Vergiftungsgefahr: Aus Angst vor Corona schlucken Menschen Wurmkur für Pferde
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VergiftungsgefahrAus Angst vor Corona schlucken Menschen Wurmkur für Pferde

Die Impfstoffe wirken, die Produktion läuft auf Hochtouren. Doch nicht alle wollen sich gedulden, bis sie an der Reihe sind und setzen auf Alternativen. Doch das kann lebensgefährlich sein.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Aus Angst, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren und schwer zu erkranken, ist manchen Menschen jedes Mittel recht. 

Aus Angst, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren und schwer zu erkranken, ist manchen Menschen jedes Mittel recht.

Wikimedia Commons/CDC/PD
So versuchen sich immer wieder Menschen mit dem Antiparasitenmittel Ivermectin zu wappnen. 

So versuchen sich immer wieder Menschen mit dem Antiparasitenmittel Ivermectin zu wappnen.

imago images/ZUMA Wire
Manche schrecken auch nicht davor zurück, Ivermectin-Präparate zu nutzen, die eigentlich für die Anwendung bei Tieren vorgesehen sind. Diese enthalten zum Teil deutlich höhere Dosen des Wirkstoffs. 

Manche schrecken auch nicht davor zurück, Ivermectin-Präparate zu nutzen, die eigentlich für die Anwendung bei Tieren vorgesehen sind. Diese enthalten zum Teil deutlich höhere Dosen des Wirkstoffs.

imago/Frank Sorge

Darum gehts

  • Um sich gegen das Coronavirus stark zu machen, greifen einige Menschen zu bedenklichen Präparaten.

  • Aktuell hoch im Kurs ist Ivermectin, ein Mittel gegen Parasiten, das sowohl beim Menschen als auch beim Tier eingesetzt wird.

  • Auch vor Produkten aus der Veterinärmedizin wird nicht halt gemacht.

Als Wunderwaffe gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 wurde schon so einiges gepriesen. Auch Kurioses: Man denke nur an Donald Trump, damals noch Präsident der Vereinigten Staaten, der an einer Pressekonferenz laut darüber nachdachte, ob man Menschen nicht einfach Desinfektionsmittel spritzen könnte. Zwar tat Trump dies später als «Sarkasmus» ab, doch mindestens 30 Personen setzten den von zahlreichen Fachleuten kritisierten Irrsinn in die Tat um und schluckten entweder medizinisches Desinfektionsmittel, Bleichmittel oder aber Haushaltsreiniger.

Obwohl US-Präsident Joe Biden in Aussicht gestellt hat, bis Mai 2021 alle erwachsenen Amerikaner zu impfen, setzen einige von ihnen auf alternative – und überaus gefährliche – Behandlungsmethoden. «Die Giftnotrufzentralen reagieren immer noch auf Ereignisse im Zusammenhang mit Covid-19», zitiert Iflscience.com Julie Weber, Präsidentin der American Association of Poison Control Centers und Direktorin der Giftnotrufzentrale von Missouri. «Im Schnitt bekommen wir über 40 bis 50 Anrufe pro Tag, zusätzlich zu dem, was wir normalerweise vor der Pandemie bekommen haben.» Derzeit wieder hoch im Kurs sei das Antiparasitenmittel Ivermectin (siehe Box).

Vor diesem warnte die US-Arzneimittelbehörde FDA bereits im Frühjahr 2020. Insbesondere von jenen, die aus der Veterinärmedizin stammen, sollte man die Finger lassen: «Sie können bei Menschen ernsthafte Schäden verursachen.» Es drohten Krampfanfälle, Koma, Lungen- und Herzprobleme, mitunter auch der Tod.

Woher kennt man Ivermectin?

Ivermectin, das zur Gruppe der Avermectine zählt, wurde ursprünglich in den 1970er Jahren entdeckt und zunächst als Tierarzneimittel verwendet, um innere und äussere Parasiten bei Haustieren und Nutztieren abzutöten. Verabreicht wird es unter anderem bei einem Befall mit Fadenwürmern und Krätzmilben. Die Effekte beruhen auf der Bindung an Chloridkanäle, was zur Lähmung und zum Tod der Parasiten führt. Derzeit wird es auch zur Behandlung von Parasiteninfektionen bei Menschen eingesetzt. Etwa bei Kopfläusen.

Studie verantwortlich für Run auf Ivermectin

Wie die FDA schreibt, begann das verstärkte Interesse an dem Mittel, das unter anderem als Wirkstoff in Entwurmungspräparaten für Pferden vorkommt, nachdem australische Wissenschaftler im April 2020 berichteten, dass Ivermectin in Zellkulturen die Vermehrung von Sars-CoV-2 verhindern und das Virus selbst innerhalb von 48 Stunden abtöten kann. Ob das auch bei einem infizierten Menschen funktioniert, zeigte die Studie nicht. Um das sagen zu können, sei noch weitere Forschung mit schlüssigen Daten erforderlich.

Schon damals besorgten sich Menschen Ivermectin zur Selbstmedikation. Einige bezahlten den Versuch mit ihrem Leben. Entsprechend mahnte die australische Gesundheitsministerin Jenny Mikakos an einer Pressekonferenz: «Es gibt keinen Grund, in die nächste Apotheke zu laufen und ein Präparat gegen Kopfläuse zu kaufen – ausser natürlich, man will damit die Haare seines Kindes behandeln.»

Kontroverse Aussagen über Ivermectin

Seit der Veröffentlichung beschäftigen sich mehrere Studien mit der Rolle von Ivermectin im Kampf gegen das Coronavirus. Bisher allerdings mit ziemlich gegensätzlichen Ergebnissen, wie Mangala Narasimhan, Direktor der Critical Care Services bei Northwell Health in New York, gegenüber Healthline.org sagte: «Einige klinische Studien zeigten keinen Nutzen oder eine Verschlimmerung der Krankheit nach Ivermectin-Einsatz.»

Wieder andere seien zu dem Schluss gekommen, so die Medizinerin, dass die Gabe des Mittels zu einer besseren Erholung, verringerten Entzündungsmarkerwerten und zu einer niedrigeren Sterblichkeit führt. «Allerdings hatten die meisten dieser Studien unvollständige Informationen und erhebliche methodische Einschränkungen.» Zu diesen zählte etwa eine kleine Stichprobengrösse, unterschiedliche Ivermectin-Dosen und Patienten, die gleichzeitig mit anderen Medikamenten behandelt wurden.

Deutlich höhere Dosis des Wirkstoffs

Die FDA betont auf ihrer Seite, dass man keine Medikamente einnehmen sollte, die nicht vom Arzt verschrieben wurden, um Covid-19 vorzubeugen oder zu behandeln, und dass die Behandlungen von einer legitimen Quelle erworben werden müssen.

Giftexpertin Weber warnt zudem explizit vor der Nutzung von Präparaten aus der Veterinärmedizin: «Wir hatten gerade einen Fall, in dem jemand eine tierärztliche Quelle für Ivermectin verwendet hat: Ein Pferdemedikament, das eine deutlich höhere Dosis des Wirkstoffs enthält.» Das sei lebensgefährlich, selbst wenn es nicht in grossen Dosen eingenommen wird. Die Reaktionen reichten von Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen und Schwellungen im Gesicht oder an den Gliedmassen bis hin zu Krampfanfällen, plötzlichem Blutdruckabfall und Leberschäden.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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