22.06.2020 02:58

Barcode-Betrug

«Auf meine Kosten wurden Päckli weitergeschickt»

Eine Solothurner Firma musste den Weiterversand eines Pakets bezahlen, den sie gar nicht veranlasst hatte. Der Barcode liess sich wiederverwenden.

von
Barbara Scherer
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Firmen, die täglich Dutzende Pakete versenden, können bei der Schweizerischen Post spezielle Barcodes anfordern.

Firmen, die täglich Dutzende Pakete versenden, können bei der Schweizerischen Post spezielle Barcodes anfordern.

KEYSTONE
Das vereinfacht das Verschicken der Pakete und monatlich gibts für den Versender eine Abrechnung.

Das vereinfacht das Verschicken der Pakete und monatlich gibts für den Versender eine Abrechnung.

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Das zeigt ein Fall eines Solothurner Unternehmens.

Das zeigt ein Fall eines Solothurner Unternehmens.

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Darum gehts

  • Firmen, die täglich Päckli versenden, tun diese über spezielle Barcodes der Post.
  • Doch bei den Barcodes gibt es eine Sicherheitslücke: Sie lassen sich teils mehrfach verwenden.
  • Die Schweizer Firma Retroverse beklagt sich: «Auf unsere Kosten wurden Pakete weiterverschickt.»
  • Die Post gibt sich zurückhaltend, sagt aber: «Das ist Betrug.»

Firmen, die täglich Dutzende Pakete versenden, können bei der Schweizerischen Post spezielle Barcodes anfordern. Das vereinfacht das Verschicken der Pakete, und monatlich gibts für den Versender eine Abrechnung. Nun zeigt der Fall eines Solothurner Unternehmens, dass sich gewisse Codes mehrfach verwenden lassen.

«Auf unsere Kosten wurden Pakete weiterverschickt», ärgert sich Jan Binzegger, Mitglied der Geschäftsleitung der Firma Retroverse AG. Das Unternehmen handelt mit klassischen Konsolen und Videospielen und versendet mehrere Pakete am Tag.

Missbrauch nur per Zufall entdeckt

Nur per Zufall sei der Missbrauch aufgefallen: «Ich habe ein Päckli von einem Kunden zurückgeschickt bekommen mit dem Barcode, den ich selbst verwendet hatte, um ihm das Paket zu senden», erklärt Binzegger. Ein neuer Barcode-Aufkleber oder eine andere Frankierung war auf der Kartonschachtel nicht vorhanden.

Normalerweise würde ihm das nicht auffallen, sagt Binzegger weiter: «Ich erhalte Ende Monat eine Rechnung. Daraus ist ersichtlich, wie viele Päckli ich verschickt habe.» Einen Missbrauch festzustellen, sei bei so vielen Sendungen unrealistisch.

Binzegger ärgert sich über die Post: «Pakete, die unsere Firma versendet, können weiterverschickt werden und wir zahlen dafür.» Für ihn ist das eine Sicherheitslücke, weshalb er sich mit seinen Bedenken an die Post gewandt hat. «Doch die Post sagte mir nur, man wisse davon. Aber weil das fast nie passiere, müsse das System nicht angepasst werden», erzählt der Unternehmer aus einem Gespräch mit der Post.

Päckli mit anderem Inhalt füllen

Tatsächlich lässt sich ein Firmenpaket an eine neue Adresse versenden. Mit dem Einverständnis von Jan Binzegger hat 20 Minuten zwecks Verifizierung den Fall nachgestellt. Ein Paket von Retroverse wurde an die Redaktion in Zürich geschickt. Dort wurde das Päckli mit einem anderen Inhalt befüllt und nach Aufgabe am Postschalter an eine neue Anschrift weitergeschickt. Belastet wurden die Kosten der Firma Retroverse.

«Das ist Betrug»

Ob und wie oft Pakete von gewissen Firmen weiterverschickt würden, dazu könne die Post keine Stellung nehmen, heisst es auf Anfrage. Doch wer einen Barcode wiederverwende, handle missbräuchlich. «Letztlich handelt es sich um Betrug.» Die Wiederverwendung der Frankierung sei nur zulässig, wenn das der Geschäftskunde selbst angeordnet habe.

«Wir appellieren an das Rechtsbewusstsein und verurteilen jeglichen Missbrauch», heisst es vonseiten der Post. Doch was, wenn eine Firma bemerkt, dass Päckli auf ihre Kosten weiterverschickt werden? Dann rät die Post, rechtliche Schritte einzuleiten. Selbst könne sie solche Fälle nicht aufklären. «Dazu braucht es eine Anzeige und Untersuchungen der Polizei», so die Post.

Päckli-Flut bei der Post

In der Schweiz werden wie wild Päckli verschickt. Das bescherte der Post einen neuen Rekord: Noch nie zuvor stellte sie so viele Pakete zu wie 2019. Verarbeitet wurden laut eigenen Angaben insgesamt 148 Millionen Stück. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Plus von 7,3 Prozent. Damals stellte die Post 138 Millionen Pakete zu. Bei den adressierten Briefen setzt sich hingegen der rückläufige Trend fort.

Die Päckli-Flut stelle die Post vor grosse Herausforderungen, schrieb das Unternehmen im Januar. Man stehe im Wettbewerb mit anderen Logistikdienstleistern. Zudem verlangten die Kunden eine immer schnellere Zustellung. Um die Päckli-Massen zu bewältigen, investiert die Post kräftig. Sie hat insgesamt über 190 Millionen Franken in neue Sortieranlagen und Paketzentren gesteckt.

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57 Kommentare
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Peter

23.06.2020, 06:24

Paket am Postschalter aufgeben und bar bezahlen, dann ist das Problem gelöst.

Spyy83

23.06.2020, 04:40

wenn ich soviele pakete/Postsendungen habe, dass ein missbrauch nicht auffällt, sollte man sich über die logistik gedanken machen.

Kreativität

22.06.2020, 06:52

Bei unerwünschten Werbesndungen habe ich immer den Barcode abgelöst, auf eine mit Backsteinen und Schrott gefüllte Schachtel geklebt und dies dann dem Absender zurück gesendet :-)