Libysche «Normalität»: Aufräumen in Bengasi – mit Todesschwadron
Aktualisiert

Libysche «Normalität»Aufräumen in Bengasi – mit Todesschwadron

Die libyschen Rebellen melden Erfolge im Kampf gegen Gaddafi. In ihrer Hochburg Bengasi kehrt Normalität ein – doch es kommt auch zu Racheakten gegen Schergen des Regimes.

von
pbl
Junge Freiwillige reinigen die Strassen von Bengasi - ein Zeichen von Normalität in der Rebellenhochburg.

Junge Freiwillige reinigen die Strassen von Bengasi - ein Zeichen von Normalität in der Rebellenhochburg.

Nach wochenlangem «Stellungskrieg» scheinen sich die Fronten in Libyen zu bewegen, und zwar zu Gunsten der Aufständischen. Nach Angaben eines AFP-Korrespondenten rückten ihre Truppen im Westen des Landes am Dienstag etwa 15 Kilometer in Richtung der Stadt Sintan zwischen Misrata und Tripolis vor. Auch an der östlichen Front bei Adschdabija sollen die Rebellen nach eigenen Angaben Geländegewinne erzielt haben.

«Es sieht gut für uns aus», sagte Ahmed Bani, der militärische Sprecher der Aufständischen, gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Selbst in der Hauptstadt Tripolis gibt es Indizien, die auf eine schrumpfende Unterstützung Gaddafis schliessen lassen. Ein Augenzeuge berichtete, an einigen Schulen sei die Fahne der Aufständischen gehisst worden. In den vergangenen Tagen habe es zudem nächtliche Razzien und Verfolgungsjagden gegeben.

Reporter des Fernsehsenders CNN bestätigten dieses Bild. Ihnen war es gelungen, sich den «Aufpassern» des Regimes zu entziehen und mit Rebellen Kontakt aufzunehmen, die sich im Untergrund formieren. Nach deren Angaben sind 75 Prozent der Bevölkerung in Tripolis gegen Gaddafi. Für einen Aufstand seien sie aber noch zu schwach, so die vorwiegend jungen Rebellen. Immerhin soll es bereits zu kleineren Demonstrationen gekommen sein.

EU-Büro in Bengasi

In der Rebellenhochburg Bengasi im Osten Libyens kehrt derweil so etwas wie Normalität ein, wie die «New York Times» berichtet. Polizeistationen, die zu Beginn des Aufstands im Februar in Brand gesetzt wurden, seien wieder in Betrieb. Die Rebellenregierung denke sogar daran, die Schulen noch in diesem Monat wieder zu öffnen. Einwohner erklärten, die Kriminalität in Bengasi sei niedriger als vor Beginn der Kämpfe.

Passend dazu will die Europäische Union ein Büro in Bengasi einrichten. Dies erklärte EU-Aussenpolitikchefin Catherine Ashton am Mittwoch vor dem EU-Parlament in Strassburg. Mit dem Büro soll der nationale Übergangsrat gestärkt werden, sagte Ashton. Zudem wolle man so besser auf die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung reagieren. Die Menschen verlangten Hilfe bei der Bildung, beim Gesundheitssystem und bei der Sicherung der Grenzen.

Alte Rechnungen begleichen

Doch das schöne Bild hat Risse. Sie sind Ausdruck der üblichen Begleiterscheinungen einer Revolution. Bengasi sei eine «paranoide Stadt», so die «New York Times». Gross sei das Misstrauen gegenüber echten oder vermeintlichen Anhängern Gaddafis. Sie werden verdächtigt, eine «fünfte Kolonne» zu bilden mit dem Ziel, die Rebellen zu besiegen. Gleichzeitig werden offenbar alte Rechnungen begriffen. In den letzten Wochen wurden mehrere ehemalige Schergen des Regimes ermordet.

Die «New York Times» berichtet von zwei Männern, die von maskierten und bewaffneten Leuten verschleppt und regelrecht hingerichtet wurden. Beide sollen als «Befrager» für den Geheimdienst gearbeitet haben, der für seine Brutalität gegenüber Regimekritikern berüchtigt war. Dies erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Todesschwadron gebildet habe, die Jagd mache auf ehemalige Gaddafi-Gefolgsleute.

Flüchtlinge als «Waffe»

Gleichzeitig gibt es Indizien, wonach Muammar al Gaddafi seine Drohung wahr macht und die Flüchtlinge aus Schwarzafrika als «Waffe» gegen die NATO und den Westen einsetzt. Der Flüchtlingsstrom aus Libyen in Richtung Italien habe sich in den letzten Tagen deutlich verstärkt, sagte Jean Philippe Chauzy von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) dem «Telegraph». Man habe Hinweise, dass viele Menschen von den libyschen Behörden in die Boote gezwungen und ihrer gesamten Habe beraubt worden seien. (pbl/sda/dapd)

Deine Meinung