Aktualisiert 27.02.2020 09:38

«Sick Style»

«Auf Insta zeige ich, dass ich psychisch krank bin»

Narben, Probleme, Depressionen: Auf Insta wird nicht nur eine heile Welt gezeigt. Immer mehr User sprechen über ihre psychischen Krankheiten.

von
Jacqueline Straub

«Wenn es mir ganz schlecht geht, denke ich nur noch ans Sterben», sagt Flavia im Video. Sie ist nicht die Einzige. Längst nicht mehr alle Posts auf dem sozialen Netzwerk zelebrieren eine heile Welt. Neben den perfekt inszenierten Bildern zeigen Personen vermehrt, wenn es ihnen richtig mies geht. So wurden unter dem Hashtag «Suizid» über 270'000 Bilder gepostet, der Hashtag «Depression» wurde 20 Millionen Mal verwendet, und über 15 Millionen Beiträge tragen den Hashtag «Mentalhealth».

Die Menschen lassen dabei tief in ihr Leben blicken. So werden auf Youtube Tipps gegen Panikattacken gegeben und User auf Instagram zeigen, wie es sich mit Depressionen und einer bipolaren Störung lebt – teilweise streamen sie direkt aus der psychiatrischen Klinik.

Die Individualisierung habe dazu beigetragen, dass die Menschen auf Instagram und Youtube offener über ihre Gefühlswelt und ihre psychischen Krankheiten sprechen, so die Trendforscherin Angel Schmocker (26). Dieses Phänomen nennt sie Sick Style. Die Wissenschaftlerin begrüsst die Offenheit: Sie trage zur Enttabuisierung psychischer Leiden bei und biete Betroffenen Austausch und Hilfestellungen.

20 Minuten hat mit Menschen gesprochen, die den Sick Style leben und in den sozialen Medien über ihre psychischen Krankheiten berichten. Ihre Profile sind sehr unterschiedlich – einige düster, andere humorvoll und lebensbejahend.

«Online konnte ich besser über meine Borderline-Störung sprechen als mit meinen Psychiatern»

Die Influencerin Alessia Steffen stellte zwei Videos über ihre Borderline-Störung auf Youtube.

«Mit neun Jahren habe ich das erste Mal gespürt, dass etwas mit mir nicht stimmt», sagt die Aargauerin Alessia Steffen (19). Vor drei Jahren sagte man ihr, dass es sich um eine Borderline-Störung handle, erst mit 18 Jahren aber lag die Diagnose offiziell vor. Sie habe sich in ihrer Kindheit und Jugend oft schlecht gefühlt, wurde auch missbraucht. «Mit neun Jahren fingen die Wutanfälle an – ich habe gegen Bäume und Wände geschlagen. Mit 16 hörten diese auf.» Ihre Borderline-Störung fühle sich an wie ein Kampf gegen sich selbst. Mit zwölf Jahren begann sie, sich selbst zu ritzen. «Durch das Ritzen konnte ich ein Ventil für meine Gefühle finden und gleichzeitig das Erlebte hinter mir lassen.» Lange Zeit gelang es ihr nicht, Hilfe von anderen Personen anzunehmen. «Ich dachte, dass ich es allein schaffen muss.»

Noch heute hat Alessia immer wieder den Drang, sich selbst zu verletzen. «Seit einem Jahr bin ich aber clean.» Ein Mitgrund ist ihre Tochter, die sie vor knapp einem Jahr zur Welt brachte. Sie hätte gern noch weitere Kinder, erlitt aber kürzlich eine Fehlgeburt. «Trotz dieses Schicksalsschlags konnte ich stark bleiben und habe mich nicht wieder selbst verletzt.» Das Zeichnen tut ihr gut, ebenso das Schreiben. «Ich teile meine Gedanken mit meiner Community auf Instagram. Ich muss nicht mehr alles in mich hineinfressen», sagt die Influencerin. Auch wenn ihre 22'000 Follower nicht immer reagieren, weiss sie, dass sie gehört wird. Früher fiel es ihr sogar einfacher, online über ihre Borderline-Störung zu sprechen als mit ihren Psychiatern. «Ich mache das, weil es mir guttut.» Für Youtube hat sie zwei Videos zum Thema Borderline gedreht. Auf Instagram berichtet sie, wie sie sich gerade fühlt. Sie lasse sich bewusst Zeit beim Schreiben der Texte, denn sie möchte den jüngeren Zuschauern klar zu verstehen geben, dass sie sich nicht verletzen sollen.

Ob jemand im Internet über seine psychischen Krankheiten spricht, sei jedem selbst überlassen, so Alessia. «Früher hätte ich das nicht gekonnt.» Vor eineinhalb Jahren noch folgte Alessia vor allem anderen Profilen, die über ihre psychische Krankheiten sprachen. «Nun folge ich nur noch einer Person, die Ritznarben hat – sie redet aber nicht darüber.»

1 / 14
Flavia (21) leidet unter schweren Depressionen und einer Borderline-Störung.

