Aktualisiert 07.01.2020 15:27

La Fabrica Aus der Zementfabrik wurde eine Märchenwelt

Der Architekt Ricardo Bofill hat in Katalonien aus einer alten Betonfabrik ein postmodernistisches Schloss geschaffen.

von
Daniela Gschweng
7.1.2020
1972 stiess Architekt Ricardo Bofill auf diese Zementfabrik in der Nähe von Barcelona.

1972 stiess Architekt Ricardo Bofill auf diese Zementfabrik in der Nähe von Barcelona.

ricardobofill.com
Er sah Potenzial und kaufte sie kurzerhand.

Er sah Potenzial und kaufte sie kurzerhand.

ricardobofill.com
Nach vielen Jahren Arbeit ist aus der heruntergekommenen Fabrik ein Zuhause geworden.

Nach vielen Jahren Arbeit ist aus der heruntergekommenen Fabrik ein Zuhause geworden.

ricardobofill.com

Industriegebäude sind in ihrer wuchtigen grauen Funktionalität gleichermassen hässlich wie beeindruckend. Wenn man nur das Hässliche wegnehmen und das Beeindruckende erhalten könnte, denkt sich so mancher Bewunderer. Der Architekt Ricardo Bofill Levi hat genau das geschafft.

Vor fast 50 Jahren fuhr der damals junge spanische Architekt an einer Betonfabrik in der Nähe von Barcelona vorbei. Rauch quoll aus dem Schornstein. 1972 war Spaniens älteste Zementfabrik in Sant Just Desvern noch in Betrieb und verpestete die Luft in der ganzen Umgebung. Die inzwischen 150 Jahre alte Anlage stand da schon kurz vor der Schliessung.

Ein Trümmerhaufen

Bofill, seit zehn Jahren Architekt mit eigenem Büro, war beeindruckt. Für den 1968 gebauten postmodernen Appartementkomplex La Muralla Roja an der Costa Brava hatte der Architekt gerade internationale Aufmerksamkeit erfahren. Das in auffällig roter Farbe gehaltene Betongebäude zeigte schon, worum es ihm beim Design ging.

Er kaufte die riesige Anlage mit dem 5000 Quadratmeter grossen Grundstück. Erworben hatte Bofill damit einen Trümmerhaufen. Die stillgelegte Betonfabrik war unaufgeräumt und schmutzig, teilweise baufällig. Die Wände bröckelten, in den 30 grossen Zementsilos hing eingetrockneter Zement und überall war Zementstaub. Unter dem Gelände entdeckte er eine

insgesamt vier Kilometer lange Tunnelanlage. Ein irres Projekt.

Die Kunst des Stehenlassens

Der Architekt mit der Vorliebe für Beton lässt sich nicht beirren und geht mit einem interdisziplinären Team ans Werk. Mithilfe von Dynamit und Presslufthämmern brechen sie einen guten Teil der Industrieanlage ab, verbinden Räume, entfernen Schutt. Nach Bofils Worten, um den verborgenen Körper des Gebäudes sichtbar zu machen.

Den grössten Schornstein Spaniens, der nun keine

Rauchwolken mehr ausstösst, muss er kürzen, weil ein Teil davon baufällig ist. Er konzipiert Fenster und Türen, verbindet Räume mit Treppen. An einigen Stellen stellt sich die Frage, ob das, was er macht, Architektur oder eher Bildhauerei ist.

Büros und Konferenzräume

Bofill gestaltet Privat- und Geschäftsräume, plant einen Garten. Die verbliebenen acht Silos werden zu Büros, die Fabrikhalle zum Konferenz- und Ausstellungsraum. Alles am Gebäude bleibt gross, sogar die Turmzimmer in den ehemaligen Silos. In den Winkeln seiner Privaträume sehen selbst die grossen Sofas winzig aus. Die Vorhänge sind mehrere Meter lang.

Einige Teile der alten Fabrik bleiben bestehen, es gibt Treppen, die nirgends enden, und Stützen, die nichts stützen. Ein architektonisches Tollhaus. Einen eindrucksvollen Namen braucht es nicht. Es bleibt, was es ist: «La Fabrica», die Fabrik.

Leben in begrüntem Beton

Bofill zieht mit seinem Architekturbüro dort ein. Das

grosse Sitzungszimmer nennen die Bewohner «la catedral». Mit den schmalen Arkadenfenstern, die Bofill überall verteilt hat, wirkt der Raum fast sakral. Ins Innere ragt ein Betonzylinder wie eine Skulptur, die der Hausherr mitgebracht hat.

Zwischen dem Beton hat Bofill umfangreiche Begrünung gepflanzt. Eukalyptus, Palmen, Zypressen und Olivenbäume umrahmen den mehr als 100-jährigen Beton. Das ist jetzt 40 Jahre her. Heute bewächst Efeu die Wände, Vögel und Tiere leben darin und haben den Koloss in eine grüne Oase verwandelt.

Noch nicht fertig

Die 150 Jahre alte Fabrik wirkt wie eine skurrile Ruine, ein grobes Schloss und wie ein Setting aus einem Science-Fiction-Film. Ein Gebäude und ein Hausherr, die sich entsprechen. Beide verorten sich irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Fertig ist Bofill mit seinem Lebenswerk nach eigenen Aussagen noch lange nicht. Der Kreativität hat es zusätzlich Schub verliehen. Der bekannte Architekt wird im Dezember 80 Jahre alt und beschäftigt über 60 Mitarbeiter. Wie sein Leben sei auch «La Fabrica» ein Projekt, das nicht ende, sagt er.

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