Ganz England hofft auf Murray: Aus «Henman Hill» soll «Mount Murray» werden
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Ganz England hofft auf MurrayAus «Henman Hill» soll «Mount Murray» werden

Andy Murray soll die britischen Tennisfans endlich erlösen und Grossbritannien den ersten Wimbledontitel seit 73 Jahren bescheren. Ausgerechnet Andy Murray - der Schotte, der lange Zeit alles andere als der Liebling der Massen war.

von
Philipp Reich

Fred Perry war 1936 der bislang letzte britische Sieger im «All England Lawn Tennis and Croquet Club». Seit 73 Jahren wartet Grossbritannien nun auf einen Nachfolger für den achtfachen Grand-Slam-Sieger. Schon lange durften sich die britischen Tennisfans nicht mehr so grosse und vor allem auch berechtigte Hoffnungen auf einen Heimsieg machen. Der Schotte Andy Murray soll der grosse Erlöser werden.

Murray bleibt gelassen

Die Weltnummer 3 triumphierte beim Vorbereitungsturnier von Queen's und schrieb Geschichte. Denn auch in West Kensington warteten die britischen Tennisfans mehr als 70 Jahre auf einen Heimsieg. 1938 war auch dort Fred Perry der letzte Sieger von der Insel. Nach dem Triumph bei der Wimbledon-Generalprobe sind die Erwartungen seiner Landsleute nun schier ins Unendliche gestiegen. Die Hoffnungen einer ganzen Nation lasten auf den Schultern des 22-jährigen Schotten.

Äusserlich bleibt Murray (vorerst) gelassen. «Du kannst dich von dem Druck beeinflussen lassen. Du kannst dich von den Erwartungen zermürben lassen. Aber ich werde einfach Tennis spielen und das ganze Drumherum ignorieren, weil ich nicht glaube, dass es meinem Spiel weiterhilft», erklärte er im Vorfeld. Doch ganz wird er den Rummel um seine Person wohl kaum ausblenden können. Während der restlichen Saison begleiten nur eine handvoll englische Journalisten den Tenniszirkus, in Wimbledon will jedes Blatt aber hautnah dabei sein und wenn möglich exklusive Bilder und Storys vom grossen Hoffnungsträger.

Henman immer wieder gescheitert

Wie es ist, wenn der Druck einer ganzen Nation auf einem lastet, kennt Murray erst seit diesem Jahr. Als Jugendlicher stand er lange Zeit im Schatten von seinem Landsmann Tim Henman, der in Wimbledon immerhin viermal den Halbfinal erreichte. Ein Triumph blieb dem Publiukumsliebling aber ebenso verwehrt wie seinen Landsleuten zuvor. Trotzdem wurde nach ihm der kleine Hügel vor dem Court No. 1 benannt. Auf dem «Henman Hill» fieberten jeweils die Fans bei seinen Spielen mit und unterstützten ihren Liebling so, dass man es bis ins Stadion hören konnte.

Im vergangenen Jahr wurde aus dem «Henman Hill» dann aber plötzlich der «Mount Murray» oder der «Murray Mountain». Mit der Viertelfinalniederlage des Schotten änderte sich dies jedoch schlagartig wieder. Murray war bei den britischen Tennisfans nämlich längst nicht so beliebt wie einst Tim Henman.

Die plötzliche Wandlung

Das liegt nicht nur daran, dass Murray Schotte ist und vor der WM 2006 gesagt hat, dass er im Fussball für jedes Team sei, dass gegen England gewinnt. Der Schlaks war bis zu seinem steilen Aufstieg im vergangenen Jahr auf dem Platz oft unbeherrscht und schlecht gelaunt. Nach Niederlagen zeigte er seine Unzufriedenheit, gab sich für die Medien unnahbar. Murray war nie einer, der es allen Leuten recht machen wollte - er eckte gerne an.

Als er sich und seine Emotionen auf und neben dem Platz plötzlich besser in den Griff bekommen hatte, ging es sportlich bergauf. Und auch bei den Fans ist seine Beliebtheit rapide gestiegen. Sollte er am 5. Juli tatsächlich als erster Brite seit Fed Perry den goldenen Siegerpokal in die Höhe stemmen dürfen, würde aus dem «Henman Hill» wohl definitiv der «Mount Murray» werden.

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