Linienrichter in Melbourne: Auf ihn müssen auch grosse Tennisstars hören

Aktualisiert

Linienrichter in MelbourneAuf ihn müssen auch grosse Tennisstars hören

Der Zürcher Björn Wettstein ist Linienrichter an den Australian Open. Er erklärt, warum ihn das Hawk-Eye mehr reizt als belastet.

von
Kai Müller
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Der Höhepunkt: Björn Wettstein erlebt den epischen, fast sechsstündigen Melbourne-Final 2012 zwischen Novak Djokovic (r.) und Rafael Nadal hautnah mit. Der Linienrichter ist für die mittlere Aufschlaglinie zuständig.

Der Höhepunkt: Björn Wettstein erlebt den epischen, fast sechsstündigen Melbourne-Final 2012 zwischen Novak Djokovic (r.) und Rafael Nadal hautnah mit. Der Linienrichter ist für die mittlere Aufschlaglinie zuständig.

Keystone/AP/Mark Baker
Neben sechs Australian-Open-Finals stand der Zürcher auch dreimal in Wimbledon-Endspielen im Einsatz.

Neben sechs Australian-Open-Finals stand der Zürcher auch dreimal in Wimbledon-Endspielen im Einsatz.

Keystone/AP/Toby Melville
Wettsteins Karriere als Linienrichter begann 1987 an den European Indoors in der Zürcher Saalsporthalle, wo Martina Hingis sieben Jahre später mit 14 auf der WTA-Tour debütierte.

Wettsteins Karriere als Linienrichter begann 1987 an den European Indoors in der Zürcher Saalsporthalle, wo Martina Hingis sieben Jahre später mit 14 auf der WTA-Tour debütierte.

Keystone/Walter Bieri

Björn Wettstein, wie gefährlich lebt man als Linienrichter?

Überhaupt nicht – wenn man schnell auf den Beinen ist (lacht).

Aufschläge, die mit über 200 km/h auf einen zurasen, sind das eine. Spieler, die sich nicht im Griff haben, das andere. Serena Williams sagte 2009 nach ihrem Ausraster an den US Open: «Irgendwie schimpft und schreit doch jeder die Linienrichter an.» Haben Sie schon Ähnliches erlebt?

Persönlich nicht, aber ich habe miterlebt, wie ein Kollege angefahren wurde. Das Ganze hat sich aber ziemlich beruhigt, die Spieler werden immer professioneller. Und mit dem Hawk-Eye haben sie die Chance, selber zu entscheiden, ob sie einen Ball noch einmal anschauen wollen.

Ist das Hawk-Eye eher Fluch oder Segen?

Weder noch. Es gehört mittlerweile einfach dazu. Ich finde es interessant. Es hat einen gewissen Reiz, vor allem, wenn man Recht hat (lacht). Der Druck ist zwar grösser geworden, weil ein Entscheid angefochten werden kann, aber zum Glück entscheiden wir ja meistens richtig.

Haben Sie keine Schweissausbrüche, wenn ein Ball, den Sie out gegeben haben, vor 15'000 Leuten in der Rod Laver Arena und Millionen TV-Zuschauern auf dem grossen Bildschirm gezeigt wird?

Nein, ich denke in diesem Moment nicht an die Millionen Zuschauer, sondern will einfach keine Fehler machen. Manchmal ist halt auch Pech im Spiel, wenn ein Ball die Linie noch um einen Millimeter berührt hat. Dann ist einem aber niemand böse, wenn man falsch liegt. Die Spieler reagieren sowieso kaum mehr auf Fehlentscheide.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn die Zeitlupe über den Bildschirm flimmert?

Ich fiebere natürlich mit. Es ist häufiger der Fall, dass ich weiss, dass ich richtig liege, als umgekehrt. Dann freue ich mich auf die Challenge. Es kann aber auch vorkommen, dass man das Gefühl hat, auf dem Screen einen anderen Ball zu sehen.

Wie gehen Sie mit Fehlentscheiden um?

Theoretisch funktioniert das so: vergessen, abhaken, nächster Ball. Ich denke aber trotzdem immer wieder daran und frage mich, wieso ich einen Fehler gemacht habe. Ich weiss es auch zehn Jahre später noch. Am wichtigsten ist es, die Konzentration hochzuhalten. Schiedsrichtern ist grundsätzlich nicht schwierig. Gute Augen muss man zwar haben, sonst ist es aber vor allem eine Konzentrationssache.

Haben Sie sich schon einmal richtig blamiert?

