John Gobbi: Aus der Beiz an die WM

Aktualisiert

John GobbiAus der Beiz an die WM

Im September wird er 30 und endlich geht sein Traum in Erfüllung: John Gobbi verteidigt an der WM. Eine der verrücktesten Schweizer WM-Geschichten.

von
Klaus Zaugg
Kosice
John Gobbi (r.) ist ein knallharter Verteidiger. (Bild: Keystone/AP)

John Gobbi (r.) ist ein knallharter Verteidiger. (Bild: Keystone/AP)

Goran Bezina fällt durch eine im Spiel gegen Kanada erlittene Schulterverletzung für den Rest des Turniers aus. Er wird durch John Gobbi ersetzt. Verrückt: Nicht NHL-Verteidiger Yannick Weber oder einer der meisterlichen Abwehrspieler des HC Davos – Robin Grossmann oder der nordamerikaerprobte Tim Ramholt – ersetzt Bezina. Warum Gobbi? Nationaltrainer Sean Simpson hat gute Gründe, Gobbi an die WM zu holen.

Erstens ist Gobbi einer der härtesten Schweizer Spieler. «Er lässt sich nicht einschüchtern und wenn es nötig ist, schlägt er zurück», sagt sein Trainer Chris McSorley. Gobbi ist einer, der die bösen Hunde nicht nur verbellt, er beisst sie auch. Zweitens spielt Servette taktisch (Angriffsauslösung, Positionsspiel) ziemlich genau gleich wie die Nationalmannschaft.

Drittens kommt für Gobbi immer zuerst die Mannschaft. Er ist keine Gefahr für Chemie und Hierarchie der Mannschaft. Viertens ist Gobbi zwar kein schneller, aber ein enorm smarter Spieler und wird deshalb auch auf WM-Niveau nicht überfordert sein. Fünftens sucht er im Spiel immer die einfache, konservative, sichere Lösung. Er wird also keine Gefahr durch abenteuerliche Selbstüberschätzung heraufbeschwören.

Die Rolle im Service

Alles in allem ist John Gobbi ein ähnlicher Verteidiger wie Beat Gerber: Praktisch gleicher Stil, gleiche Grösse, gleiches Gewicht – aber eine Spur weniger beweglich und dafür härter und böser im Zweikampf.

Mit der Berufung an die WM geht ein Traum in Erfüllung. John Gobbi ist der Sohn von Danilo Gobbi, dem ehemaligen Wirt der Speisewirtschaft Vais in Ambri. Heute ist Danilo Gobbi in Ambri Stadionwirt. Der kleine John musste schon früh seinen Eltern helfen. Im Vais schmausten einst die Spieler und mit leuchtenden Augen servierte der Bub seinen grossen Vorbildern Speis und Trank. Nun hat er es weiter gebracht als die meisten Stars, die er damals glühend bewunderte: Nämlich bis an die WM. Aus der Beiz an die WM.

Ambri setzte nicht auf Gobbi

Ein gewisses Talent hatte der kleine Gobbi. Aber der schweizerisch-italienische Doppelbürger war nie ein Spektakeljunior und er hat auch nicht eine Postur, die auf den ersten Blick Angst einflösst (180 cm/86 kg). Und so ist er einst von den Talentsuchern der grossen Teams und den Junioren-Nationaltrainern übersehen worden. Wir finden seinen Namen auch nicht auf den Aufgebotslisten für die Junioren-Weltmeisterschaften. Und so war es fast logisch, dass auch Ambri das solide Handwerk seines eigenen Juniors nicht zu würdigen wusste.

Drei Jahre lang hatte Servettes Trainer und Manager Chris McSorley Gobbi bebachtet und 2004 bekam er seinen Wunschspieler. Ambris Sportchef Peter Jaks mochte die nicht einmal sonderlich hohe Offerte von Servette nicht kontern. Gobbi ist in Genf zu einem smarten «Rumpelverteidiger» und einem der härtesten Spieler der Liga gereift. Gobbi ist einer der wenigen Schweizer, die wirklich schmerzhafte Checks austeilen. In bisher 472 NLA-Qualifikations-Partien hat er 32 Tore und 77 Assists erzielt, aber 657 Strafminuten verbüsst. Chris McSorley weiss, was Gobbi wert ist und hat ihn vertraglich bis 2015 gebunden.

Servettes Cheftrainer erfasst alle Spieler der Liga (also auch die gegnerischen) nach dem gleichen Punkte-System wie die NHL-Manager. Die Bewertung von insgesamt elf Eigenschaften erfolgt von 1 bis 7. Gobbi kommt in der Gesamtnote knapp auf eine 6. Aber er hat maximale Bewertungen in den Bereichen Arbeitseinstellung, Defensivspiel, taktische Disziplin, Kampfkraft und Härte. «Er ist ein Spieler, der nie etwas geschenkt bekommen hat und alles sehr hart erarbeitet hat», sagt McSorley gegenüber 20 Minuten Online über seinen Musterverteidiger. Und freut sich, dass Gobbi jetzt erstmals zur WM fahren darf.

Premiere nach 40 Länderspielen

John Gobbi ist der einzige Spieler im Schweizer WM-Team, der nie für eine Junioren-WM ein Thema war. Und keiner hat die Berufung ins WM-Team so lang und hart erdauert wie er: 40 (!) Länderspiele (2 Tore, 3 Assists, 42 Strafminuten) hat er seit 2007 bestritten, jedes Mal ist er in der WM-Vorbereitung aus dem Team geflogen – doch nie hat er gemurrt, nie hat er aufgegeben und jetzt wird er belohnt.

Ist es richtig, dass einer wie Gobbi den meisterlichen Verteidigern von Davos und dem NHL-gestählten Yannick Weber vorgezogen wird? Ja, es ist richtig und das Aufgebot entspricht dem konservativen, auf Sicherheit ausgerichteten Hockeydenken unseres Nationaltrainers. Schliesslich heisst es auch: Lieber den (NLA)-Spatzen in der Hand als die (NHL)-Taube auf dem Dach.

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