15-jährige Roma: Aus Schulbus geholt und abgeschoben
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15-jährige RomaAus Schulbus geholt und abgeschoben

Die Schüler in Frankreich gehen für sie auf die Strasse: Leonarda wurde bei einem Schulausflug abgeführt und in den Kosovo abgeschoben. Jetzt hagelt es Kritik an Innenminister Valls.

von
gux

Die Asylanträge der Roma-Familie Dibrani waren abgelehnt worden. Doch sie weigerte sich, Frankreich zu verlassen. Deswegen wurde der Vater am 8. Oktober festgenommen und ausgewiesen. Einen Tag später sollten Mutter und Kinder folgen. Als die Beamten kamen, sass die 15-jährige Leonarda bereits im Bus mit ihren Klassenkollegen. Die Polizei nahm den Teenager deswegen während des Ausflugs «in Empfang», schreibt das Innenministerium nüchtern.

Für die 15-Jährige aber war der Eingriff höchst emotional: «Ich habe mich geschämt und war wütend. Meine Klassenkameraden haben mich gefragt: ‹Warum? Hast du gestohlen oder jemanden umgebracht?› Ich habe in den Armen des Lehrers geweint. Ich hatte keine Zeit, mich zu verabschieden.» Die Mitschüler waren schockiert, als das weinende Mädchen den Bus verlassen musste und abgeführt wurde.

Im ganzen Land haben sich jetzt die Schüler mit Leonarda solidarisiert. Gestern blockierten sie in Paris rund 20 Schuleingänge und marschierten später zum Innenministerium. Auch an anderen Schulen im Land wurde gegen die Abschiebung des Roma-Mädchens protestiert und der Rücktritt von Innenminister Manuel Valls gefordert: «Valls lässt Roma bis in die Schulen hinein jagen!», so der Tenor. Vereinzelt kam es zu Scharmüzel mit der Polizei.

«Partei verliert Seele»

Auch in den eigenen Reihen kommt Valls unter Beschuss. «Es gibt das Recht. Aber es gibt auch Werte, bei denen die Linke keine Kompromisse machen wird, sonst verliert sie ihre Seele», twitterte etwa Parlamentspräsident Claude Bartolone. Bildungsminister Vincent Peillon meldete sich zu Wort: Dass die Behörden ein Mädchen aus der Schule abführten, ginge nicht, die Schule sei unantastbar.

Innenminister Valls betonte indes, bei der Abschiebung sei alles mit rechten Dingen zu und her gegangen. Valle hatte in Frankreich erst vor einigen Wochen für Irritationen gesorgt, als er den Integrationswillen von Roma grundsätzlich in Frage stellte. Indes: Die harte Linie kommt im Land an. Umfragewerten zufolge ist Valls um ein Vielfaches populärer als Präsident Hollande.

Gewalt und Lügen

Die Familie von Leonarda kommt aus dem Kosovo und lebte seit mehreren Jahren in Ostfrankreich. Vater Resat, so berichtet die französische «Huffington Post», sei der Polizei wegen Gewalt gegen die Ehefrau bekannt gewesen.

Jetzt behauptet der Mann, dass er bei der Einreise der Familie nach Frankreich im Jahr 2009 gelogen habe: Um vorläufig Asyl zu erhalten, habe er angegeben, alle Familienmitglieder seien im Kosovo geboren. Doch lediglich er sei dort geboren, seine Frau und Kinder hingegen seien alle in Italien geboren. Er sei bereit, im Kosovo zu bleiben. Seiner Familie aber müsse gestattet werden, wieder nach Frankreich zurückzukehren.

«Spreche nicht einmal die Sprache»

Im Fernsehen versicherte Leonarda von Mitrovica aus: «Mein Zuhause ist in Frankreich.» Das Leben im Kosovo sei ein «Albtraum», so die 15-Jährige. Gegenüber «Le Point» sagte sie: «Wir haben hier kein Haus, wir kennen hier niemanden. Ich spreche nicht einmal die Sprache.»

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