Umkämpfter Immobilienmarkt - Aufdringliche Makler durchforsten Todesanzeigen für neue Kontakte

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Umkämpfter ImmobilienmarktAufdringliche Makler durchforsten Todesanzeigen für neue Kontakte

Maklerinnen und Makler suchen händeringend nach neuen Objekten, die sie verkaufen können. Nun schrecken sie auch nicht mehr davor zurück, Menschen zu behelligen, die um ihre Hinterbliebenen trauern.

von
Fabian Pöschl
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Eine verwitwete Rentnerin erhielt einen Anruf von einer Maklerin, obwohl ihr Haus nicht zum Verkauf steht.

Eine verwitwete Rentnerin erhielt einen Anruf von einer Maklerin, obwohl ihr Haus nicht zum Verkauf steht.

imago/Steinach
Der Branchenexperte vermutet, dass die Maklerin den Kontakt der Witwe über die Todesanzeige ihres verstorbenen Ehemanns kam.

Der Branchenexperte vermutet, dass die Maklerin den Kontakt der Witwe über die Todesanzeige ihres verstorbenen Ehemanns kam.

Getty Images/iStockphoto
Die Maklerinnen und Makler suchten neue Ansätze, um an die Kunden zu kommen, weil der Immobilienmarkt so ausgetrocknet sei.

Die Maklerinnen und Makler suchten neue Ansätze, um an die Kunden zu kommen, weil der Immobilienmarkt so ausgetrocknet sei.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Der Immobilienmarkt ist ausgetrocknet.

  • Auf der Suche nach neuen Objekten gehen Immobilienvermittelnde deshalb immer aggressiver vor.

  • Auch bei trauernden Witwen drängen sie sich auf.

Die Preise für Wohnungen und Häuser gehen durch die Decke. Seit Corona ist das Eigenheim noch beliebter, der Immobilienmarkt umso ausgetrockneter. Maklerinnen und Makler gehen darum auf der Suche nach neuen Objekten immer aggressiver vor.

Eine Maklerin eines Winterthurer Immobilienvermittlers behelligte eine 75-jährige Witwe am Telefon. Nett aber forsch habe sie gefragt, ob sie sich einen Verkauf ihres Hauses vorstellen könne, sagt die Pensionierte zur «Sonntagszeitung».

Geärgert habe sie vor allem, dass die Frau mit ihr sprach, als ob sie geistig nicht mehr auf der Höhe wäre. «Eine Liegenschaft kann einem ab einem gewissen Alter ja auch zu viel werden, so mit dem Garten und allem», sagte die Maklerin, worauf die Witwe dankend ablehnte.

«Makler suchen neue Ansätze, wie sie an Kunden kommen»

«Die Maklerin fand den Kontakt der Witwe wohl über die Todesanzeige ihres verstorbenen Mannes heraus», sagt der Branchenexperte Gabriel Diezi von der Immobilienberatungsfirma Bestag. Die Firma sucht die besten Makler für Verkaufswillige. Er habe kein Verständnis dafür, dass man einen solch emotionalen Moment einer Person für kommerzielle Zwecke ausnutze.

Allerdings sei der Maklermarkt immer umkämpfter. Die Anzahl zum Verkauf stehender Wohnungen und Häuser in der Schweiz sei um rund 40 Prozent eingebrochen (siehe Box). «Deshalb haben Makler nicht genug Neugeschäfte und suchen nach neuen Ansätzen, wie sie an Kunden kommen», so Diezi.

10’000 Immobilien weniger

Zwischen Juni 2020 und April 2021 ging die Zahl der zum Verkauf angebotenen Immobilien um fast 40 Prozent auf zirka 17’000 zurück. Das sind rund 10’500 Immobilien weniger. Durch die Knappheit stiegen auch die Preise. Laut der Immobilienberatungsfirma Wüest Partner kosteten die Objekte im Schnitt im zweiten Quartal 2,1 Prozent mehr als noch im ersten Quartal 2021. Im Jahresvergleich beträgt der Preisanstieg 6,8 Prozent. Da die Maklerinnen und Makler beim Hausverkauf in der Regel eine Provision von bis zu 3 Prozent erhalten, profitieren sie bei den steigenden Immobilienpreisen noch mehr.

Pensionierte Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer wie die oben erwähnte Witwe werden deshalb derzeit besonders häufig von Immobilienvermittelnden umworben. Manche Immobilienvermittelnde greifen zum Telefon, andere stecken Flyer in Briefkästen oder gehen von Tür zu Tür.

Sie wollten so früh wie möglich dabei sein, auch wenn die Immobilie noch gar nicht zum Verkauf stehe. Wenn sich die Besitzerin einmal für den Verkauf entscheide, werde sie sich im besten Fall als erstes an den oder die Immobilienvermittelnde am Telefon erinnern.

«Mit 60 Prozent der Makler arbeiten wir gar nie zusammen»

Unter den etwa 10’000 Maklerinnen und Maklern in der Schweiz gebe es sehr gute, die Mehrheit sei aber zu wenig spezialisiert und zu viele bedienten sich unseriöser Praktiken. «Bestag wird mit etwa 60 Prozent der Makler gar nie zusammenarbeiten, weil wir nur mit den lokal kompetentesten arbeiten», sagt Diezi.

Auch Ruedi Tanner, Präsident der Schweizerischen Maklerkammer, unterstützt solche unaufgeforderten Kontaktaufnahmen nicht, obwohl sie oft erfolgreich seien. Diese würden ein schlechtes Licht auf die 120 Mitglieder der Kammer werfen. Das teils aggressive Vorgehen entspreche nicht der Mentalität der Deutschschweizer. Telefonanrufe würden schnell als aufdringlich empfunden.

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