Biscuit-Fabrikant Kambly: «Aufs Schweizer Kreuz müssten wir verzichten»
Aktualisiert

Biscuit-Fabrikant Kambly«Aufs Schweizer Kreuz müssten wir verzichten»

Die Marke Kambly gilt als urschweizerisch, könnte aber die rot-weisse Flagge verlieren. Oscar A. Kambly über Swissness, Kaufangebote und die Erbschaftssteuer.

von
S. Spaeth
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Oscar A. Kambly, Verwaltungsratspräsident der gleichnamigen Firma, führt das Familienunternehmen in dritter Generation.

Oscar A. Kambly, Verwaltungsratspräsident der gleichnamigen Firma, führt das Familienunternehmen in dritter Generation.

Peter Schneider
Drei Generationen Kambly. In der Mitte der heutige Chef Oscar A. Kambly.

Drei Generationen Kambly. In der Mitte der heutige Chef Oscar A. Kambly.

zvg
Vom Werk in Trubschachen aus beliefert Kambly die ganze Welt.

Vom Werk in Trubschachen aus beliefert Kambly die ganze Welt.

Herr Kambly, hat es zuhause in Ihrem Schrank auch mal Willisauer-Ringli oder Prussiens?

Selbstverständlich. Basler Läckerli beispielsweise gehören bei mir sogar zum Vorrat. Bin ich unterwegs, schaue ich mir Süssigkeiten, Kochkünste und Essenstrends auf der ganzen Welt an: Dabei achte ich weniger auf Konkurrenten aus der Biscuit-Branche als auf Grands-Chefs und Chef-Patissiers. Kambly kopiert nicht. Wir werden kopiert!

Ist diese Kopiererei mehr Ärger oder Ehre?

Dass wir kopiert werden, gehört einfach dazu. Das zu akzeptieren, habe ich von meinem Vater gelernt. Als ich mich als Jugendlicher über eine wirklich dreiste Kopie geärgert hatte, sagte er lächelnd: «Wenn wir kopiert werden, gehen wir jedes Mal einen Schritt weiter vorwärts.»

Kambly betont das Schweizerische. Gibt es bald Probleme mit der Herkunftsbezeichnung, weil wegen der Swissness-Vorlage fast alle Rohstoffe aus der Schweiz kommen müssen?

Wir sind seit 105 Jahren schweizerisch und tragen seit Jahrzehnten die Schweizer Flagge mit Freude, Dankbarkeit und Stolz in die Welt. Die Swissness-Vorlage hatte einst das gute Ziel, Missbrauch mit der Flagge durch ausländische Hersteller zu verhindern. Leider ist sie aber zur protektionistischen Massnahme geworden, die Schweizer Lebensmittelproduzenten behindert statt schützt.

Im dümmsten Fall würde Ihnen das Schweizer Kreuz entzogen …

Richtig. Bei gewissen Packungen müssen wir wohl bald aufs Schweizer Kreuz verzichten. In unserem Verhalten wird sich aber nichts ändern, wir stehen zum Standort Schweiz und zum Emmental. Fakt ist: Wenn wir nicht genügend hochstehende Schweizer Rohstoffe auftreiben können, müssen wir halt da zukaufen, wo es die besten gibt. Absurd an der Swissness-Regel ist: Je nach Umfang der hiesigen Ernte bestimmter Rohstoffe dürften wir manchmal die Schweizer Flagge verwenden, manchmal nicht.

Wäre ein Kambly-Biscuit ohne das Schweizer Kreuz ein Nachteil?

Nein, weder im Ausland noch in der Schweiz. Wer Kambly gerne hat, weiss, dass wir aus dem Emmental kommen und für hohe Qualität stehen.

Wie sehr leidet Kambly unter der Frankenstärke?

Wir sind von der Frankenstärke sehr stark betroffen. 42 Prozent des Umsatzes machen wir im Ausland. Unsere Marge ist enorm unter Druck geraten. Das Problem: Bei einem schnell drehenden Konsumgut kann man nicht in jedem Land einfach die Preise erhöhen. Aus einzelnen europäischen Märkten und Läden in Süd- und Osteuropa haben wir uns darum zurückgezogen, dafür bauen wir in Asien weiter aus.

Ist es denkbar, Produktionsschritte ins Ausland zu verlagern?

Die Kambly-Bretzeli werden immer aus der Schweiz kommen. Es ist aber denkbar, dass wir gewisse Fertigungsstufen für Exportsortimente ins Ausland verlagern. Will heissen: Wir senden beispielsweise Biscuits für den asiatischen Markt in einer Primärverpackung nach Hongkong, wo sie dann assortiert und verpackt werden. Dadurch wird unsere Logistik günstiger.

