Aktualisiert 15.12.2010 10:20

Berlusconis SiegAuferstehung eines Totgesagten

Silvio Berlusconi hat es allen gezeigt: Der italienische Ministerpräsident hat sich einmal mehr als brillanter Überlebenskünstler erwiesen.

von
Peter Blunschi

Noch vor einigen Tagen schien sein Ende besiegelt: Seit sein einstiger Verbündeter Gianfranco Fini den Bruch mit ihm vollzogen hatte, verfügte Silvio Berlusconi nicht mehr über die Mehrheit in der Abgeordnetenkammer. Doch die Abgesänge auf den Cavaliere erwiesen sich als verfrüht: Bei der Vertrauensabstimmung am Mittwoch kehrten einige Fini-Anhänger reumütig in den Schoss der Regierung zurück und verhalfen Berlusconi zum Sieg. Nun ist es Gianfranco Fini, der mit heruntergelassener Hose dasteht.

Über die Methoden, mit denen Berlusconi die «Überläufer» überzeugt hat, macht sich niemand Illusionen. Doch die schillerndste Person in der europäischen Politik war in der Wahl ihrer Mittel noch nie zimperlich. Im Bau- und Mediengeschäft brachte es Berlusconi bis zum reichsten Mann Italiens, als Politiker prägt er das Land seit über 15 Jahren. Er gilt als begnadeter Selbstdarsteller, der sich für sein jugendliches Image mehreren Schönheitsoperationen unterzog und eine Haarverpflanzung durchführen liess.

Erfolgreicher Bau- und Medienunternehmer

Bereits sein Jurastudium finanzierte er sich als Pianist auf Kreuzfahrtschiffen und Auftritten als Sänger. Noch vor seinem Abschluss 1959 wurde Berlusconi Geschäftsführer eines Mailänder Bauunternehmens. 1961 machte er sich mit der Firma Cantieri Riuniti Milanesi selbstständig. Berlusconi etablierte sich schnell als Investor zukunftsweisender Wohn- und Geschäftskomplexe um Mailand.

In den 70er Jahren richtete Berlusconi sein unternehmerisches Interesse zunehmend auf den Mediensektor. Er war massgeblich am Aufbau des Privatfernsehens in Italien beteiligt und vereinte bereits Mitte der 80er Jahre fast zwei Drittel der TV-Werbung Italiens in seiner Senderfamilie. Über die Holdings Fininvest und Mediaset ist Berlusconi an Filmproduktionsgesellschaften und Videotheken, Verlagen und Sportvereinen beteiligt. Von 1986 bis 2004 war er Präsident des Fussballvereins AC Milan.

Zum dritten Mal Regierungschef

Im April 2008 hatte der 74-jährige Tycoon mit überwältigender Mehrheit zum dritten Mal nach 1994 und 2001 die Parlamentswahlen gewonnen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem Linkszentristen Romano Prodi, eroberte der Mailänder eine klare Mehrheit sowohl im Abgeordnetenhaus als auch im Senat. Das hätte ihm ermöglichen sollen, ohne Hindernisse zu regieren und endlich die notwendigen Reformen anzupacken.

Berlusconi aber enttäuschte die Erwartungen. Lieber kümmerte er sich einmal mehr intensiv darum, sich vor Strafverfolgung zu schützen. Bereits seit Mitte der 90er Jahre liegt Berlusconi mit der italienischen Justiz im Dauerclinch. Zu den Vorwürfen gehörten Meineid, Bestechung, illegale Parteienfinanzierung, Bilanzfälschung, Steuerhinterziehung und Mafiakontakte, ohne dass es in insgesamt elf Verfahren zu einer rechtskräftigen Verurteilung kam. Mehrfach liess er für sich massgeschneiderte Gesetze zu verabschieden – etwa die neue Immunitätsregelung, die den Premierminister vor Prozessen schützt.

Sexaffären und Korruption

Der langsame Niedergang des Fernsehzaren begann im Mai 2009. Zahlreiche Sexaffären, die in der Scheidung von seiner Gattin Veronica Lario gipfelten, Schwierigkeiten mit der Justiz, der Angriff durch einen Verwirrten in Mailand und endlose Korruptionsskandale in seiner Partei: Kaum etwas ist Berlusconi erspart geblieben. Das Image des braungebrannten, Optimismus versprühenden Milliardärs ist längst dahin, ersetzt durch das Bild eines verunsicherten Mannes, der hartnäckig um seine Machtposition kämpft.

Mit dem hauchdünnen Sieg am Mittwoch hat er den Kopf noch einmal aus der Schlinge gezogen. Dennoch ist seine Position geschwächt. Über kurz oder lang dürfte es zu Neuwahlen kommen, und da darf man Silvio Berlusconi keinesfalls abschreiben, denn die Schwäche der Opposition ist seine grösste Stärke. Noch ist die Geschichte des grossen Überlebenskünstlers aus Mailand nicht zu Ende geschrieben.

(Mit Material von SDA und DAPD)

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