Wohin, Schweiz? Teil 2: Auf der Sünneli-Seite der Schweiz
Aktualisiert

Wohin, Schweiz? Teil 2Auf der Sünneli-Seite der Schweiz

Agglo – das ist da, wo die anderen wohnen. Blödsinn! Die Vororte regieren die Schweiz. Doch wie ticken sie? Auf ein «Tschumpeli» am Stammtisch in Birmensdorf ZH.

von
A. Fumagalli / A. Mustedanagic

Als Sergio den Saal der «Sonne» betritt, herrscht für einen kurzen Moment Stille. Willy legt als erster wieder los: «Den müssen Sie unbedingt kennenlernen, das ist der beste Eidgenosse in der Schweiz.» Ein Zugewanderter, ja. Aber genau so müssten sie eben alle sein.

Sergio Montico lächelt verlegen. Er weiss, dass er im Dorf eine lebende Legende ist. Fussballtrainer, Turnvereinsvorsteher, Kirchenrat – es gibt kaum ein Amt, das der gebürtige Italiener nicht schon inne gehabt hätte. «Ach ja, Friedhofschef war er auch mal», sagt Sepp.

Die Serviertochter stellt Ringo unaufgefordert eine weitere Stange hin, Sepp kriegt ein Glas Rotwein, «äs Tschumpeli». Jeanette kennt die Gewohnheiten ihrer Stammgäste, viele sind es nicht an diesem kühlen Mittwochabend kurz vor den eidgenössischen Wahlen. Was sie hier in Birmensdorf, bei guter Verkehrslage 15 Autominuten vom Zentrum Zürichs entfernt, besonders beschäftige, ja das sei eine schwierige Frage.

SVP hat über 40 Prozent Wähleranteil

«Ich sag's ehrlich: Eigentlich haben wir hier keine grossen Probleme», sagt Willy. Kürzlich habe es Knatsch um die Asylunterkunft neben der Kaserne gegeben, aber das sei ein Angriff der «Linken und der Zeitungen» gewesen. Schnell wird klar: Das SVP-Sünneli scheint hier, auf der «Sonnenseite des Uetlibergs», in voller Stärke. Der Wähleranteil beträgt über 40 Prozent. Die Tatsache, dass von vier Anwesenden am Stammtisch zwei eine aktive Rolle in der lokalen SVP-Sektion spielen und die beiden anderen – der eingebürgerte Sergio eingeschlossen – sich als Sympathisanten ausgeben, scheint plötzlich nicht mehr zufällig.

Ringo redet sich ins Feuer, sein ausufernder Kinnbart wippt mächtig mit. Für einige Minuten wird der karge Täfersaal der Dorfbeiz zur Agora. Man kriegt pfannenfertige Parteipositionen zu hören, die ungelösten Ausländerprobleme, die hohe Steuerbelastung, die Dreistigkeit von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf. Das dominierende Thema ist aber der «Sonderfall Schweiz»: Die Neutralität müsse unbedingt bewahrt und die Volksrechte dürften niemals von fremdem Mächten beschnitten werden. Willy und Sepp nicken. Die Wahlzettel sind längst abgeschickt.

«Wir sind von Freunden umzingelt»

Wer aber selige Polit-Eintracht erwartet, ist am «Sonne»-Stammtisch am falschen Ort. «Wir brauchen doch keine neuen Kampfjets», ereifert sich Sepp. Und wenn schon, müsse das Volk darüber bestimmen. Natürlich sei man derzeit «von Freunden umzingelt», entgegnet Willy, «aber das kann sich schnell ändern. Die Geschichte liefert dafür genügend Beispiele.» Ähnlich klar ist seine Position zum vom Bundesrat und Parlament beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie. «Das macht weder technisch noch finanziell Sinn», sagt er. Sepp sieht es pragmatischer: «Wenn es das Volk so will, soll es so sein.»

Trotz ihrer Verbundenheit mit der wählerstärksten Partei der Schweiz wehren sich die vier gestandenen Männer gegen ideologische Scheuklappen. «Wir verfolgen eine gemässigte Linie», sagt Gemeinderat Ringo, der es in der Lokalpolitik so weit gebracht hat, dass auf dem Wahlzettel auch sein Künstlername gültig gewertet wird. Nein, mit den Hardlinern können sie sich hier nicht anfreunden. Und nein, Namen wolle man keine nennen. Nur soviel: «Sie schaden der Partei mehr, als sie nützen.»

Für den Dichtungsring ins Auto steigen

Ein iPhone klingelt. Die Nähe zur Stadt sei einer der grossen Trümpfe von Birmensdorf, sagt Sergio. Knapp 6000 Seelen bevölkern das Dorf, es hat einen Hundesalon, ein Foto-Fachgeschäft und eine UBS-Filiale. «Aber wenn ich einen Dichtungsring für mein defektes Lavabo kaufen will, muss ich in den Grossmarkt nach Spreitenbach fahren», sagt Ringo. Es sei nun ohnehin Zeit, nach Hause zu gehen. «Jeanette, die Rechnung bitte.» Willy, Sepp und Sergio bleiben noch für einen letzten Kaffee mit Schuss. An ihrer Heimatliebe kann es nicht liegen, dass die Schweizerfahne vor dem Eingang der «Sonne» schlaff herunterhängt.

20 Minuten Online am Stammtisch

Wer der Schweizer Bevölkerung auf den Zahn fühlen will, kann am Stammtisch nicht falsch sein. Kurz vor den Eidgenössischen Wahlen hat 20 Minuten Online an drei Abenden mit der Bevölkerung mitgetrunken - auf dem Land, in der Agglomeration und in der Stadt.

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