Occupy Wall Street: Aufstand der 99-Prozent-Gesellschaft

Aktualisiert

Occupy Wall StreetAufstand der 99-Prozent-Gesellschaft

Ein Prozent lebt in Saus und Braus, der Rest muss kämpfen. Immer weniger Amerikaner wollen sich damit abfinden. Sie verschaffen der Occupy-Bewegung Zulauf.

von
Peter Blunschi

Die Sesamstrasse, die Langzeit-Fernsehserie mit pädagogischem Anspruch, hat am Sonntag ein oft tabuisiertes Phänomen zum Thema einer einstündigen Sondersendung gemacht: Hunger im Land der längst nicht mehr unbegrenzten Möglichkeiten. Laut dem US-Landwirtschaftsministerium leiden rund 17 Millionen amerikanische Kinder Hunger, weil sich ihre Eltern nicht genug Nahrung leisten können. Eine neue Puppe namens Lily – genannt «hungry Muppet» – sollte ihnen ein Gesicht geben.

Kinderarmut ist nur eine – besonders deprimierende – Facette der rasant wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich in den USA. Während langer Zeit wurde sie mehr oder weniger gleichgültig hingenommen. So lange die Mittelklasse einigermassen über die Runden kam, kümmerte sie sich nicht darum, dass die Reichen immer reicher wurden und die Armen arm blieben, getreu dem «American Way of Life», nach dem jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Die Finanzkrise von 2008 jedoch hat auch die Mittelschicht in den Abwärtsstrudel gerissen, sie leidet unter hoher Arbeitslosigkeit, Überschuldung und sinkenden Löhnen.

Jahrzehntelange Stagnation

Davon profitiert die Occupy-Bewegung, die sich laut dem «Guardian» auf 70 grössere Städte und mehr als 600 Gemeinden ausgeweitet hat. Was in New York als Protest gegen die Wall Street begann, entwickelt sich zu einer Volksbewegung gegen soziale Ungleichheit. An den Kundgebungen vom Wochenende tauchte immer wieder die Zahl 99 auf. Gemeint sind jene 99 Prozent der Bevölkerung, die sich von Wachstum und Wohlstand abgekoppelt fühlen, während das eine Prozent der Reichen und Superreichen in Saus und Braus lebt.

Dabei handelt es sich keineswegs um Einbildung, das Phänomen ist statistisch erhärtet und reicht weit zurück. In den letzten 40 Jahren sind Einkommen und Vermögen der reichsten Amerikaner regelrecht explodiert. Seit 1970 haben sich die Gehälter der Topverdiener vervierfacht, während der Durchschnittslohn inflationsbereinigt nur um 26 Prozent stieg. Nicht weniger als 90 Prozent der Amerikaner mussten laut der «Süddeutschen Zeitung» mit stagnierenden oder sinkenden Löhnen leben.

Einkommen um 10 Prozent gesunken

Seit der Finanzkrise hat sich dieser Trend verschärft, wie eine Studie von zwei ehemaligen Mitarbeitern des US-Statistikamtes zeigt, über welche die «New York Times» am Montag berichtete. Demnach sank das durchschnittliche Haushalts-Einkommen in den USA zwischen Dezember 2007 und Juni 2011 inflationsbereinigt um 9,8 Prozent auf 49 909 Dollar. Die Autoren der Studie sprachen von einem «bedeutenden Rückgang des amerikanischen Lebensstandards».

Noch schlimmer kam es für jene, die ihren Job verloren haben. Wer eine neue Beschäftigung fand, musste eine Lohneinbusse von durchschnittlich 17,5 Prozent hinnehmen. Dies zeigt eine weitere Studie von Henry Farber, Wirtschaftsprofessor und Spezialist für Beschäftigung an der Universität Princeton. Die Amerikaner arbeiten immer länger und verdienen immer weniger. Die Folgen können auf dem Blog «We are the 99 Percent» nachgelesen werden. Tausende Amerikaner berichten dort über ihre verzweifelte Lage mit hohen Schulden, oft aus Studiendarlehen, unbezahlbaren Arztrechnungen und miesem oder keinem Lohn.

«Backlash gegen die Reichen»

Die Gründe für die Entwicklung sind vielschichtig: Die Globalisierung, die zahlreiche gut bezahlte Industriejobs ausradiert hat; die Schwäche der Gewerkschaften; die immer höheren technologischen Anforderungen; die explodierenden Gesundheitskosten. Immer weniger Amerikaner sind bereit, sich damit abzufinden. «Ungleichheit ist eine neue politische Bruchlinie», stellte Robert Samuelson fest, Wirtschaftskolumnist der «Washington Post». Für ihn findet ein eigentlicher «Backlash gegen die Reichen statt».

Amerikas «99-Prozent-Gesellschaft» erhebt sich. Die Occupy-Bewegung wird zunehmend als linke Alternative zur staatsfeindlichen Tea Party wahrgenommen. Ob sich eine echte Massenbewegung daraus entwickelt, bleibt vorerst offen. Rechte Politiker und Kommentatoren jedenfalls spucken bereits Gift und Galle gegen die vermeintlichen «Marxisten». Der Wirtschaftsnobelpreisträger und «New York Times»-Kolumnist Paul Krugman hingegen betont, nicht die Protestierenden seien «unamerikanisch», sie wollten nur gehört werden: «Die wahren Extremisten sind Amerikas Oligarchen, die jegliche Kritik an der Quelle ihres Reichtums unterdrücken wollen.»

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