Schweiz leidet unter Laktoseintoleranz. Neben Laktoseunverträglichkeit sind Gluten- und Fruktoseintoleranz die wohl häufigsten Formen.

Etwa jede fünfte Person in der Schweiz leidet unter Laktoseintoleranz. Neben Laktoseunverträglichkeit sind Gluten- und Fruktoseintoleranz die wohl häufigsten Formen.

Fangxianuo

Frau Ruoss, zusammen mit Ihrem Partner haben Sie eine Plattform für Menschen mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten und -allergien ins Leben gerufen. Was ist Ihr Beweggrund für Intolerant.me?

Wir sind letztes Jahr zu einer 14 Monate langen Reise aufgebrochen. Viel Zeit haben wir in Asien verbracht, was bezüglich Intoleranzen eine Herausforderung war. Auf meinem privaten Instagram-Profil habe ich angefangen, über meine Intoleranzen zu berichten, und wie es ist, damit zu reisen. Ich konnte mich mit Gleichgesinnten austauschen, Empfehlungen geben und bekommen. Das hat uns auf die Idee zu Intolerant.me gebracht. Es gibt zwar viele Informationen und Empfehlungen zu Nahrungsmittelintoleranzen und -allergien, aber kaum einen Ort, an dem alle diese Informationen zusammenkommen.

Ich beobachte, dass die Leute bei der Ernährung immer mehr verunsichert sind. Für wen haben Sie diese Plattform ins Leben gerufen?

Für Menschen, die Intoleranzen und/oder Allergien haben, die vielleicht verunsichert sind und sich dadurch einschränken lassen. Eigentlich also für Menschen wie mich. Neben körperlichen Symptomen haben mich auch innere Unruhe und Angstzustände geplagt. Es geht vielen Betroffenen so. Diese Leute sollen einen sicheren Ort bekommen, wo sie sich inspirieren, informieren und miteinander interagieren können.

Die gängigsten Intoleranzen sind wohl Laktose, Fruktose und Gluten. Sie äussern sich bei jedem Menschen anders. Wie haben Sie gemerkt, dass Sie betroffen sind?

Mir gings oft körperlich schlecht, über einen längeren Zeitraum. Ich hatte Verdauungsprobleme, ständig einen aufgeblähten Bauch, Bauchkrämpfe, kaum Energie und Kopfschmerzen. Irgendwann hat mir das Ganze auch auf die Psyche geschlagen. Da wusste ich, dass es Zeit ist, etwas dagegen zu tun. Nachdem die üblichen Untersuchungen beim Hausarzt nichts ergeben hatten, wurde ich in eine spezielle Magenklinik verwiesen. Seither bin ich durch mehrere Ernährungsumstellungen und Austesten vielen meiner Intoleranzen auf den Grund gekommen. Meine «Big Five», wie ich sie gerne nenne, sind: Fruktose, Laktose, Weizen, Zwiebeln und Knoblauch.

Beim Thema Lebensmittelunverträglichkeit wird es schnell diffus – und auch ideologisch. Tatsächlich leiden nur wenige wirklich an einer Nahrungsmittelunverträglichkeit. Sind «sensible Esser» auch eine Modeerscheinung unserer modernen Gesellschaft?

Mittlerweile leidet etwa ein Drittel an einer Lebensmittelunverträglichkeit, das ist schon eine Menge. Auch wenn vielleicht nicht alle davon diagnostiziert sind, als Modeerscheinung würde ich es nicht bezeichnen. Damit verbinde ich, dass sich die Leute das Ganze nur einbilden. Ich kann nur für mich sprechen, aber dem ist nicht so! Trotzdem spielen die moderne Gesellschaft und die sozialen Medien eine tragende Rolle. Viele verbinden mit dem Wort «glutenfrei» oder auch «vegan» gesund. Leider entspricht das nicht ganz der Wahrheit. Es ist sogar oft so, dass glutenfreie und vegane Produkte viel mehr Zucker und andere Zusatzstoffe beinhalten als herkömmliche.

Was raten Sie Menschen, die glutenfreie Produkte konsumieren wollen?

Meiner Meinung nach gilt: Egal, ob diagnostizierte Unverträglichkeit oder nicht, man sollte in jedem Fall auf seinen Körper hören und bewusst das essen, was einem guttut. Merke ich beispielsweise, dass ich von Pasta jedes Mal Bauchschmerzen bekomme, lass ich sie mal weg. Geht es mir danach viel besser, brauche ich keinen Arzt, der mir sagt, dass ich Pasta nicht vertrage. Mittlerweile gibt es viele Alternativen. Wichtig ist dabei, sich selber immer wieder zu testen. Denn auf alles zu verzichten, ist keine Lösung – zumindest keine langfristige.

Aufs Lieblingsessen zu verzichten, ist doch deprimierend. Welches sind Ihre wichtigsten Tipps für Menschen mit Unverträglichkeit?

Die Diagnose «Nahrungsmittelunverträglichkeit» ist erst mal ein Schock. Die damit einhergehende Umstellung ist schwer, körperlich und psychisch. Es ist ein langer und steiniger Weg und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich bereits am Ziel bin. Manchmal deprimiert mich das Ganze immer noch. Aber seit ich es akzeptiert habe, geht es mir damit viel besser. Daher mein Tipp: Akzeptiere die neue Situation, mache das Beste daraus und konzentriere dich auf die positiven Veränderungen. Denn wahrscheinlich wirst du dich viel wohler fühlen in deiner Haut.

Die Schweizerin Angela Ruoss ist eine intolerante Vollzeitreisende. In ihrem Instagram-Profil berichtet sie wie es ist, mit Intoleranzen zu reisen. Zusammen mit ihrem Partner Philip Michael hat sie die Plattform intolerant.me" für Menschen mit Nahrungsmittelintoleranzen und -allergien gegründet.

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