Schwule Dating-App: «Aus Geldnot habe ich meinen Körper verkauft»
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Schwule Dating-App«Aus Geldnot habe ich meinen Körper verkauft»

Eigentlich suchen sie auf Grindr Romantik oder ein heisses Date. Doch lukrative Geldangebote locken vor allem junge Schwule in die Prostitution.

von
Zora Schaad
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In 192 Ländern nutzen Schwule Grindr, um andere Männer kennenzulernen. Auch rund 35'000 Schweizer User zählt die App.

In 192 Ländern nutzen Schwule Grindr, um andere Männer kennenzulernen. Auch rund 35'000 Schweizer User zählt die App.

AFP/Chris DELMAS
Wer nicht allein im Bett liegen will, wird auf Grindr vielleicht fündig. Da die App standortbasiert ist, werden nur User in der Nähe angezeigt.

Wer nicht allein im Bett liegen will, wird auf Grindr vielleicht fündig. Da die App standortbasiert ist, werden nur User in der Nähe angezeigt.

Erotische Abenteuer oder romantische Dates sind aber nicht das Einzige, was man auf Grindr findet: User berichten, dass ihnen immer wieder Geld für Sex geboten wird. Wer wenig Geld hat, lässt sich vermutlich schon mal hinreissen – so wie Lars* in unserem Beitrag.* Name geändert

Erotische Abenteuer oder romantische Dates sind aber nicht das Einzige, was man auf Grindr findet: User berichten, dass ihnen immer wieder Geld für Sex geboten wird. Wer wenig Geld hat, lässt sich vermutlich schon mal hinreissen – so wie Lars* in unserem Beitrag.* Name geändert

«Du kriegst 300 Franken, Boy, wenn du oben ohne meine Karre putzt»: Was der Grindr-User mit seinem «dreckigen Auto» von Lars* wollte, war vergleichsweise unschuldig. Andere Männer teilten dem attraktiven 29-Jährigen direkt und auf teilweise sehr fordernde Art mit, dass sie mit ihm ins Bett wollten und ihn dafür gut bezahlen würden. Zum Beispiel so:

«Hallo, ich bin ein gepflegter älterer Herr, sehr grosszügig und suche entspannten Zeitvertreib mit jüngerem Studenten. Melde dich doch bei Interesse, bin sehr grosszügig.»

Sie wollen Studenten statt Stricher

«Junge Schwule werden auf Grindr dazu verleitet, ihren Körper zu verkaufen», sagt Lars. Auch Orlando*, ein 27-jähriger Zürcher mit dunklen Locken und markanten Wangenknochen erhält immer wieder entsprechende Angebote. «Zumeist sind die Kontakte ältere, dicke Männer, die auf dem normalen Datingmarkt keine Chance haben.» Er finde das «total abturnend».

Lars vermutet: «Diese User wollen nichts mit dem Sexmilieu zu tun haben und suchen explizit keine Stricher, sondern ‹unverbrauchte› junge Typen. Mich dünkt, die Freier setzen gezielt auf die Geldnot von Studenten. Das finde ich problematisch.»

«Aus Geldnot habe ich meinen Körper verkauft»

Lars ist das beste Beispiel dafür, dass die Freier mit diesem Vorgehen immer wieder Erfolg haben. Als er während seines ersten Studienjahrs ohne Job war, konnte er dem schnellen Geld nicht widerstehen. «Ich hatte zuvor keine Sekunde daran gedacht, meinen Körper zu verkaufen – doch nach den vielen Angeboten habe ich es schliesslich getan. Zweimal habe ich mich in Bern und in Luzern mit Männern getroffen, einmal mit einem schwulen Pärchen in einem Hotel.»

Für eine Stunde Liebesdienste erhielt er 300 Franken. «Wir haben den Preis im Vornherein vereinbart, bezahlt wurde ich nach dem Sex. Ich war grosszügig mit meiner Zeit und habe immer etwas überzogen.»

«Verstörend, wie schnell ich mich prostituierte»

Lars denkt nicht gern an seinen Nebenverdienst zurück: «Nach dem Sex habe ich mich wie leer gefühlt. Ich bin nicht stolz darauf, dass ich es getan habe. Aber ich war Student und in chronischer Geldnot.» Nach den drei Treffen habe er einen Schlussstrich gezogen und stattdessen einen deutlich schlechter bezahlten Job in einem Kaufhaus angenommen. «Ich wollte nicht, dass das Anschaffen für mich Normalität wird. Ich finde es verstörend, wie schnell ich in die Prostitution gelockt wurde. Heute lehne ich jedes Angebot ab.»

Dass auf Grindr für Sex Cash geboten wird, ist keine Seltenheit – obwohl es ein klarer Verstoss gegen die Geschäftsbedingungen darstellt. Grindr schreibt in seinen Community-Richtlinien: «Profile, in denen sexuelle Serviceleistungen angeboten werden (einschliesslich Begleit- oder Massageservices), führen zum Ausschluss.»

Mit dem Diamant-Emoji werben User für ihre Dienste

Besonders erfolgreich scheint die Plattform mit der Eindämmung der Prostitution nicht zu sein. «Es gibt unzählige Escorts auf Grindr. Sie kennzeichnen ihre Profile mit dem Emoji eines Diamanten und jeder weiss dann, was Sache ist», sagt Orlando. Dass Männer für Sex zahlen, stört Orlando und Lars nicht im Geringsten – aber dafür gebe es genug andere Apps und Websites. «Ich bin auf Grindr, weil ich tolle Männer kennenlernen will und Lust auf schöne Dates habe – mehr nicht!», so Orlando.

Roman Heggli, Geschäftsleiter der Schwulenorganisation Pink Cross, kennt das Phänomen: «Ich weiss, dass auf Grindr teilweise Geld für Sex geboten wird. Natürlich kann das als User mühsam sein, doch ich glaube nicht, dass wir mit einer Verbotskultur weiterkommen. Wichtig ist, dass es im legalen Rahmen bleibt, dass jeder Nein sagen kann und dieses Nein akzeptiert wird.»

Ist Grindr machtlos?

Grindr weist darauf hin, dass «unangemessene Aktivitäten» gemeldet werden können und Moderatoren die Profile gegebenenfalls entfernen. Lars hat das bereits mehrfach getan. «Wenn die Profile entfernt werden, machen die Männer wohl einfach ein neues. Langfristig nützt das nichts.»

*Namen von der Redaktion geändert

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