Messer, Uniform, Munition: Auf dem Nato-Basar in Kabul
Aktualisiert

Messer, Uniform, MunitionAuf dem Nato-Basar in Kabul

In Afghanistan gibt es fast alles zu kaufen, was den internationalen Truppen gestohlen wird. Die Nato kämpft seit Jahren gegen diesen Schwarzmarkt. Vergeblich.

von
Philippe Kropf
Kabul

Beim Eingang zum Basar hängt ein halbes Dutzend gehäutete Lämmer an Fleischerhaken vom Vordach des kleinen Standes. Einige sind mit nassen Tüchern umwickelt, um die Fliegen fernzuhalten. Doch dieser Basar lockt nur die wenigsten Kunden mit seinen Frischwaren an den Stadtrand der afghanischen Hauptstadt Kabul: Wer hierher kommt, will Militärmaterial oder amerikanische Ware kaufen, die bei der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe ISAF gestohlen wurde.

Dutzende kleine Häuschen und Stände ducken sich hinter einen tristen, mehrstöckigen Betonbau, aus dem verrostete Armierungseisen herausragen. Wellblech und Planen zwischen den engen Verkaufslokalen bilden selbst am hellen Tag dunkle Gassen. Während der Amtszeit von US-Präsident George W. Bush, der vor zehn Jahren die Invasion in Afghanistan befahl, wurde der Markt «Bush Market» genannt. Vermehrt ist auch der Name «Obama Market» zu hören.

Notrationen, Bier und Frühstücksflocken

In einem abgeschlossenen Kabäuschen stapeln sich bis unter die Decke Kisten mit US-amerikanischen Notrationen, den sogenannten «Meal ready to eat» oder militärisch abgekürzt MRE. Einzeln kostet einer der braunen Plastikbeutel - mit genug Kalorien für einen Soldaten während eines Tages - umgerechnet weniger als 1.50 Franken. Die bei den US-Soldaten beliebten «Hooah!»-Energieriegel gibt es für 40 Rappen.

Aber auch viele der anderen amerikanischen Lebensmittel wie Campbell's-Suppe und Kellogg's-Flocken oder alkoholfreies Beck's-Bier aus Deutschland sind hier zu haben. Ihre ursprüngliche Bestimmung war ein Gestell in einem US-Militärsupermarkt, einem sogenannten PX, wie es ihn auf allen grösseren Basen im Land gibt. Wenn diese Lebensmittel, oft auch mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, dann im «Bush Market» enden, ist das eine der wenigen Möglichkeiten für die afghanische Zivilbevölkerung, überhaupt an solche Produkte zu kommen. So zählen zu den Kunden der teils liebevoll und aufwendig eingerichteten Stände auch Frauen unter einer Burka mit einem Kind an der Hand.

Gefahr für ISAF-Soldaten

Fest in Männerhand sind hingegen die Stände, in denen Kleider und Militärmaterial im Sortiment sind. Ein afghanischer Polizist begutachtet Munitionstaschen. Ein afghanischer Zivilist betrachtet mit umgehängter Kalaschnikow eine Auslage. Hinter den Tresen stehen oft Jugendliche, die Besitzer der Läden halten aus einiger Entfernung beim Tee ein wachsames Auge auf die Geschehnisse. «Das ist original chinesisch, nicht einfach nur chinesisch», sagt der Verkäufer Gaffar und deutet auf eine LED-Taschenlampe. Auf dem «Bush Market» gibt es als teuerste Kategorie gestohlene, originale Ware, und daneben gute Kopien und billige Fälschungen aus China. Das Geschäft laufe ausgezeichnet, so der Teenager, obwohl sich immer weniger Westler auf die Strasse trauen würden. Er ist einer der wenigen Händler, die sich und ihre Auslage fotografieren lassen.

Preise werden auf dem «Bush Market» hart verhandelt. Bezahlt wird schliesslich in der Lokalwährung Afghani oder in Dollar. Im Angebot sind brandneue US-Felduniformen für 50 Dollar, originale T-Shirts mit dem Aufdruck «ARMY», neue und gebrauchte Kampfstiefel, Schutzmasken und Rucksäcke, daneben unzählige Messer, Werkzeuge und taktische Taschenlampen. Für 60 Dollar gibt es auch ein Laserzielgerät, wie es auf schweren Maschinengewehren montiert wird, mit denen die Spezialkräfte der afghanischen Nationalpolizei ANP die Autofahrer aus dem Weg scheuchen, wenn sie im Gegenverkehr durch die Hauptstadt rasen. Wer nach der Herkunft der Ware fragt, erhält die Standardantwort «Bagram». Gemeint ist die «Bagram Air Base», eine gigantische Militärbasis rund 70 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, über welche fast die gesamte Versorgung der US-Truppen läuft. Auch ausserhalb dieser Basis gibt es einen ähnlichen Markt wie den «Bush Market». Mehr über ihre Kanäle wollen die Händler nicht preisgeben.

