«Diskriminierend und rassistisch»: Auktions-Plattform löscht irritierendes Servierboy-Angebot 
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«Diskriminierend und rassistisch»Auktions-Plattform löscht irritierendes Servierboy-Angebot 

Ricardo hat ein Inserat für einen «Servierboy aus den 30er-Jahren» aufgeschaltet. Dieses sei aus heutiger Sicht rassistisch, sagt ein Experte. Das Auktionshaus hat nun gehandelt.

von
Marcel Urech
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Ein Leser hat die Redaktion auf dieses Inserat bei Ricardo aufmerksam gemacht.

Ein Leser hat die Redaktion auf dieses Inserat bei Ricardo aufmerksam gemacht.

Screenshot Ricardo
Die Figur stellt einen schwarzen Menschen mit grossen Ohrringen und einem roten Frack dar, der ein Serviertablett in der Hand hält.

Die Figur stellt einen schwarzen Menschen mit grossen Ohrringen und einem roten Frack dar, der ein Serviertablett in der Hand hält.

Screenshot Ricardo
«Aus heutiger Sicht ist diese Darstellung diskriminierend und rassistisch», sagt Pascal Pernet, Präsident der GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus.

«Aus heutiger Sicht ist diese Darstellung diskriminierend und rassistisch», sagt Pascal Pernet, Präsident der GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus.

Screenshot Ricardo

Darum gehts

  • Ricardo hat ein Inserat online gestellt, das einen stereotypen schwarzen Servierboy zeigt.

  • Der Anbietende erhielt die Figur aus einem Nachlass und wollte sie loswerden. 

  • «Die Darstellung ist diskriminierend», sagt der Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus.

News-Scout L.P.* hat sich über ein Inserat auf einer Auktions-Plattform geärgert, das er unangebracht und rassistisch findet. Das Angebot auf der Website Ricardo, die wie 20 Minuten zur TX Group gehört, bewirbt einen «schönen Servierboy aus den Dreissigerjahren», der afrikanische Stereotype bedient.

Die Figur stellt einen schwarzen Menschen mit grossen Ohrringen und einem roten Frack dar, der ein Serviertablett in der Hand hält. Der Inserent gibt an, dass es sich um ein Objekt aus einem Nachlass handle. Zum Publikationszeitpunkt dieses Textes gab es ein Gebot für die Auktion in der Höhe von 49 Franken.

«Ein solches Objekt gehört ins Museum»

«Aus heutiger Sicht ist diese Darstellung diskriminierend und rassistisch», sagt Pascal Pernet, Präsident der GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus. Man müsse in diesem Fall aber berücksichtigen, dass die Figur fast 100 Jahre alt sei. Und damals sei der Zeitgeist eben noch ein anderer gewesen.

Muss Ricardo das Inserat trotzdem löschen? Nicht unbedingt, sagt Pernet, denn Ricardo sei keine Sittenpolizei. Er merkt an, dass der Verkäufer hier mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eine rassistische Ideologie, sondern eine historische Figur aus einem Nachlass anpreise: «Schlechter Geschmack ist in der Schweiz nicht strafbar.»

Heikle und kuriose Auktionen sind keine Seltenheit

Auktionsplattformen sorgen immer mal wieder für Aufsehen mit Inseraten. Auf Ricardo und Ebay wollte ein Nutzer zum Beispiel einen Aschenbecher mit dem Logo des Schoggigetränks Comella verkaufen – doch dieses Logo ist rassistisch. Und im Oktober ging ein fünfblättriges Kleeblatt für 1,2 Millionen Franken über den Ladentisch. Der Deal platzte allerdings, da es sich um einen versehentlichen Kauf handelte.

Ein Zürcher versteigerte auf Ricardo ein Kunstwerk, das er «Gesicht des Anschisses» nannte. Der Sofort-Kaufpreis betrug 18 Millionen Franken. Und der FC-St. Gallen-Fan Ursi Schläpfer bot das Meisterbier des Clubs aus dem Jahr 2000 elf Jahre nach dem Titel auf Ricardo an – für hunderttausend Franken.

Die Redaktion hat auch mit dem Historiker und Rassismus-Experten Georg Kreis gesprochen, der Geschichte an der Universität Basel unterrichtete. Er sagt: «Ein solches Objekt gehört in ein Museum.» Man sollte die Figur öffentlich anschauen können, und sie dürfe nicht unkommentiert bleiben, so Kreis.

Ricardo reagiert

Auch Ricardo hat sich gegenüber 20 Minuten geäussert: «Dieser Artikel ist ein historischer Zeitzeuge aus den 30er-Jahren und auch klar so deklariert.» Da man aber jede Art von Rassismus und Diskriminierung ablehne und allfällige Beschwerden verhindern wolle, werde man das Angebot löschen. 

Ricardo informiert betroffene Mitglieder jeweils über die Löschungen und blockiert im Wiederholungsfall auch Konten. Der Anbieter setzt «automatische Tools» und reale Personen ein, um solche Inserate zu verhindern. Die Nutzerinnen und Nutzer können diese zudem melden, wie es auf Anfrage heisst.

Mittlerweile hat Ricardo tatsächlich gehandelt: Klickt man nun auf den Link zur Anzeige, heisst es: «Dieses Angebot wurde vorzeitig beendet.»  

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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