Verwirrung an Leichtathletik-WM: Aus leeren Rängen wird ein volles Haus
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Verwirrung an Leichtathletik-WMAus leeren Rängen wird ein volles Haus

Superstars wie Usain Bolt sollten an der Leichtathletik-WM in Berlin die Zuschauer in Scharen ins Stadion ziehen. Denkt man. Doch in Wahrheit treten die Athletinnen und Athleten grösstenteils vor halbleeren Rängen an. Die Organisatoren aber präsentieren erstaunlich gute Zuschauerzahlen - zu gut um wahr zu sein.

von
Monika Brand

Sonntagabend, 21.35 Uhr, die Welt schaut gespannt nach Berlin. Gleich zu Beginn der Leichtathletik-WM geht da das erste Highlight über die Bühne: der 100-Meter-Final der Männer. Auf die Plätze, fertig, los! Usain Bolt sprintet in unglaublichen 9,58 Sekunden zum Sieg - mit Weltrekord. Die Masse tobt.

Keine Stunde nach dem geschichtsträchtigen Lauf des Jamaikaners flattert eine Information der Organisatoren in die Mailboxen der Pressevertreter: «74 413 Besucher am Sonntag im Stadion». Eine beeindruckende Zahl. Ein würdiger Rahmen für Bolts Weltrekord. Dumm nur, dass das Olympiastadion Berlin nur 74 244 Leute fasst ... Und irritierend auch deshalb, weil man am Sonntabend - und damit auch während dem 100-Meter-Final - im Stadion zahlreiche leere Sitzreihen zu Gesicht bekam.

Verwirrende Zuschauerzahlen

Ein Tippfehler der Organisatoren also? Nein. Diese liefern gemäss der «Süddeutschen Zeitung» folgende Erklärung: «Die Morgenveranstaltung besuchten 23 300 Zuschauer, die Nachmittagsveranstaltung 51 113.» Tönt logisch - eigentlich. Doch die Rechnung geht nicht auf: Denn die Organisatoren verkaufen nur Tageskarten, nicht aber Einzeltickets für Morgen- oder Abendveranstaltungen. Will heissen: Es waren dieselben Zuschauer, die morgens und abends im Stadion sassen. Zumindest zum grossen Teil. Auf alle Fälle lässt sich nicht erruieren, wer der abendlichen Besucher nicht schon morgens im Stadion sass.

Für die «Süddeutsche Zeitung» kommentierte WM-Marketing-Chef Michael Mronz die Rechenübungen: «Das ist üblich. Der Weltverband IAAF will von uns ja vergleichbare Zahlen.» Und offenbar wurden bei den vergangenen Weltmeisterschaften die Zuschauerzahlen auf dieselbe Art und Weise ermittelt. Mit einem Unterschied: Dass an den vorherigen Anlässen auch Einzeltickets und nicht nur Tageskarten verkauft wurden.

Hoch gesteckte Ziele bleiben wohl unerfüllt

Der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes DLV, Clemens Prokop, sieht die verwirrenden Zahlen nicht als Desinformation der Öffentlichkeit. Das seien halt eben die Formalien. «Die IAAF zählt halt eben so», sagt Prokop. Überdies lege er Wert darauf, «dass wir bisher mit der Stimmung im Stadion voll zufrieden sind.» Mag sein, dass die Organisatoren mit der Stimmung zufrieden sind - mit dem Ticketverkauf dürfen sie es aber nicht sein. Schliesslich sprach man im Vorfeld der WM von neun ausverkauften Tagen als Ziel. Und wie es aussieht, wird dieses Ziel wohl nicht ein einziges Mal erreicht werden. Wenn nicht am Tag des 100-Meter-Finals der Männer, wann dann? Im Online-Ticketshop der Leichtathletik-WM sind derzeit zumindest noch für alle Tage Eintrittskarten zu haben ...

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