Aktualisiert 05.06.2014 10:01

Twitterfaule Schweizer

«Auf dem Land trifft man sich im realen Leben»

Die Schweiz ist ein Land der Twitter-Abstinenzler. Experten vermuten das Fehlen von Megastädten, die Überalterung und die Schweizer Zurückhaltung als Gründe.

von
Stephanie Sigrist
In der Schweiz werden im Gegensatz zu anderen wirtschaftsstarken Ländern nur wenige Tweets versandt.

In der Schweiz werden im Gegensatz zu anderen wirtschaftsstarken Ländern nur wenige Tweets versandt.

Der Mikroblogging-Dienst Twitter erfreut sich weltweit grosser Beliebtheit und die Nutzerzahlen steigen im Gegensatz zu anderen Social-Media-Plattformen noch immer an. Ende 2013 loggten sich 241 Millionen Menschen auf der ganzen Welt mindestens einmal pro Monat auf Twitter ein. Besonders beliebt ist das im März 2006 gegründete soziale Netzwerk in den USA, China sowie in den europäischen Grossstädten London, Paris, Moskau, Madrid und Mailand.

Auf der interaktiven Landkarte «A World of Tweets» werden alle versandten Kurznachrichten nach Region angezeigt. Bei einem Augenschein am Donnerstagvormittag waren die aktivsten Twitterer in den Vereinigten Staaten, Indonesien und Grossbritannien zu finden. In der Schweiz ist im Gegensatz zu anderen wirtschaftsstarken Industriestaaten kein wirklich grosser Ballungszentrum erkennbar. Offizielle Nutzerzahlen nach Land gibt das US-Unternehmen zwar nicht bekannt, es existieren allerdings zahlreiche Hochrechnungen.

Vor allem Organisationen zwitschern fleissig

Eine Berechnung vom Juni 2012 wurde mithilfe des Tools «Google AdPlanner» erstellt und ging von ungefähr 420'000 Schweizer Nutzern aus. Da das Hochrechnungs-Programm heute nicht mehr verfügbar ist, fehlt die Möglichkeit zu weiteren statistisch aussagekräftigen Schätzungen. Branchenkenner schätzen aber, dass Twitter heute zwischen einer halben Million und 700'000 User in der Schweiz hat. Ein grosser Teil davon sind allerdings nicht Einzelpersonen, sondern Unternehmen oder Organisationen, die den Kurznachrichtendienst für Marketingzwecke nutzen. Mit 2,1 Millionen Followern am meisten Fans hat in der Schweiz das World Economic Forum in Davos, das unter dem Namen @davos auf dem Mikroblogging-Dienst unterwegs ist. Zum Vergleich: Landesweit nutzen 3,3 Millionen Menschen Facebook. Wieso ist Twitter in der Schweiz so unbeliebt?

Beim Blick auf die Twitter-Landkarte fällt auf, dass in Metropolen deutlich mehr gezwitschert wird als in ländlichen Gebieten. Der Schweizer IT-Marktbeobachter Robert Weiss bestätigt diesen Eindruck. «Auf dem Land ist das Vereinsleben noch deutlich wichtiger und die Bewohner haben andere Kommunikationsbedürfnisse», erklärt der Zürcher. «Man trifft sich eher im realen Leben und tauscht sich weniger über Social Media aus.» Dass es in der Schweiz keine Millionenstädte gibt, ist also ein erster Erklärungsansatz.

Ältere sind vorsichtiger

Ein weiterer Grund für die Twitter-Abstinenz von Herr und Frau Schweizer könnte die demographische Entwicklung sein. Der Anteil an Senioren an der Bevölkerung nimmt ständig zu. «Ältere Menschen haben meistens mehr Hemmungen, ihre Privatsphäre mit der Öffentlichkeit zu teilen», sagt Weiss. Sie liessen sich schneller von Meldungen über Hacker, Sicherheitslecks und die negativen Konsequenzen von Social Media verunsichern.

Ausserdem sind Internetnutzer ab 55 Jahren erst vor kurzem auf Facebook gestossen. Es ist also gut möglich, dass die sogenannten Silver Surfer Twitter erst noch für sich entdecken müssen und in einem oder zwei Jahren die Nutzerzahl ansteigen lassen.

Zu wenige Emotionen auf Twitter

Doch auch Jugendliche bewegen sich deutlich öfter auf Zuckerbergs Netzwerk oder Instagram als auf Twitter. Social-Media-Experte Ingo Gächter von der Zürcher Webagentur Snowflake Productions sieht den Grund dafür beim Mikroblogging-Dienst selbst. «Twitter ist im Gegensatz zu Facebook ein Informationskanal und baut weniger auf persönliche Emotionen und Bilder. Es ist vor allem für Jugendliche spannender, Lebensgeschichten auf Facebook zu erleben und zu teilen, als Informationen in 140 Zeichen auf Twitter bekannt zu geben», erklärt er. Ausserdem sei es auch eine Frage der Mentalität, da Schweizer im Umgang mit Social Media generell etwas vorsichtiger seien als andere Nationen.

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