Weg mit Klischees: Aus Holzfällern werden Popstars
Aktualisiert

Weg mit KlischeesAus Holzfällern werden Popstars

Deutschland verzückt mit erfrischendem Offensivfussball. Vorbei die Zeiten, als ihre Spieler mehr Maschinen als Fussballer waren.

von
Gian Losinger & Reto Fehr

Erinnern Sie sich an die WM 1990? Das waren noch deutsche Fussballer, die Klischees erfüllten: Gross, zweikampf- und willensstark, aber technisch limitiert. Sie hiessen Thomas Berthold, Jürgen Kohler oder Guido Buchwald - und in Italien traten sie an, Supertechniker Diego Maradona zu stoppen.

Kerle wie Klaus Augenthaler oder Andy Brehme lieferten das perfekte Bild deutscher Recken. Beim Fussball wurde gekämpft und gearbeitet, aber auf keinen Fall zelebriert. Für spielerische Glanzmomente war einzig Thomas Hässler vorgesehen, dazu hin und wieder ein Solo von Lothar «Lodda» Matthäus. Noch heute ist sein Slalomlauf gegen Jugoslawien unvergessen.

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Und im Sturm, da hatten die Deutschen mit den unverkennbaren Rudi Völler und Jürgen Klinsmann ein Duo, das für den deutschen Angriff wie geschaffen war: Schnell, zielstrebig, torgefährlich. Beide mit langer Mähne, beide mit «typisch deutschem» Willen ausgestattet. Die Sympathiewerte ausserhalb Deutschlands waren äusserst gering, Weltmeister der Herzen wurde die damalige Elf nicht - aber sie wurde Weltmeister.

Offensiver ausgerichtet

20 Jahre später greift Deutschland erneut nach dem WM-Pokal. Doch ausser der Hymne vor dem Spiel erinnert nicht mehr viel an die Mannschaft von Italien 1990. Elf Akteure haben ausländische Wurzeln, die junge Truppe hat Popstarpotenzial.

Deutsche Tugenden erkennt man am ehesten noch in der Verteidigung. Dort türmen sich Per Mertesacker und Arne Friedrich. Robust, zweikampfstark und als Herren der Lüfte räumen die zwei auf. Doch schon auf den Aussenpositionen geht die Post ab. Philipp Lahm ist Deutschlands Antwort auf Dani Alves, Jérôme Boateng läuft ebenfalls öfters nach vorn als 1990 Brehme. Im Endspiel setzte der damalige Trainer Franz Beckenbauer mit Augenthaler, Berthold, Brehme, Buchwald und Kohler auf fünf defensive Akteure, selbst Lothar Matthäus orientierte sich nicht ungern gegen hinten.

Unterschiedliche Philosophien

Im Mittelfeld zeigen sich die Deutschen von ihrer besten Seite. Was früher Thomas Hässler alleine besorgen musste, teilen sich heute Schweinsteiger und Özil auf. Und ganz vorne hofft man nicht mehr nur auf zwei Kampfbomber, sondern man stürmt mit Klose, Podolski und Müller mit drei leichtfüssigen Knipsern, die nach dem Spiel auch schon mal einen lockeren Spruch zum Besten geben.

Und auf der Trainerbank? Früher sass dort mit Franz Beckenbauer ein Fussballkenner der alten Schule. Heute dirigiert der empathische Schwabe Joachim Löw, der offen für Neues ist. Während «Kaiser» Beckenbauer bei den Deutschen spätestens seit dem WM-Titel 1974 vergöttert wird, wurde Löw lange Zeit belächelt. Seine Trainingsmethoden und auch Personalentscheide (Klose, Podolski) zahlen sich nun aber aus. Zum einen in den Resultaten. Zum anderen aber erntet Deutschland mit seiner «neuen» Art und seinen neuen Botschaftern auf der ganzen Welt Sympathien, die weit über den Fussball hinaus gehen.

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