Polit-Kampagne auf Pornoseiten – «Auf Pornhub erreichen wir Menschen aus allen Gesellschaftsschichten»
Publiziert

Polit-Kampagne auf Pornoseiten «Auf Pornhub erreichen wir Menschen aus allen Gesellschaftsschichten»

Linke Netzaktivisten bekämpfen das Covid-Gesetz – und schalten dafür Werbung auf Pornoseiten. Ein kluger Schachzug, findet ein Marketing-Experte. Ein Politologe spricht vom «letzten Aufbäumen».

von
Daniel Graf
1 / 9
Seit Donnerstagmorgen ist die Covid-Gesetz-Nein-Werbung auf Pornoseiten wie Pornhub.com online.

Seit Donnerstagmorgen ist die Covid-Gesetz-Nein-Werbung auf Pornoseiten wie Pornhub.com online.

Screenshot Pornhub.com 
Linke Netz-Aktivisten wollen auf Pornhub gegen das Covid-Gesetz kämpfen. 

Linke Netz-Aktivisten wollen auf Pornhub gegen das Covid-Gesetz kämpfen.

Screenshot Pornhub
Die Idee ist nicht ganz neu: Bereits 2019 machte die Piratenpartei auf Pornoseiten Abstimmungskampf. 

Die Idee ist nicht ganz neu: Bereits 2019 machte die Piratenpartei auf Pornoseiten Abstimmungskampf.

Screenshot/Archiv

Darum gehts

  • Der Abstimmungskampf der Gegner des Covid-Gesetzes findet schon bald auch auf Seiten wie Youporn, Pornhub oder X-Hamster statt.

  • Damit wollen die Gegner aus dem linken Lager für relativ wenig Geld viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen erreichen.

  • Das ist laut einem Werbe-Experten durchaus realistisch. Ein Politologe bezweifelt aber, dass es am Abstimmungsausgang noch etwas ändern wird.

Es war eine ungewöhnliche Ankündigung, die der linke Netz-Aktivist Hernâni Marques am Mittwoch gegenüber 20 Minuten machte: «Wir setzen im Abstimmungskampf künftig auf unkonventionelle Methoden wie Polit-Werbung auf Pornoseiten.»

Auf Nachfrage sagt Marques, das sei alles andere als ein Jux: «Wir setzen rund ein Zehntel unseres Budgets, also einen fünfstelligen Betrag, für Werbung auf Pornoseiten wie Youporn, X-Hamster oder Pornhub ein.» Am Donnerstag sind dann bereits Werbungen live – auch mit speziellen Sujets. So ist auf einer Werbung etwa ein Anal-Plug zu sehen, daneben ein Piktogramm des Covid-Zertifikats. «Beides für den Arsch», so der Slogan dazu.

Mit diesen Sujets wirbt das Nein-Komitee seit Donnerstag auf Pornhub & Co. 

Mit diesen Sujets wirbt das Nein-Komitee seit Donnerstag auf Pornhub & Co.

Nein-Komitee

Piratenpartei warb schon mit «Wähl einen Wichser»

«Solche Werbung macht für uns aus mehreren Gründen Sinn», sagt Marques: «Einerseits ist sie deutlich günstiger als etwa Werbung bei Facebook oder Google. Andererseits erreichen wir über Plattformen wie Pornhub Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Und die Werbung kommt überraschend und fällt auf.»

Ganz neu ist Polit-Werbung auf Pornoseiten nicht: Mit Sprüchen wie «Wähl einen Wichser», «Zwei Minuten für vier Jahre Befriedigung», oder «Frei und sicher wichsen dank Privatsphäre» machte die Piratenpartei vor zwei Jahren Wahlkampf. Auch von den Covid-Gegnerinnen und -Gegnern soll noch eingängige und thematisch passende Porno-Werbung kommen, so Marques: «Geplant ist es, Details können wir aber noch keine verraten.»

«Pornhub gehört zu den 20 grössten Webseiten der Welt»

Für den Werbe- und PR-Profi Ferris Bühler ist klar: Genau davon wird der Erfolg der Werbung abhängen: «Einfach ein Covid-Gesetz-Nein-Banner auf Pornhub zu platzieren, wird wohl wenig erfolgversprechend sein. Das Ziel muss es sein, dank kreativer und witziger Werbung auf den entsprechenden Plattformen beim Betrachter Sympathien zu wecken. Wenn die Werbung ein Lächeln hervorruft, ist die Chance viel grösser, dass der Betrachter hängenbleibt oder sogar draufklickt.»

Was laut Bühler ebenfalls kontraproduktiv wäre, ist Preroll-Werbung, die vor den Clips abgespielt wird. «Wer auf einer Pornoseite ist und einen Film anklickt, möchte diesen sehen und keine Werbung gegen das Covid-Gesetz.» Für Werbung auf Pornoseiten gebe es aber viele Argumente: «Pornhub gehört zu den 20 meistbesuchten Websites überhaupt.» Alleine in der Schweiz erreiche Pornhub jeden Tag 8.7 Millionen Seitenaufrufe. «So erreicht man für relativ wenig Geld ein sehr grosses und diverses Publikum. So ist etwa die Frauenquote auf Pornhub mittlerweile bei 40 Prozent.» Dazu komme die lange Verweildauer auf Pornoseiten: «Sie beträgt im Schnitt ungefähr acht Minuten.»

«Entscheidend wird die Mobilisierung sein, nicht Porno-Werbung»

Auch wenn mit Werbung auf Pornoseiten ein grosses Publikum angesprochen werden kann, glaubt Politologe Mark Balsiger nicht, dass die Gegner und Gegnerinnen des Covid-Gesetzes damit noch viel bewirken können: «Wir stimmen bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr über dieses Gesetz ab, die Pandemie ist weiterhin omnipräsent. Das führt dazu, dass die Meinungen längst gefestigt sind, was auch die jüngsten Umfragen bestätigen.» Balsiger schätzt die Porno-Werbung denn auch als letztes Aufbäumen ein. «Damit erlangen die Gegner noch einmal viel Aufmerksamkeit. Doch entscheidend für den Ausgang ist, welches Lager besser mobilisiert.»

Ja-Anteil laut Umfrage bei 69 Prozent

Rückenwind für Gesundheitsminister Alain Berset (SP) und den Bundesrat: Laut der zweiten Welle der Abstimmungsumfrage von 20 Minuten und Tamedia geniesst das Covid-19-Gesetz die Unterstützung von 69 Prozent der Stimmberechtigten. Damit konnte das Ja-Lager im Vergleich zur letzten Umfrage um sechs Prozentpunkte zulegen.

Die Zustimmung hat in fast allen Bevölkerungsschichten in den letzten zwei Wochen zugenommen. Mit Ausnahme der Anhängerinnen und Anhänger der SVP befürwortet die Wählerschaft aller anderen Parteien die Vorlage. Aber auch bei der SVP-Basis ist der Ja-Anteil mit 37 Prozent beachtlich hoch.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

89 Kommentare