Aktualisiert 30.07.2018 05:13

Zweistöckige Autobahnen

«Auf dem oberen Stock könnten Autos 150 fahren»

Der Bund prüft eine doppelstöckige Autobahn. Während Auto Schweiz jubelt, fordern die Grünen Bundesrätin Doris Leuthard auf, «die absurden Pläne» zu stoppen.

von
D. Waldmeier
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In Shanghai wird die Autobahn bereits in die Höhe gebaut.

In Shanghai wird die Autobahn bereits in die Höhe gebaut.

Dkart
Für Andreas Burger, Direktor von Auto-Schweiz, haben zweistöckige Autobahnen auch hierzulande Zukunft.

Für Andreas Burger, Direktor von Auto-Schweiz, haben zweistöckige Autobahnen auch hierzulande Zukunft.

Keystone/Urs Flueeler
Sein Verband hat bereits Skizzen anfertigen lassen. Auf der oberen Spur könnten Personenwagen mit Tempo 150 fahren.

Sein Verband hat bereits Skizzen anfertigen lassen. Auf der oberen Spur könnten Personenwagen mit Tempo 150 fahren.

Fast 26'000 Staustunden gibts inzwischen auf unseren Autobahnen – Tendenz steigend. Jürg Röthlisberger, Chef des Bundesamtes für Strassen, will den Trend brechen und erwägt unter anderem, einen Teil der A1 im Limmattal doppelstöckig zu führen. Bereits genehmigt hat der Bundesrat ein Projekt, das die A4 in Schaffhausen aufstocken will.

Die Reaktionen auf die Ankündigung fallen gespalten aus. Für Grünen-Präsidentin Regula Rytz sind doppelstöckige Autobahnen, wie es sie etwa in Asien oder den USA gibt, eine Schnapsidee: «Ich erwarte von Verkehrsministerin Doris Leuthard, dass sie die absurden Pläne ihres Chefbeamten stoppt: Er hat Benzin im Blut statt Zukunft im Kopf.»

«Mehrstöckige Autobahnen verschieben den Stau nur»

Für Rytz wären mehrstöckige Autobahnen eine gigantische Fehlinvestition, die im Widerspruch zum Klimaabkommen von Paris stünden: «In diesem Hitzesommer haben es doch alle gesehen: Wir brauchen keinen Kapazitätsausbau bei den Autobahnen, sondern endlich eine klimafreundliche und energiesparende Verkehrswende. Die Autobahnen müssen entlastet und nicht verdoppelt werden.»

Das gehe nur mit mehr ÖV, einer besseren Raumplanung, Mobility Pricing, mehr Homeoffice und flexibleren Arbeitszeiten. «Nur wenn wir hier endlich vorwärts machen, können wir die Staus reduzieren. Doppelstöckige Autobahnen verschieben den Stau in die Städte und Agglomerationen.»

Hinzu komme, dass das ungebremste Verkehrswachstum an die Grenzen der Finanzierbarkeit und der Akzeptanz stosse. Alle Autobahnausbauprojekte würden von der lokalen Bevölkerung heftig bekämpft.

«Eine echte Antwort auf das Stauproblem»

Ganz anderer Meinung als Rytz ist Andreas Burgener, Direktor des Importeur-Verbandes Auto-Schweiz. Sein Verband fordert schon seit längerer Zeit, dass die Schweiz mehrstöckige Autobahnen baut. Burgener hatte vor Jahren in Bangkok auf dem Weg zum Flughafen dreistöckige Highways gesehen und war begeistert: «Sie sind eine echte Antwort auf das Stauproblem.» Burgener schwebt auf der oberen Spur eine übergeordnete Express-Autobahn mit weniger Auf- und Ausfahrten vor. «Hier könnten Personenwagen mit Tempo 150 fahren, die Lastwagen würden den unteren Stock nutzen.» Sein Verband hat bereits entsprechende Projektskizzen anfertigen lassen.

Die Bevölkerung wachse, zudem wolle man ein Wirtschaftswachstum: «Das generiert Mehrverkehr. Wollen wir den Verkehrkollaps verhindern, brauchen wir neue Ansätze.» Bei der Bahn in der Region Zürich baue man inzwischen dreistöckig – nur bei der Strasse heisse es gleich, es handle sich um eine Träumerei. Gerade in der Schweiz, wo der Raum knapp sei, mache es Sinn, in die Höhe zu bauen. «Dass das nun auch der Bund erkannt hat, freut mich sehr.»

Anders als die Grünen sieht Burgener im Mobility Pricing kein Zaubermittel im Kampf gegen den Stau: «Viele müssen dann arbeiten, wenn die Büez da ist. Mobility Pricing könne allenfalls ein Instrument sein, um Ausbauten zu finanzieren, aber nicht um den Verkehr zu lenken.»

«Verdichtetes Bauen ist ein grosses Thema»

Herr Stadler*, der Bund prüft, ob die A1 einen zweiten Stock bekommt. Eine gute Idee?

Solche Projekte machen überall dort Sinn, wo es eng wird. Verdichtetes Bauen ist auch im Strassenbau ein grosses Thema. Auch anderswo sind doppelstöckige Abschnitte geplant, etwa bei der Engpassbeseitigung auf der A4 bei Schaffhausen.

Die Grünen kritisieren, dass der Stau durch einen solchen Ausbau nur verschoben werde.

Der Verkehr nimmt zu. Wir kommen nicht darum herum, die Kapazität des Strassennetzes zu steigern. Natürlich ist es möglich, dass sich der Verkehr dann an einer anderen Stelle staut – aber immerhin ist ein Nadelöhr beseitigt.

Ist es teurer, in die Höhe zu bauen als in die Breite?

Ja, die Bau- und Unterhaltskosten sind höher. Es braucht etwa anspruchsvolle Brückenkonstruktionen, die teurer sind. Zudem ist der Lärmschutz ein grösseres Thema.

* René Stadler ist Bauingenieur Verkehrsinfrastruktur beim Planungsbüro Rapp

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