«Paradies Perdu», Teil 3: August 2006 - das FBI tritt eine Lawine los
Aktualisiert

«Paradies Perdu», Teil 3August 2006 - das FBI tritt eine Lawine los

Lukas Hässig, Wirtschaftsreporter von 20 Minuten Online, zeichnet in seinem neuen Buch «Paradies Perdu» den Niedergang des Bankgeheimnisses nach und zeigt den Anteil, den die UBS daran hatte. Wir bringen Auszüge.

Fast zur gleichen Zeit, als die Entscheidung fiel, alles beim Alten zu belassen, ging in der letzten Augustwoche des Jahres 2006 der Alarm in der Zürcher UBS-Zentrale los. Ein Berater des Teams Kalifornien war in einem Hotel in Los Angeles verhaftet worden.

Das FBI hatte einen amerikanischen Kunden des UBS-Mitarbeiters beschattet, der aufgrund radikaler Äusserungen im Internet gegen die Regierung von George W. Bush unter Terrorverdacht geraten war. Das FBI vermutete in dem Schweizer Bankier einen Gehilfen und überrumpelte ihn im Hotelzimmer. Der verängstigte Schweizer wurde festgehalten und verhört. Als er endlich gehen durfte, raste er ins Hotel, säuberte seinen Laptop, alarmierte die UBS-«Security-Line» in Zürich, die rund um die Uhr für Notfälle bereitsteht, und wollte das Land fluchtartig verlassen. Am Flughafen wurde er erneut in Gewahrsam genommen und befragt.

«Wir sind keine Kriminellen»

Der Vorfall warf hohe Wellen. Die UBS-Chefs beriefen Krisenmeetings ein und verboten sämtliche Reisen in die USA. Die verunsicherten Berater hatten Angst, auf einer Verhaftungsliste zu landen. Am 26. September 2006 flössten ihnen Vorgesetzte und Hausjuristen auf einer internen Schulung neuen Mut ein. Auf einer Folie mit der Überschrift «Lessons learned» schrieben sie: «Keine Panik, keine überstürzten Handlungen! Wir sind keine Kriminellen!»

Wer erstmals Kunden besuchte, sollte sich von einem erfahrenen Kollegen begleiten lassen. Geldtransporte für Kunden wurden ab sofort verboten. Regelmässig das Hotel zu wechseln wurde «dringend empfohlen».

Aufmerksame Teilnehmer konnten Widersprüche ausmachen. Einerseits hiess es, man dürfe bei Kundengesprächen in den USA «nicht auf Wertpapiere oder Börsendienstleistungen» verweisen. Bereits im nächsten Satz definierten die Autoren einen Ausweg. Falls der Kunde selbst nach der idealen Betreuungsform fragen würde, könnten die Berater über die Vermögensverwaltungsmandate der UBS «informieren». Wieder war sie da, die haarscharfe Trennung zwischen legal und illegal, die sich in der Praxis als untauglich erwiesen hatte.

Lug und Betrug wurden zum notwendigen Übel

Allein aufgrund der Fragen und der Antworten in den Trainingssessions konnte man sich im falschen Film wähnen. Sie zeichneten ein Bild von Mitarbeitern, die sich ständig verstecken und verleugnen mussten und die auf ihren Auslandsreisen permanent befürchteten, von den Behörden der Supermacht USA enttarnt und verhaftet zu werden.

Es zählte zu den erstaunlichsten Erkenntnissen dieser Geschichte, dass Kundenberater und Vorgesetzte ihre Sorgen offen aussprachen, ohne diese zu hinterfragen – zu verlockend waren die sprudelnden Gewinne für alle Involvierten. Eine Kultur hatte sich breitgemacht, in der Lug und Betrug zum geschäftsnotwendigen Übel geworden war.

Der Sündenfall

«Paradies Perdu – Vom Ende des Schweizer Bankgeheimnisses» erscheint Hoffmann und Campe, Hamburg. Ab 13. April im Schweizer Buchhandel.

Weitere Infos zu «Paradies Perdu» finden Sie hier.

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