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Mysteriöse MörderinAuf der Jagd nach dem Phantom

Seit 16 Jahren ist ihr die Polizei auf den Fersen: Doch ausser der DNA wissen die Ermittler nichts von der Frau, die an der kaltblütigen Ermordung von sechs Menschen beteiligt war. 20 Minuten Online sprach mit einem Insider über ein Phantom, das den Ermittlern in mehreren europäischen Ländern Rätsel aufgibt.

von
Runa Reinecke

April 2007: Die 22-jährige Polizistin Michelle Kiesewetter wird in Heilbronn in ihrem Streifenwagen mit einem Kopfschuss ermordet, ihr Kollege schwer verletzt. Der Beginn einer grausamen Mordserie: Bis heute fielen dem Täter sechs Menschen zum Opfer. Doch obwohl die genetischen Spuren des Verbrechers an mehr als 30 Tatorten in Deutschland, Österreich und Frankreich gefunden wurden, jagt die Polizei ein Phantom. Und immer wieder führt die Spur zu einer DNA-Information, die ein Beteiligter an den Tatorten hinterlassen hat: Es sind die genetischen Fingerabdrücke einer Frau.

Speziell in den Bundesländern Baden-Württemberg und Saarland hatte die mysteriöse Frau in den vergangenen Jahren immer wieder zugeschlagen. 20 Minuten Online sprach mit Dieter Appel, Sprecher des Landeskriminalamtes Saarland über die Jagd nach der vermutlich gefährlichsten Frau Deutschlands.

20 Minuten Online:

Herr Appel, was macht den Fall so aussergewöhnlich?

Dieter Appel: Seit 1993 tauchen diese DNA-Spuren an den unterschiedlichsten Tatorten immer wieder auf, sowohl in Deutschland (Rheinland Pfalz, Saarland, Baden Württemberg) aber auch in Österreich und Frankreich. Das Einzigartige an diesem Fall ist zweifellos, dass die DNA zum ersten Mal vor fast 16 Jahren mit einer Straftat in Verbindung gebracht werden konnte. Laboruntersuchungen liessen keinen Zweifel daran, dass es sich beim immer wieder auftauchenden DNA-Material um das einer Frau handelt.

Gibt es keine Täterbeschreibungen, die das Phantom genau identifizieren könnten?

Nein, bisher nicht. Das kann daran liegen, dass die Person wissentlich noch nie gesehen wurde. Dabei ist es durchaus denkbar, dass die Gesuchte irgendwann irgendwo einmal aufgefallen sein könnte, denn die betreffenden DNA-Spuren wurden an zahlreichen Tatorten gefunden. Ob diese Person allerdings als Täter in Frage kommt oder ob sie nur «dabei» war, ist völlig unklar.

Immer wieder wird die DNA-Spur der Frau gefunden, doch gesehen wurden immer nur Männer. Wie erklären Sie sich das?

Das wirft in der Tat viele Fragen auf. Wir stützen uns diesbezüglich auf die Spuren, die das Landeskriminalamt gesichert hat. Alles weitere befindet sich noch im Bereich der Spekulation. So ist es durchaus denkbar, dass es sich um eine sehr maskulin wirkende Frau handelt.

Im beschaulichen saarländischen Dörfchen Saarhölzbach wurde eine Frau in einer Fischerhütte angegriffen. Obwohl sie überlebte, konnte sie den Täter nicht näher beschreiben. Wieso nicht?

Die Hütte befindet sich ausserhalb des Dorfkerns von Saarhölzbach. Dieser Ort wird nur ein Mal wöchentlich bewirtschaftet und ausgerechnet an diesem Tag schlugen die Täter zu: Die Pächterin war gerade damit beschäftigt, einen Holzofen zu reinigen, als sie Schritte auf dem Kiesweg und mehrere Stimmen hörte. Diese konnte sie weder einem Dialekt, noch einer Sprache zuordnen. Die Frau schenkte diesem Umstand kaum Beachtung, da sie bereits Angehörige des Anglervereins erwartete. Erst als sie sich umdrehen wollte, spürte sie einen Schlag auf dem Kopf, der sie zurücktaumeln liess. Bevor sie das Bewusstsein verlor, spürte sie Stiche, die ihr von den Täter durch einen Zelt-Hering zugefügt wurden. Die Angreifer stahlen Bargeld und flüchteten. Der Umstand, dass sie die Täter nicht gesehen hatte und sie somit das Aussehen der Angreifer nicht schildern konnte, rettete ihr vielleicht sogar das Leben.

Werden diese Taten akribisch genau geplant oder warum war es bislang nicht möglich, das «Phantom» zu fassen?

Wir konnten im Dezember 2008 zwei Franzosen festnehmen und vernehmen, die sogenannte Homejacking-Taten verübten. Sie brachen in Häuser ein, entwendeten die Autoschlüssel und stahlen die vor den Häusern geparkten Wagen sowie andere Wertgegenstände. Auch im Zusammenhang mit diesen Delikten wurde die ominöse Frauen-DNA drei Mal aufgefunden.

Nachdem diese beiden Personen festgenommen werden konnten, sind wir der Meinung: Wir sind so nah dran wie noch nie. Die Frage ist, bringen wir die Geduld mit, um weiterhin ohne Druck ermitteln zu können, um sie so - über kurz oder lang - fassen zu können? Wir wissen ja gar nicht genau, nach wem oder was wir suchen sollen. Im Moment haben wir noch zu wenig Hintergrundinformationen, um genau sagen zu können, ob die Taten geplant wurden. Auch hier bewegt sich noch vieles im Bereich der Spekulation…

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