Tontaubenschiessen: Auf der Jagd nach dem gelben Staub
Aktualisiert

TontaubenschiessenAuf der Jagd nach dem gelben Staub

Farbige Scheiben schiessen von links und rechts durch die Luft, dann knallt es. Tontaubenschiessen zählt zu den exotischen Olympia-Disziplinen und ist ein Besuch wert.

von
Herbie Egli
London

Im normalen Sport-Alltag kämpfen sie praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, bei Olympia finden diese Sportler aber grosse Beachtung. Die Rede ist von den Tontaubenschützen. Ich liess es mir nicht entgehen, dem Schweizer Fabio Ramella und seinen Kollegen über die Schulter zu schauen.

Morgens um 8 Uhr mache ich mich vom Hotel auf den Weg Richtung Russell Square. Dem zentralen Platz, der während Olympia für Medienschaffende nicht unwichtig ist. Hier bringen einem Busse zu den verschiedenen Wettkampfstätten. Dass beim Russel Square 2005 die schweren Terroranschläge verübt wurden, ist im Gedächtnis nur noch weit hinten präsent.

Ich besteige jenen Bus, der mich zum Greenwich Park bringt. Dort finden auf dem Areal der Royal Artillery Barracks, einem früheren Militärgelände, die Schiesswettbewerbe statt. Mit mir steigen nur sechs weitere Personen ein. Interessiert diese Sportart wirklich?

Schiessen aus acht Positionen

Vor Ort treffe ich jedoch auf ein anderes Bild. Das lokale Pressezentrum ist gut gefüllt, die Tribünen bei der Anlage der Skeet-Schützen sind ebenfalls mit dutzenden Personen besetzt. Ich setze mich auf die Pressetribüne und schaue auf die grossräumige Anlage, die in einer Art Halbkreis aufgebaut ist. Hinten ist ein riesiges Kunstoffgitter installiert, das die Blei-Schrote auffängt.

Jeder Schütze muss pro Qualifikationsdurchgang von acht verschiedenen Positionen, sogenannten Ständen, antreten. Von den Ständen eins, drei, vier und fünf wird eine Wurfscheibe von jeder Wurfmaschine beschossen. Von den Ständen zwei, sechs und sieben wird eine Dublette beschossen und zusätzlich von Stand sieben eine abfliegende, einzelne Wurfscheibe. Bei den Dubletten werden beide Maschinen gleichzeitig ausgelöst. So können maximal 15 Treffer erzielt werden, die mit je 5 Punkten bewertet werden.

Der Schütze ruft die Wurfscheibe ab, spätestens nach drei Sekunden wird sie abgefeuert. Trifft er sie, gibt es einen Punkt, schiesst er daneben, zählt es als Nuller. Für mich wäre diese Sportart nichts. Ich hatte schon beim «Obligatorischen» im Militär grösste Mühe, die Scheiben zu treffen.

Ramella unter seinem Wert geschlagen

Mittendrin im Geschehen auf der Anlage steht am Dienstagmorgen der Schweizer Fabio Ramella. Für den 32-jährigen Schaffhauser geht es bei seiner ersten Olympia-Teilnahme jedoch nur noch um Ehren. In den ersten drei Qualifikationsdurchgängen am Montag traf er nicht nach Wunsch. Durchgang vier und fünf am Dienstag verlaufen ebenfalls harzig.

Dennoch ist der gelernte Zimmermann, der heute unter anderem als Schulhausabwart amtet, mit seinem Olympia-Abenteuer zufrieden. «Die Vorbereitung verlief optimal. Jetzt klappt es halt nicht ganz nach Wunsch. Olympia ist eine neue Erfahrung für mich, das muss man zuerst einmal erleben.» Für Ramella ist auch neu, dass er von Zuschauern Applaus bekommt, was er sehr geniesst. Dies sei bei Grand-Prix-Veranstaltungen nicht der Fall, da seien sie praktisch allein.

Der Schaffhauser beendet den Wettkampf mit 109 Punkten auf Rang 33 von 36 Teilnehmern und verpasst den Finaleinzug, zu dem nur die besten sechs Schützen zugelassen sind. Olympiasieger wird der Amerikaner Vincent Hancock, der 148 Punkte schiesst und seinen Titel von Peking verteidigt. Ramellas persönliche Bestmarke während einer Qualifikation liegt bei 123 Punkten, was Hancock am Dienstag auch schafft und damit einen neuen Olympiarekord aufstellt.

Fernziel Rio de Janeiro

Dass es Ramella besser kann, zeigte er im Juni. Damals erreichte er beim Grand Prix im dänischen Jetsmark ebenfalls 148 von 150 Punkten und gewann den Event. An der WM in Belgrad im letzten Jahr wurde er sehr guter Fünfter.

Der Schaffhauser wird trotz Ausscheidens noch einige Tage in London bleiben und andere Sportarten besuchen. «Um Schweizer anzufeuern», wie er sagt. Danach legt der Schaffhauser eine mehrmonatige Wettkampfpause ein. Ausserdem hofft der 32-Jährige, dass durch seine Olympia-Teilnahme dieser Sportart in der Heimat mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird und er allenfalls persönliche Sponsoren an Land ziehen kann. Stimmt das Finanzielle, will Ramella auf diesem Niveau weiter schiessen und hat als Fernziel die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro 2016 im Visier.

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