Aktualisiert 15.08.2011 18:43

Politik ohne Hilfe von obenAufstand der Gottlosen

Weil sie sich von der Politik zu wenig ernst genommen fühlen, tritt erstmals ein Gruppe Konfessionsloser für die Nationalratswahlen an. Sie will unter anderem den Religions-Unterricht abschaffen.

von
Jessica Pfister
In der Schweiz sind 25 Prozent der Bevölkerung konfessionslos. Die Austritte aus den Kirchen nehmen von Jahr zu Jahr zu.

In der Schweiz sind 25 Prozent der Bevölkerung konfessionslos. Die Austritte aus den Kirchen nehmen von Jahr zu Jahr zu.

Sie fordern ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, die Abschaffung des Fachs Religion in der Schule und eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik. Um diesen Anliegen national Gehör zu verschaffen, treten 34 Personen aus dem Kanton Zürich mit einer eigenen Liste «Konfessionslose.ch – Liste für die Trennung von Kirche und Staat» zu den Nationalratswahlen im Herbst an.

«Während zahlreiche Politiker und Parteien die Religion als Thema entdecken, werden die Bedürfnisse der Konfessionslosen kaum berücksichtigt», begründet Adreas Kyriacou die Gründung der neuen Liste. Dabei spricht der Präsident der Zürcher Freidenker und Mitglied der Grünen Partei vor allem auch die SVP an, die für das Wahljahr ihr Grundsatzpapier mit einem Kapitel «Religion» angereichert hat. Darin bekennt sich die Partei zur «christilich-abendländischen Kultur». Für Kyriacou unverständlich: «Es kann doch nicht sein, dass sich Politiker scheuen, säkulare Anliegen aufzunehmen, aus Angst, sie könnten religiöse Parteimitglieder verärgern.» Bedenklich sei auch, dass Parteien wie die CVP oder EVP aus religiösen Gründen versuchen würden, das Rad der Zeit zurückzudrehen und etablierte Regelungen wie die Sterbehilfe oder den Schwangerschaftsabbruch auszuhebeln. «Wir wollen überall dort, wo eine konservative Haltung religiös begründet ist, Gegensteuer geben.» Politik solle losgelöst von religiösen Vorstellungen gemacht werden.

25 Prozent Konfessionslose in der Schweiz

Kyriacou, der die parteiübergreifende Liste anführt, ist überzeugt, dass das Wählerpotenzial der Konfessionslosen gross ist. «Immer weniger Personen haben einen persönlichen Bezug zur Religion und dieser Tatsache sollte auch in der Politik Rechnung getragen werden.» Gemäss den im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft» durchgeführten Studien ist die Gruppe der Konfessionslosen mit 25 Prozent mittlerweile die drittgrösste «religiöse Gruppierung in der Schweiz». Die Anzahl der Reformierten (32 Prozent) und der Katholiken (31 Prozent) nimmt von Jahr zu Jahr ab.

«Die Zeiten der ‹Gut und Böse›-Welterklärung sind vorbei», schreibt Listenmitglied Daniel Andres. Dazu gehöre auch die Abschaffung des Fachs Religion in der Schule. «Es kann nicht sein, dass in unserer weitgehend säkularisierten Gesellschaft den Kindern der Eindruck vermittelt wird, dass Religion zwingend zum Leben des Einzelnen gehört», sagt Kyriacou. Es reiche deshalb, wenn die Lehrer das Basiswissen über Religionen im Geschichtsunterricht vermitteln würden. «Aussderdem sollen Kinder wissen, dass man auch ein anständiger Mensch sein kann, wenn man nicht religiös ist.»

«Gottheiten sind wie der Samichlaus erfunden»

Was den Glauben angeht, ist den Mitgliedern der Liste gemein, dass sie das Weltbild nicht religiös begründen. Freidenker Kyriacou glaubt nicht an übernatürliche Kräfte. «Gottheiten sind für mich wie ein Samichlaus erfundene Figuren.» Die Welt erkläre er lieber mit wissenschaftlicher Forscherneugierde als mit alten Büchern.

Parteiübergreifende Liste

Die Nationalratsliste der Konfessionslosen würde am Montag mit über 500 Unterstützerunterschriften eingereicht. Auf der Liste befinden sich nebst zahlreichen parteilosen Personen ein ehemaliger FDP-Gemeinderat, ein alt-Kantonsrat der Partei der Arbeit und Mitglieder der Juso, der SP, der Grünen und der Grünliberalen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.