Wegen Nazi-Vergangenheit: Auf Jopies Leben lagen schwarze Schatten
Aktualisiert

Wegen Nazi-VergangenheitAuf Jopies Leben lagen schwarze Schatten

«Vereehrt und angespuckt» - so fasst eine niederländische Agentur den Nachruf auf Jopie Heesters zusammen. Seine Landsleute verzeihen dem Schauspieler seine Nazi-Vergangenheit auch nach dem Tod nicht.

von
jam

Die Niederländer haben die Nachricht vom Tod ihres Landsmanns Johannes Heesters mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Einerseits wurde der an Heiligabend im Alter von 108 Jahren in Starnberg gestorbene Schauspieler als grosser Künstler gewürdigt.

Doch zugleich spielte Heesters umstrittenes Verhalten während der Nazi-Zeit in niederländischen Kommentaren eine Rolle. «Heesters: verehrt und angespuckt», überschrieb die niederländische Nachrichtenagentur ANP einen Nachruf.

Das Verhältnis zwischen seinen Landsleuten und ihm war bis zuletzt problembehaftet. Sie nahmen ihm übel, dass er beim gleichgeschalteten deutschen Film unter der Hitler-Diktatur Karriere gemacht hatte. Heesters litt unter den Vorwürfen. «Im Herzen bin ich Holländer», sagte er mit 100 Jahren. Über seine Arbeit in Deutschland während der NS-Zeit sagte er einmal: «Ich wurde als Schauspieler engagiert, aber ich habe nie politische Filme gedreht.»

«Ich schäme mich abgrundtief für den KZ-Besuch»

Stellungnahmen der Regierung oder des Königshauses gab es zunächst nicht. In Medienberichten wurde auf den Besuch des auch bei Nazi-Grössen beliebten Operettenstars im Konzentrationslager Dachau im Jahr 1941 verwiesen. Damals sei er in Dachau vor der SS aufgetreten. Diese Äusserung stammt vom Berliner Autor Volker Kühn in dessen Hörbuch «Hitler und die Künstler - Mit den Wölfen geheult». Dafür wurde Kühn von Heesters vor Gericht gezerrt. Das Landgericht Berlin verhandelte die Klage im November 2008.

Heesters bestritt nicht, das KZ besucht, wohl aber, dabei vor der SS gesungen zu haben. In der Vergangenheit hatte er erklärt, «dass ich mich für diesen von den Nazis vorgeschriebenen Besuch, auch wenn ich keinerlei Chance hatte, mich diesem zu entziehen, abgrundtief schäme». Das Gericht wies die Klage ab. Der Vorsitzende Richter erklärte, es gebe «gewisse Anhaltspunkte für einen Auftritt».

«Nichts anderes als dumm»

Der Künstler habe wohl «keine blasse Ahnung» gehabt, wie problematisch seine Auftritte in Deutschland in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in seiner Heimat gesehen wurden, hiess es beim Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation (NIOD).

«Auch nach seinem Tod kann man das nicht anders als dumm nennen», sagte NIOD-Sprecher David Barnouw. «Es gibt wenige Niederländer, die international gesehen so viel Wertschätzung für ihr Werk erfahren haben», betonte dagegen Pieter Erkelens, früherer Direktor des Theaters «De Flint» in Heesters Heimatstadt Amersfoort.

«Wir müssen als Niederländer stolz sein auf so ein Toptalent», sagte Erkelens. Wenn es um den Zweiten Weltkrieg gehe, seien Niederländer oft «päpstlicher als der Papst». Die Kompromisse, die Heesters damals eingegangen sei, «um weiterhin in Deutschland auftreten zu können, sind sehr begreiflich».

«Netter alter Herr»

Erst im Alter von 104 Jahren war Heesters erstmals seit 44 Jahren wieder in seiner Heimat aufgetreten. Zuvor war er Jahrzehnte von niederländischen Bühnen boykottiert worden. Bei einem Auftritt 1964 in Amsterdam wurde er ausgebuht und von der Bühne gejagt. Pieter Erkelens hatte ihm im Februar 2008 einen Auftritt in dessen Geburtsstadt Amersfoort ermöglicht. Damals verlas Simone Rethel, die Frau des umstrittenen Stars, eine Entschuldigung.

Er sang vor 800 Menschen im De Flint-Theater. Im Theater gab es Standing Ovations für Heesters, davor schimpften Demonstranten ihn einen «singenden Nazi», und das Publikum musste Sicherheitsvorkehrungen über sich ergehen lassen. In Medienberichten wurde jetzt auch darauf verwiesen, dass Heesters im April dieses Jahres von einem Staatsbankett, das der deutsche Bundespräsident Christian Wulff für Königin Beatrix gab, ausgeladen worden war.

Der Direktor des Theater-Instituts der Niederlande (TIN), Henk Scholten, würdigte Heesters als «einen der wichtigsten Operettensänger, den die Niederlande je gekannt haben».

Leider sei jedoch sein Werk «für alle Zeiten überschattet durch seinen Erfolg in Nazi-Deutschland». Ob das gerecht sei, könne er schwer beurteilen, fügte der TIN-Direktor hinzu. Ihm sei Heesters bei einem Besuch vor allem als «netter alter Herr» erschienen.

«Unmoralische Figur»

Dagegen nannte der Kabarettist Theo Nijland den Verstorbenen eine «unmoralische Figur, die zum Teil in einer Märchenwelt lebte». Im Nachruf der Agentur ANP hiess weiter: «Einige Niederländer konnten Heesters wahrlich nicht ausstehen. Er arbeitete auch im Krieg weiter in Deutschland. Er hatte nur seine eigene Karriere im Sinn.»

Zugleich wurde an ein Interview erinnert, das Heesters 1986 der Amsterdamer Zeitung «Het Parool» gab. Darin sagte er: «Es ist ein schreckliches Gefühl, im eigenen Land angespuckt zu werden.»

Ganz anders wurde der Tod des 108-Jährigen in deutschen Medien rezipiert. Stellvertretend dafür steht der Bericht der «Bild»-Zeitung, die in ihrer Online-Ausgabe dem Schauspieler dankt: «Danke, Jopie! Du warst der letzte grosse Star aus der Schwarz-Weiss-Zeit.» Heesters sei der «Jahrhundert-Mann unserer Herzen» gewesen und habe keine Angst vor dem Tod gehabt. Und zum Schluss noch einmal: «Er war der letzte Star aus der Schwarz-Weiss-Zeit. Sein letzter Vorhang ist gefallen. Stehender Applaus. DANKE, JOPIE!»

Jopie Heesters bei seinem Auftritt in Amersfoort im Jahr 2008

(Video: Youtube/mokumtv)

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