Auf zu den Mädels
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Auf zu den Mädels

Der französische Mai 68 ist als eine der grössten Streikbewegung Europas in die Geschichte eingegangen: brennende Barrikaden in Paris, blutige Auseinandersetzungen von Arbeitern und Staatsmacht in der Provinz, Präsident Charles de Gaulle kurz vor dem Sturz.

Der Funke wurde schon am 22. März gezündet - durch die Besetzung eines Verwaltungsgebäudes in der Universität von Nanterre nordwestlich von Paris.

«Wir haben nicht im Traum gedacht, dass wir so dramatische Umwälzungen starten würden», erinnert sich Alain Lenfant. Der heute 63-Jährige gehörte damals mit Daniel Cohn-Bendit zu den ersten, die den achtstöckigen Turm stürmten. Sie wollten die Freilassung von sechs Kommilitonen erzwingen, die bei einer Anti-USA-Demonstration in Paris festgenommen wurden.

Aus den Betten geprügelt

Die spontane Aktion an einem Freitagabend verlief denkbar unspektakulär. «Es gab eine kleine Rangelei mit dem Hausmeister, sonst war niemand im Gebäude», sagt Lenfant. Und weil viele der 142 Turmbesetzer die letzte S-Bahn nach Paris erwischen mussten, war der Aufstand schon kurz nach Mitternacht vorbei. Entscheidend war aber, dass Lenfant und seine Mitstreiter am folgenden Morgen mit einem Manifest die «Bewegung 22. März» ausriefen und zum Modell für die Herausforderung der Autorität wurden.

In Nanterre bauten sich die Spannungen über eineinhalb Jahre auf. Die noch heute unverändert trostlose Campus-Uni mit ihren gelb-beige-braunen Betonschachteln wurde Mitte der 60er Jahre in die Arbeiterstadt gepflanzt. «Hier, hinter dem Studentenwohnheim, lagen damals die Elendsviertel», sagt Lenfant, der noch immer in Nanterre lehrt. «Das hat unser Gefühl verstärkt, dass etwas nicht stimmt mit der Gesellschaft.»

Aber die Motive blieben diffus, ein Charakteristikum der gesamten französischen Studentenbewegung. Protest gegen den Vietnam-Krieg, Kapitalismus-Kritik, ein bisschen Hochschulreform, vor allem aber die Auflehnung gegen eine extrem rigide Gesellschaft, die sich gegen die liberalen Ströme der 60er Jahre als resistent erwies. «Es war damals undenkbar, eine Freundin mit nach Hause zu bringen», sagt Lenfant. Zu den ersten Auseinandersetzungen in Nanterre kam es 1967, als die Studenten das für sie untersagte Frauenwohnheim stürmten und dort nächtigten. «Die Mädels hatten nichts dagegen.» Am Morgen wurden die Eindringlinge von Polizisten aus den Betten geprügelt.

«Unter dem Pflaster der Strand»

Das Epizentrum der Bewegung verlagerte sich von Nanterre an die Sorbonne im Pariser Quartier Latin. Zur Eskalation kam es am 10. Mai, als die Sicherheitskräfte mit einem massiven Aufgebot die Proteste auflösen wollten. In den engen Gassen des Viertels kam es 100 Jahre nach der Pariser Kommune wieder zu einer «Nacht der Barrikaden».

«Unter dem Pflaster der Strand» heisst einer der legendären Slogans der Studenten: Die Pflastersteine wurden auf die Polizisten geworfen. Der Sand darunter erinnerte die Strassenkämpfer an eines ihrer wichtigsten Ziele: das Recht auf Sinnenfreude und sexuelle Freiheit. Als der Deutsch-Franzose Cohn-Bendit, charismatischer Wortführer der Bewegung, wegen seinen Agitationen ausgewiesen werden soll, versammeln sich Zehntausende zu einer Solidaritätskundgebung. «Wir sind alle deutsche Juden» rufen sie. Für Cohn-Bendit ein Schlüsselereignis des Mai 68: «Das war der Ausdruck einer anderen, solidarischen Gesellschaft.»

Die historische Einmaligkeit der französischen 68er-Bewegung war aber die Solidarisierung von Studenten, Künstlern, Arbeitern und Bauern gegen die hierarchische und autoritäre Gesellschaft. Im ganzen Land wurden Fabriken besetzt, das Management oft als Geiseln genommen. Der Generalstreik - einer der grössten in Europa im 20. Jahrhundert - lähmte das Land bis in den Juni.

Die Arbeiter schickten ihre kompromissbereiten Gewerkschafter in die Wüste und radikalisierten sich, um echtes Mitspracherecht und menschlichere Arbeitsbedingungen zu erkämpfen. Mit Erfolg - die Arbeitszeit sank von damals mehr als 45 Stunden pro Woche auf heute 35 und aus den «Kasernen» wurden Betriebe mit verbürgtem Mitspracherecht. Aber zu einem hohen Preis - sieben Menschen kamen bei den Schlachten um die Fabriken ums Leben.

«Wo ist der General»

General de Gaulle unterschätzte den Ernst der Lage im Mai völlig. Während zehn Millionen Menschen streikten und gegen den Präsidenten auf die Strasse gingen, reiste er zum Staatsbesuch nach Rumänien. Am 29. Mai verschwand das Staatsoberhaupt plötzlich. In Baden-Baden wollte er sich bei einem Geheimtreffen mit Generälen der Unterstützung der Streitkräfte vergewissern.

Nach seiner eiligen Rückkehr nahm der General das Heft des Handelns wieder in die Hand. Plötzlich demonstrierten Hunderttausende Franzosen für ihren Präsidenten. Und obwohl linke Ideen so populär waren wie nie zuvor, gewann das konservative Lager die vorgezogenen Neuwahlen. Doch die Tage des Generals waren gezählt: Ein Referendum ein Jahr später über eine Dezentralisierung der Staatsmacht wurde zum Votum gegen de Gaulle. Er dankte ab. Damit begann ein neues Kapitel der französischen Geschichte. (dapd)

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