Peinlich ist es bisher nie geworden. Ich hatte aber vor einiger Zeit, als ich für die Servicelinie in der Rod Laver Arena zuständig war, eine schlechte Stunde. Es war eine Abendsession, und das Licht störte mich, sodass ich den Ball nicht richtig sah. Ich musste mich zweimal innert Kürze korrigieren, einmal blieb ich komplett stumm. Darauf liess ich mich an die Grundlinie versetzen.

Werden die Linienrichter während eines Turniers wie an einer Fussball-WM bewertet und die Besten dann für die wichtigsten Spiele selektioniert?

Sozusagen, ja. In der Regel erhält man jeweils am Vorabend die Information, wann man auf der Anlage sein muss. Am Spieltag selber erfährt man dann, auf welchen Courts man für welche Linien zuständig ist. Am Donnerstag vor dem Finalwochenende gibt es dann den letzten Cut.

Und, haben Sie ihn überstanden?

Ja, ich bin noch dabei. Allerdings stehe ich am Samstag nicht im Frauen-Final an einer Linie, sondern werde jenen der Juniorinnen als Stuhlschiedsrichter leiten. In der ersten Woche war ich unter anderem Linienrichter bei Djokovic gegen Verdasco, in der zweiten habe ich noch keine Linie aus der Nähe gesehen, da ich Junioren-Spiele leitete.

Standen Sie schon an einem Major-Final im Einsatz?

Mehrmals, ja. Wenn ich es richtig im Kopf habe, sechsmal in Melbourne und dreimal in Wimbledon. Den spannendsten Final erlebte ich hier in Australien vor drei Jahren, als Djokovic und Nadal fast sechs Stunden und bis 1.30 Uhr nachts spielten – und ich war zuständig für die mittlere Aufschlaglinie, musste also nur alle zwei Games arbeiten (lacht).

Gerade an den Australian Open klettern die Temperaturen gerne über 40 Grad. Wünschen Sie sich in solchen Momenten weit weg vom Court?

Eigentlich nicht. Wichtig ist, dass man die Pausen in klimatisierten Räumen verbringt. In diesem Jahr ist es aber nicht so heiss, da gehe ich eher auf den Platz, um mich aufzuwärmen.

Wie oft werden die Linienrichter während eines Matchs ausgetauscht?

Idealerweise, also wenn genügend Leute vorhanden sind, ist man eine Stunde im Einsatz und hat dann wieder eine Stunde Pause.

Muss man sich für Turniere bewerben?

Genau. Man bewirbt sich online auf der Website des Internationalen Tennisverbandes. Als Linienrichter tue ich das jeweils für die Grand-Slam-Turniere. Wenn man einmal drin ist und seine Sache ordentlich macht, hat man gute Chancen, auch im nächsten Jahr dabei zu sein.

Wie kamen Sie auf die Idee, Linienrichter zu werden?

Ich spiele selber hobbymässig Tennis. 1987 fragte mich ein Kollege, ob es ich an den European Indoors in Zürich einmal versuchen wolle. Ich entschied mich vor allem aus einem Grund dafür: So hatte ich den besten Platz, um Spielerinnen wie Steffi Graf oder Martina Navratilova zuzuschauen. Später machte ich dann auch die Ausbildung zum Schiedsrichter.

Können Sie davon leben?

Nein. Tennis ist für mich ein Hobby. Als Linienrichter arbeite ich nur an den Australian Open und in Wimbledon. Dazu bin ich zwei bis drei Wochen Stuhlschiedsrichter an Future-Turnieren und Chief of Officials, also zuständig für alle Linienrichter, am ATP- und WTA-Turnier in Sydney. Das ergibt etwa zehn Wochen im Jahr. Daneben arbeite ich 80 Prozent als Consultant für eine IT-Firma.

Sie reisen also nicht mit den Spielern um die Welt. Haben Sie trotzdem Kontakt zu ihnen?

Grundsätzlich kenne ich sie, vor allem die Schweizer. Bei ihnen war ich schon Schiedsrichter, als sie noch Junioren waren. Wenn man sich in den Katakomben sieht, grüsst man sich und wechselt vielleicht ein paar Worte. Ich suche den Kontakt zu ihnen aber nicht. Ich finde, das gehört sich nicht als Schieds- oder Linienrichter.

Björn Wettstein

Vor bald 28 Jahren sammelte der Zürcher an den European Indoors in der Saalsporthalle (später Zurich Open), die einst wichtiger Bestandteil der WTA-Tour waren, erste Erfahrungen als Linienrichter. Mittlerweile hat er die höchste Stufe erreicht und sich auch zum Schiedsrichter ausbilden lassen. Der 48-Jährige lebt seit 2009 in Australien, der Heimat seiner Frau. (kai)

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