Aktualisiert 28.01.2010 15:26

GastbeitragAus «Ausländern» werden «Muslime»

Der Abstimmungskampf um die Minarett-Initiative geht in die letzte Runde. Vieles ist aber weiterhin unbeantwortet: Gibt es tatsächlich eine Islamisierung? Werden die Muslime radikaler? Und warum fordern sie «plötzlich» Minarette? Islamwissenschaftler Samuel Behloul geht für 20 Minuten Online den wichtigsten Frage nach.

von
Samuel M. Behloul

Die emotional geladenen Debatten über die Präsenz und vor allem die künftige Entwicklung von Muslimen in der Schweiz stellen ein Phänomen jüngeren Datums dar – sie begannen vor allem nach dem 11. September 2001: Seither werden die zuvor mehrheitlich als «Gastarbeiter» beziehungsweise als «Ausländer» wahrgenommenen Migranten aus islamisch geprägten Gesellschaften plötzlich ausnahmslos über ihre Religionszugehörigkeit wahrgenommen.

In der Folge werden sie selbst mit neuen Themen und Fragestellungen konfrontiert: Vereinbarkeit von Islam und Demokratie, das Verhältnis des Islam zur Gewalt, Zwangsehen, Ehrenmorde und manches mehr. Kurz: Aus «Ausländern» und «Gastarbeitern» sind in der Zeit nach 9/11 «Muslime» geworden. Der Wandel verlief ungeachtet des Verhältnisses – ob als Individuen oder als Gruppen – zur Religion und dem Islam.

Den Islam gibt es nicht

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung und Berichterstattung in vielen Medien stellen muslimisch geprägte Zuwanderer und deren Nachkommen in der Schweiz weder in sprachlich-kultureller noch in religiös-praktischer Hinsicht eine homogene Religionsgemeinschaft dar: Von den Muslimen oder dem Islam kann in der Schweiz deshalb keine Rede sein (siehe auch Infokasten). Für die inzwischen rund 400'000 Muslime in der Schweiz bilden der Koran und die Person des Propheten Muhammad zwar den gemeinsamen Bezugspunkt, die Zugehörigkeit zu der jeweiligen Volksgruppe bleibt aber nach wie vor für die meisten von ihnen identitätsstiftend.

Neben diesen herkunft- und ethnospezifischen Unterschieden gibt es auch auf individueller Ebene Unterschiede im Umgang mit dem Islam: Konkret bedeutet dies, dass sich innerhalb einer ethnischen Gruppe (zum Beispiel Albaner, Türken oder Bosniaken) nicht jeder gleichermassen mit dem Islam identifiziert, sondern sein Verhältnis zur Religion und seine Zugehörigkeit zu der jeweiligen Gruppe individuell gestaltet – gemäss seinen eigenen Bedürfnissen und Interessen.

Mit den Familien kam die Wende

Der Zuzug von Migranten mit einem islamischen Hintergrund ist ein kontinuierlicher Vorgang, der schon seit mehreren Jahrzehnten erfolgt: Die Ankunft der ersten muslimisch geprägten Migranten datiert bereits in die frühen 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Die boomende Schweizer Wirtschaft benötigte zusätzliche Arbeitskräfte und schloss Anwerbeabkommen unter anderem mit der Türkei und dem damaligen Jugoslawien ab. Die religiösen Bedürfnisse der Migranten richteten sich nach ihren Lebensumständen – sofern sie unter der Erwartung und dem Gefühl eines vorübergehenden Arbeitsaufenthaltes überhaupt vorhanden waren. So wurden in dieser ersten Phase nur vereinzelt einfache Gebetsräume errichtet, in denen sich die Gastarbeiter muslimischen Glaubens zum gemeinsamen Gebet trafen.

Zu der entscheidenden Wende im Leben der muslimisch geprägten Gastarbeiter kam es, als sie dazu übergingen, ihre Familien in die Schweiz nachzuholen: An die Stelle der ursprünglichen Bedürfnisse der Gastarbeiter nach Gebetsräumen und einfachen Treffpunkten traten jetzt die Bedürfnisse nach der Pflege der religiös-kulturellen Wurzeln. Ab Ende der 80er-Jahre begannen Muslime eigene, das heisst auf die jeweils eigene Volksgruppe bezogene religiös-kulturelle Vereine zu gründen.

Parallel zu den eigenkulturellen Gründungsaktivitäten haben Muslime in den letzten Jahren in der gesamten Schweiz begonnen, sich über ihre Sprach- und Kulturgrenzen hinaus in Dachvereinen zu organisieren. Solche Zusammenschlüsse stellen einerseits eine Plattform für den Verständigungsprozess unter Muslimen selbst dar. Andererseits dienen die Dachverbände dem Zweck, für Schweizer Behörden einen Ansprechpartner bereitzustellen und an einer schnelleren Umsetzung der zentralen Anliegen als Religionsgemeinschaft zu arbeiten.

Radikale Strömungen und die Minarett-Initiative

Einzelpersonen und kleinere Gruppen unter den in der Schweiz lebenden Muslimen haben Verbindungen zu den islamistischen Bewegungen und vertreten radikale Ansichten. Die Zahl wird auf rund 5 Prozent geschätzt. Aufgrund guter Geschäftsbedingungen wird die Schweiz von solchen Gruppen vor allem als sicherer und diskreter Finanzplatz für Geldtransaktionen genutzt. Mit Blick auf radikale Ansichten und Ideen muss allerdings zwischen den Ideen, die eine strengere Auslegung des Islam fordern, und einer Haltung, die zum religiös-politischen Extremismus neigt, unterschieden werden. Empirische Erhebungen und wissenschaftliche Analysen über radikale Strömungen und Ansichten unter den Muslimen in der Schweiz fehlen aber bislang.

Weder ein Minarett-Verbot noch der Bau von Minaretten kann radikale Ideen verhindern. Denn solche Ideen gehen generell aus einer radikalen Auslegung und Ideologisierung der Religion hervor. Eine Annahme der Minarett-Initiative würde vielmehr die grosse Mehrheit der Muslime verunsichern. Für sie wäre es ein Zeichen, dass man ihnen nicht vertraut und sich weigert, sie als inzwischen integralen Bestandteil der schweizerischen Gesellschaft zu akzeptieren.

Vielfalt muslimischen Lebens: Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung und Berichterstattung in vielen Medien stellen muslimisch geprägte Zuwanderer und deren Nachkommen in der Schweiz weder in sprachlich-kultureller noch in religiös-praktischer Hinsicht eine homogene Religionsgemeinschaft dar. Schon die statistischen Angaben zeugen von einer grossen inneren Vielfalt. 11 Prozent sind Schweizer (durch Einbürgerung, Heirat oder Übertritt zum Islam), 21 Prozent stammen aus der Türkei, 58 Prozent aus dem ehemaligen Jugoslawien (Albaner aus dem Kosovo und Mazedonien sowie Bosniaken). Aus Schwarzafrika, Asien und den Maghreb-Staaten kamen je 4 Prozent und aus dem Nahen Osten 2 Prozent. Rund drei Viertel hiesiger Muslime sind Sunniten, gefolgt von etwa 7 Prozent Schiiten (etwa 20.000 Personen), 10 bis 15 Prozent türkischer Aleviten und Sufis (Anhänger des mystischen Islam).

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