Der NATO-Truppe ISAF ist der unkontrollierte Handel mit Armeeware seit Jahren ein Dorn im Auge, weil sich so vermutlich auch Taliban eindecken können. Bei einem Augenschein vor zwei Jahren machte ein langjähriger Beobachter der Szene nur halb im Scherz folgende Bemerkung: «Als Westler zahlst du doppelt, als Afghane den normalen Preis und als Talib die Hälfte.» Infrarot-Blinklichter beispielsweise sind ein wichtiges Hilfsmittel zur Identifizierung der eigenen Truppen bei Nacht. Taliban könnten sich damit als Truppen der Koalitionskräfte ausgeben. Im Irak haben sich zudem Aufständische US-Uniformen besorgt und so Anschläge auf Koalitionskräfte verübt. Seither gelten strenge Vorschriften. Alte Uniformteile werden gesondert gesammelt und verbrannt.

US-Truppen stürmten «Bush Market»

Vor einigen Monaten umstellten US-Truppen schliesslich den «Bush Market», räumten verbotene Ware weg, verhafteten auch einige der Händler. Jetzt geben sich die Verkäufer vorsichtiger. Viel weniger Uniformen hängen offen in der Auslage und an diesem Nachmittag ist nur eine einzige Uniformmütze im Tarnmuster «Multicam» zu finden, dem Tarnmuster, das gegenwärtig bei den US-Truppen im Land eingeführt wird. Auch Infrarot-Blinklichter – deren Export aus den USA nach Europa für Privatpersonen untersagt ist – sind nicht mehr in jeder Auslage für 30 Dollar zu haben.

Einen Grossteil der Ware bilden jetzt unproblematische taktische Hosen und Hemden der unter privaten Sicherheitsbeamten verbreiteten, in Kambodscha produzierten Marke 5.11 sowie gefälschte Regen- und Winterjacken mit bekannten Logos. Weiter haben zwar viele der Rucksäcke und Munitionstaschen eine aufgedruckte NATO-Versorgungsnummer. Ihre Verarbeitung verrät allerdings die Herkunft aus Fernost. Dies wiederum erklärt den tiefen Preis und ihre Beliebtheit bei den Kabuler Buben, die diese Taschen oft als Schulrucksack nutzen.

Mann im Anzug

In einem der Durchgänge taucht plötzlich ein hochgewachsener Afroamerikaner im dunklen Anzug mit blauem Hemd auf. Eine Figur im harten Kontrast zu den schmutzigen, staubigen Ständen, offensichtlich jemand, der bemerkt werden will. Er ist zugänglich für die Fragen des Journalisten. Was er auf dem «Bush Market» macht und für welche Stelle er arbeitet, lässt er allerdings im Dunkeln. Seine Sprache und sein Verhalten lassen auf einen Ex-Soldaten schliessen. Dass weniger Militärmaterial zu finden ist, erklärt er nur teilweise damit, dass die NATO härter gegen die Händler vorgeht: «Wenn von fünf Containern überhaupt drei ankommen, dann ist das ein guter Schnitt. Mit dem Abzug für 2014 kommt aber weniger Material ins Land. Die Deals, bei denen Sachen einfach so vom Lastwagen fallen, werden damit weniger.»

Zwar seien die militärisch sensiblen Gegenstände nicht mehr so offen ausgestellt. Es gebe hier aber weiterhin alles zu kaufen. «Hier läuft viel, von dem man nichts mitkriegt. Man muss die Leute kennen, dann kriegt man auch Nachtsichtgeräte oder Waffen.» Während er antwortet, suchen seine Augen ständig die Umgebung ab. «Man kennt mich hier. Sie wissen, dass ich eine Waffe trage. Wenn sie mich töten wollen, nehme ich einige von ihnen mit.» Zum Schluss gibt er den Rat: «Passen sie auf sich auf. Der Markt hat viele enge Gassen und Hinterausgänge. Hier sind schon Leute verschwunden.»

Wer allerdings als Kunde auftritt, dürfte sich nicht vor einem solchen Ende fürchten müssen. An einem der Häuschen beim Eingang des Marktes steht einer der typischen Kunden des «Bush Markets»: Wüstenkampfstiefel, Jeans, T-Shirt, afghanisches Halstuch, Stoppelbart und Zigarette. Er sei ein Sicherheitsbeamter aus Ungarn, der seit acht Monaten in Kabul für eine europäische Botschaft arbeitet. Sein Kollege sucht im Innern des dunklen Kabäuschens ein neues Messer, gerne eines der US-Firma Gerber. Mit dem zweischneidigen Kampfmesser desselben Herstellers, das er bereits auf sich trägt, habe er gute Erfahrungen gemacht. Er zieht es hervor, um die Klingenlänge zu zeigen, erklärt im gebrochenen Englisch, dass er ein längeres sucht. Der Verkäufer eilt durch einen Seiteneingang hinaus, kommt nach drei Minuten mit einer grossen Kiste voller Messer und Multifunktionswerkzeuge zurück. Ein riesiges Messer gefällt dem Ungarn. Die verlangten 70 US-Dollar sind ihm aber zu viel.

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