Flavia (21) leidet unter schweren Depressionen und einer Borderline-Störung.

20Min
Auf ihrem Instagram-Profil zeigt sich Flavia in ärmellosen Oberteilen und zeigt ihre Narben.

Auf ihrem Instagram-Profil zeigt sich Flavia in ärmellosen Oberteilen und zeigt ihre Narben.

Ihre Bilder tragen Hashtags wie #Psychischkrank #Starkbleiben, #Narben und #Gesundwerden.

Ihre Bilder tragen Hashtags wie #Psychischkrank #Starkbleiben, #Narben und #Gesundwerden.

«Ich spreche auf Instagram über meine Krankheit, um aufzuklären»

Alex Jeanne leidet an einer Borderline-Störung.

Fast zehn Jahre wurde die Borderline-Erkrankung von Alex Jeanne (32) nicht erkannt und falsch diagnostiziert. Ihr fiel es schwer, mit Emotionen umzugehen, was sich in einer Störung im Essverhalten und depressiven Verstimmungen zeigte. «In schwierigen Phasen habe ich mich geritzt, aber nur an der Innenseite meiner Oberschenkel», sagt Alex.

Vor zwei Jahren stellte sie während einer intensive Therapie erste Videos über ihre Krankheit auf Instagram. Einmal in der Woche geht die heute 32-Jährige live, um eine Stunde über ihre Borderline-Störung zu reden und die Fragen ihrer Follower zu beantworten. «Ich hätte mir als 12-Jährige genau diese Informationen gewünscht», sagt Alex. Darum ist es ihr heute eine Herzensangelegenheit, offen über ihre Borderline-Störung zu sprechen.

Auf ihrem Instagramprofil schreibt sie lebensbejahend, auf fast jedem Bild strahlt sie. Sie kennt aber auch Communitys, die auf Instagram «selbstverletzende Verhaltensweisen» teilen, um Bestätigung für ihr Leid zu erhalten. So werden etwa Tipps ausgetauscht, wie man sich ritzt. «Das ist nicht gut. Das sind aber klar Hilferufe», so Alex. Menschen, die ihr Leid öffentlich machen, werden häufig kritisiert, dies nur zu tun, um Klicks und Mitleid zu gewinnen. Sie glaube nicht, dass durch das öffentliche Ansprechen der Krankheit andere dazu animiert werden könnten, ebenfalls psychische Probleme zu entwickeln.

Alex studierte Medizin und Medienpsychologie und arbeitet heute als Moderatorin in Deutschland. «Ich habe ein Traumleben, weil ich einen konstruktiven Umgang mit meiner Borderline-Störung gefunden habe. Das Leben ist mit einer psychischen Krankheit nicht vorbei, man kann sehr glücklich werden.»

«Sie schrieben mir: ‹Stirb doch endlich!›»

Sebastian erhielt Werbeaufträge für seinen «Sick-Style»-Account – und löschte ihn.

Auch Sebastian (33) Bilder tragen Hashtags wie #Suizid, #Borderline und #Ritzen. «Ich habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich krank bin. Erst als ich es akzeptiert habe, konnte ich es auch auf Social Media öffentlich machen.» Wer sich im Internet als krank oute, erhalte immer auch negative Reaktionen. «Stirb doch endlich!» oder «Stell dich nicht so an», musste er schon lesen. Seinem letzten Account folgten über 200'000 Menschen, da er aber etliche Werbeanfragen erhalten habe, habe er ihn gelöscht. «Ich will doch keinen Profit mit meiner Krankheit machen. Ich möchte nur helfen.»

«Viele Profile sind depri»

Ela berichtete ihren Followern direkt aus der Klinik.

Ela (24) berichtet ihren Followern, wie ihr Leben mit Bulimie und Krampfanfällen ist, welche Medikamente sie nimmt und wie die Klinikaufenthalte waren. Ihre Posts tragen Hashtags wie #Selbstmordgedanken #Selbsthass und #Inrecovery. «Viele Profile sind depri. Die User wollen gesehen werden. Aber sie merken nicht, dass ihre Beiträge Trigger hervorrufen.» Bilder und Texte können Trigger sein, die labile Zuschauer an ihr eigenes Leid erinnern und damit psychische Krankheiten wieder verstärken. Ela möchte zwar über ihre Krankheiten sprechen, ohne dabei aber ihre Follower herunterzuziehen. Gleichzeitig findet sie es gut, dass psychische Krankheiten im Netz nicht totgeschwiegen werden.«Mir hilft es, wenn ich meine Gedanken und Gefühle mit anderen teilen kann.»

Borderline ist eine psychische Erkrankung

Borderline-Betroffene können Emotionen und ihre Stimmung schlecht regulieren und handeln oft impulsiv. Viele fügen sich deswegen Schnittverletzungen oder Brandwunden zu - oder versuchen sich das Leben zu nehmen.

Etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung leiden unter einer Borderline-Störung.

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

Fehler gefunden?Jetzt melden.