Wie stark negativ wird sich die Frankenstärke auf Ihr Geschäftsjahr auswirken?

Es gibt ein hartes Jahr. Kambly hat in seinen 105 Jahren aber schon sehr viele grosse Schwierigkeiten gemeistert, beispielsweise die beiden Weltkriege oder die Ölkrise. Ich bin zuversichtlich für die Zukunft und vergleiche uns mit einem Bauern, dem es die ganze Ernte verhagelt hat: Er wird nie sagen, er glaube nicht an das nächste Jahr.

Sie leiten ein Familienunternehmen in dritter Generation. Wird Kambly auch in vierter Generation noch von jemanden aus der Familie Kambly geführt?

Ja, das ist familienintern geregelt. In ein paar Jahren wird es so weit sein, den Zeitpunkt meines Rücktritts habe ich innerlich geplant. Noch will ich aber keine Einzelheiten kommunizieren. Ich freue mich, dass die nächste Generation die Verantwortung übernimmt.

Haben Ihnen Banker geraten, mit Kambly an die Börse zu gehen?

Dazu wurde mir schon mehrmals geraten. Ich sage aber immer: Mich interessiert es nicht, Geld zu kassieren, dafür aber einen Teil der Aktien abzugeben. Wenn wir vollständig in Familienbesitz bleiben, kann mir niemand sagen, er wolle schneller mehr Geld sehen.

Gab es Angebote von Investoren, die Kambly kaufen möchten?

Ich erhalte regelmässig Kaufangebote für Kambly. Doch das grosse Geld interessiert mich nicht. Das Ziel von Kambly ist, dass es allen mit der Unternehmung verbundenen Personen gut geht. Das ist die wahre Verantwortung des Unternehmers. Ich sage deshalb jeweils: «Behaltet euer Geld, ich behalte meine Passion.»

Bald stimmt die Schweiz über die Erbschaftssteuer-Initiative ab. Wird diese Vorlage Kambly irgendwie gefährden?

Der Gedanke hinter der Erbschaftsteuer-Initiative ist falsch. Jede Wertschöpfung in einer Volkswirtschaft beginnt mit einer guten Idee, das war bei Henry Nestlé, Alfred Schindler und Kambly so. Wenn man die Familienunternehmen nun mit einer Steuer daran hindert, die Firmen an die nächste Generation zu übergeben, wird der Pioniergeist unterbrochen. Die Erbschaftssteuer zwingt Familien dazu, ihre Firma eher zu verkaufen.

Die Vorlage sieht aber Ausnahmen vor.

Ja, aber diese sind nur halbherzig und greifen nicht. Fakt ist: Überall auf der Welt, wo steuerliche Belastungen ein Hindernis sind für die Übertragung einer Unternehmung innerhalb der Familie, sind Wirtschaftswachstum und Wohlstand kleiner. Die Erbschaftssteuer ist eine grosse Gefahr für unsere Volkswirtschaft und damit für alle Bürger.

Sollte es entgegen den Erwartungen ein Ja geben, haben Sie vorgesorgt?

Wir haben lange vor der Initiative mit einer Eignerstruktur vorgesorgt, die sehr auf Kontinuität ausgerichtet ist. Wir verstehen uns nicht als Eigentümer, sondern als Treuhänder in ihrer Generation. Mir wurde anvertraut, während meiner Zeit das Beste aus dem Unternehmen Kambly zu machen.

Der Ursprung

Der junge Bäcker Oscar R. Kambly – der Grossvater des heutigen Chefs – folgte 1906 dem Ruf der Liebe und liess sich im Emmental nieder, wo er die Bäckerei seines ehemaligen Lehrmeisters kaufte. 1910 gründete er die Firma Kambly. Statt wie jede Bäckerei eine Vielzahl austauschbarer Produkte nur fürs Dorf herzustellen, wollt Oscar R. Kambly eine einzigartige Spezialität für die ganze Schweizer herstellen. Dabei setzte er aufs Bretzeli nach dem Familienrezept der Grossmutter. (sas)

Der Patron

Oscar A. Kambly (63) führt die Traditionsfirma aus Trubschachen in dritter Generation. Der Gebäckhersteller aus dem Emmental zählt aktuell 435 Beschäftigte. Kambly schreib zuletzt einen Umsatz von rund 160 Millionen Franken, gut die Hälfte davon stammt aus dem Ausland. Der wichtigste Exportmarkt ist Frankreich. Die Franzosen geben laut Kambly doppelt so viel aus für Nahrungsmittel wie für Versicherungen. Bei den Deutschen sei es genau umgekehrt. (sas)

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