Übertritt ans Gymnasium – Aufnahmeprüfungen werden weniger streng korrigiert
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Übertritt ans GymnasiumAufnahmeprüfungen werden weniger streng korrigiert

Gymi-Anwärter müssen teilweise verschleppte Defizite aufarbeiten. Damit sie nicht wegen der Pandemie durch die Prüfung rasseln, herrscht eine grössere Fehlertoleranz. 

von
Bettina Zanni
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Prüfungsexpertinnen und -experten setzen den Korrekturstift zurückhaltender an.

Prüfungsexpertinnen und -experten setzen den Korrekturstift zurückhaltender an.

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In den Vorbereitungskursen sitzen Anwärter und Anwärterinnen, die nicht nur für die Prüfung büffeln, sondern auch verschleppte Defizite aufarbeiten müssen.

In den Vorbereitungskursen sitzen Anwärter und Anwärterinnen, die nicht nur für die Prüfung büffeln, sondern auch verschleppte Defizite aufarbeiten müssen.

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Wegen des Coronavirus konnte der Unterricht im letzten halben Jahr oft nicht wie gewohnt stattfinden.

Wegen des Coronavirus konnte der Unterricht im letzten halben Jahr oft nicht wie gewohnt stattfinden.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

Einige Kandidatinnen und Kandidaten zittern vor der Gymi-Aufnahmeprüfung im März. In den Vorbereitungskursen sitzen Anwärter und Anwärterinnen, die nicht nur für die Prüfung büffeln, sondern auch verschleppte Defizite aufarbeiten müssen – wegen des Coronavirus konnte der Unterricht im letzten halben Jahr oft nicht wie gewohnt stattfinden. Prüfungsexpertinnen und -experten setzen den Korrekturstift deshalb zurückhaltender an.

Beim Korrigieren der Aufnahmeprüfung könne es vorkommen, dass gewisse Korrekturanweisungen angepasst würden, teilt die Bildungsdirektion des Kantons Zürich auf Anfrage mit. Dieser Prozess finde jedoch jedes Jahr statt. «Man ist sich aber der besonderen Situation bewusst und widmet sich dem Thema mit besonderer Sorgfalt.»

«Defiziten könnte Rechnung getragen werden»

Auch beim St. Galler Bildungsdepartement heisst es: «Sollte sich zeigen, dass entgegen den Erwartungen dennoch erhebliche Defizite bestehen, so könnte diesem Umstand bei der Korrektur der Prüfung Rechnung getragen werden.»

Auch im Kanton Schaffhausen soll niemand wegen Pandemie-Defiziten durch die Prüfung rasseln (siehe Box). Auch schon vor Corona hätten die Lehrpersonen der Sekundarstufe I grundsätzlich die Möglichkeit bei Nicht-Bestehen einen begründeten Antrag auf Aufnahme zu stellen, sagt Pasquale Comis, Rektor der Kantonsschule Schaffhausen. «Mögliche Gründe können sein beispielsweise Krankheit, Ausfall von Lehrpersonen oder aktuell Quarantäne.» Die gesetzlichen Grundlagen des Kantons Schaffhausen liessen es somit zu, auch auf Ausnahmesituationen adäquat reagieren zu können.

«Braucht nicht mehr volle Punktzahl»

Lucius Hartmann, Präsident des Vereins der Schweizerischen Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer VSG, vermutet, dass die Prüfungsverantwortlichen bei Bedarf den Notenmassstab anpassen, wie dies auch bisher manchmal schon gemacht worden sei. «Dann braucht es nicht mehr die volle Punktzahl für die Note 6.» In der Mathematik sei möglich, dass reine Rundungsfehler nicht als Fehler zählten, wenn der Lösungsweg stimme, sagt Hartmann. Beim Aufsatz könnten etwa sprachliche Fehler weniger stark gewichtet werden.

Gegen Aufnahmeprüfungsresultate werden immer wieder Rekurse eingelegt. Spitzenreiter ist der Kanton Zürich mit durchschnittlich über 50 Rekursen pro Jahr. Matthias Michlig, Anwalt spezialisiert auf Prüfungsrekurse, rechnet mit einer Rekurswelle. «Bei Rekursen klammern sich Eltern und gescheiterte Prüfungskandidaten an jeden Strohhalm.» Dass den Defiziten bei der Korrektur der Prüfungen Rechnung getragen werde, biete ihnen beste Voraussetzungen, um ein negatives Prüfungsresultat anzufechten.

Vornoten als Abfederung

Lucius Hartmann glaubt hingegen nicht, dass die Rücksicht auf pandemiebedingte Defizite einen Hagel von Rekursen zur Folge haben wird. «Die Kantone gehen ja bereits einen Schritt auf die Kandidierenden zu, indem dem erschwerten Unterricht Rechnung getragen wird.» Zudem böten die allfälligen Vornoten oder die mündlichen Prüfungen eine Möglichkeit, die spezielle Situation aufgrund der Pandemie abzufedern.

Bildungsforscher Stefan Wolter beurteilt das Ansinnen, Aufnahmeprüfungen ans Gymnasium weniger streng zu korrigieren, skeptisch. Zunächst einmal seien schulische Defizite aufgrund von Corona wissenschaftlich nicht belegt, sagt er. Zweitens berge eine Anpassung der Voraussetzungen die Gefahr, dass auch Schülerinnen und Schüler den Übertritt ins Gymnasium schaffen, die es vor Corona nicht geschafft hätten. Um dies zu vermeiden, sollten die Prüfungen laut Stefan Wolter ganz normal korrigiert und benotet werden. «Erst nachträglich, wenn man dann sieht, dass viel weniger bestanden haben als in den Vorjahren, sollte man die Schwelle herabsetzen, damit es ungefähr gleich viele sind.»

Denn wenn Schülerinnen und Schüler ans Gymnasium kommen, welche die Anforderungen schon vor Corona nicht erfüllt hätten, hätten diese eine erhöhte Gefahr, in den Folgejahren wieder auszuscheiden. «Es sei denn, man würde diese Generation permanent anders benoten und bewerten, was nicht möglich ist.»

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