Aus der Tiefe des Raumes
Aktualisiert

Aus der Tiefe des Raumes

Öffentliche Tagebücher im Internet: Blogs erlauben es selbst Computerlaien, ihre Gedanken und Erlebnisse zu
publizieren. Ein Phänomen im Überblick.
Text Felix Raymann

Was ist ein Weblog?

Weblogs — oder kurz: Blogs — werden gemeinhin als Online-Tagebücher bezeichnet, können aber weit mehr sein als nur die Dokumentation eines mehr oder weniger interessanten Bloggerlebens. Verweigerte man früher noch mittels Schlösschen und Schlüsselchen den Einblick in sein Tagebuch, stellt man Gedanken, Ideen und Erlebnisberichte heute ins Netz und hofft auf möglichst viele Leser. Einige Eigenschaften der Blogs sind einem Tagebuch dennoch nicht unähnlich: Einträge werden regelmässig vorgenommen, sind chronologisch aufgelistet und haben einen persönlichen Charakter. Die Vielfalt der Blogs zeigt, dass sie für jeden Nutzer wieder etwas anderes darstellen — das Spektrum reicht denn auch von todlangweiligen, banalen Laber-Blogs bis zu spannenden Plattformen, auf denen spezielle Themen verhandelt werden.

Wer sind die Blogger?

Gemäss neuster W3B-Studie betreiben vor allem intensive Internet-User, die unter 30 Jahre alt, computeraffin und in Ausbildung sind, ein eigenes Weblog. Da ein Blog sehr einfach eingerichtet werden kann, steht diese Publikationsform jedem offen — egal, ob man nun Selbstdarsteller, Experte, Hobbyliterat oder Besserwisser ist. In letzter Zeit haben auch diverse Promis einen Blog eingerichtet. So startete etwa Kurt Aeschbacher kürzlich den Aeschbacher-Blog.

Blogs werden unterschätzt — und überschätzt

Mit einem Blog seine Weltanschauung der ganzen Internetwelt verfügbar zu machen, ist revolutionär. Nie zuvor konnte man mit ein paar wenigen Handgriffen seine Texte einer breiten Masse von Lesern zugänglich machen. Deshalb ist der Blog für viele die ganz persönliche Zeitung, bei der jeder sein eigener Chefredaktor, Autor und Korrektor ist. Es wäre allerdings übertreiben, bei Blogs von einer «fünften Gewalt im Staat» zu sprechen. Eine gewisse Relevanz kann ihnen aber trotzdem nicht abgesprochen werden: Besonders dort, wo die Pressefreiheit eingeschränkt ist, können Blogs eine Art Gegenöffentlichkeit zu den herkömmlichen Medien bilden. Den «Sprung aus dem Netz» jedoch, den andere Netz-Aktivisten anstreben, ist für die meisten Blogger kein Ziel — ihre Welt ist das Internet. Bisweilen versuchen auch Unternehmen, Weblogs für PR-Zwecke zu nutzen, da sich Blogs gemäss der W3B-Studie «für zielgruppenspezifisches Marketing eignen».

Vernetzung

Eine der wichtigsten Eigenschaften der Blogs ist deren Vernetzung untereinander. Ausdrücklich erwünscht sind Kommentare der Leser, die sich dadurch mit dem Blog verlinken können. Einträge sind durch so genannte Permalinks miteinander verbunden. Diese lassen den Leser sehr leicht abschweifen, so dass man sich in der riesigen Blogosphäre ziellos durch alle möglichen Themen liest. Um neue Blogs aus der Schweiz kennen zu lernen, kann man etwa auf Blog.ch gehen. Dort werden laufend die neusten Einträge zahlreicher Schweizer Weblogs aufgelistet.

Wie viele Weblogs gibt es?

Nach ihrem Aufkommen in den USA ist die Zahl der Weblogs auch in Europa und in der Schweiz stark gestiegen. Auf der Blog-Suchmaschine Technorati finden sich zurzeit 29,2 Millionen Blogs, eine Studie von Consline geht insgesamt sogar von 40 Millionen Blogs aus. Gemäss einer anderen Schätzung soll sich die Zahl der weltweiten Blogs alle fünf Monate verdoppeln, während jede Sekunde irgendwo auf der Welt ein Blog aufgeschaltet wird. Allerdings werden bei weitem nicht alle Blogs regelmässig mit Einträgen versehen, so dass viele für immer gänzlich leer bleiben.

Selber Blogger werden

Um selbst Blogger zu werden, braucht man lediglich einen PC mit Internetanschluss und einen Internetbrowser. Man sucht sich im Internet einen Blog-Anbieter wie etwa www.jippii.ch/blogs oder www.blogger.com aus, denkt sich einen Namen für seinen Blog aus und registriert sich mit Benutzername, Passwort und E-Mail-Adresse. Innert Minuten hat man sich bei einem Blog-Anbieter registriert und kann sogleich mit dem ersten Eintrag beginnen — und darauf hoffen, dass ihn jemand liest, kommentiert oder im besten Fall sogar mit einem anderen Blog verlinkt.

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